Interview mit Heike Ogrinz

Heike Ogrinz (links), Leiterin der beiden Düsseldorfer Graf Recke Kitas, mit ihrer Stellvertreterin Daniela Drengenburg.


Heike Ogrinz ist die Leiterin der Kindertagestätten der Graf Recke Stiftung in Düsseldorf-Wittlaer. Sie ist Initiatorin des Bewegungsjahres  und möchte mit ihren Kolleginnen die Bewegungshallen für die Kinder der Düsseldorfer Kitas der Graf Recke Stiftung mit neuen Raumkonstruktionen erweitern. Warum, das erzählt sie uns im Interview.

Frau Ogrinz, warum ist diese spezifische Erweiterung notwendig?

Die Bewegungsmöglichkeiten in einer solchen Halle sind wesentlich vielseitiger und geben den Kindern mehr Perspektiven als man ihnen in einer normalen Bewegungshalle bieten könnte. Ziel ist es, die körperliche Wahrnehmung der Kinder zu erweitern. Nur so kann psychomotorisches Lernen, ohne größere Defizite, gelingen. Dies ist die Basis, auf der die anderen Formen des Lernens aufbauen. Falls diese Dimension des Lernens nur stückweise stattfindet, kann es bei den anderen zu Problemen führen.

Wie soll die Bewegungshalle umgebaut werden?

Die Halle an sich muss nicht von Grund auf gebaut werden. Es ist vorgesehen, dass die jeweiligen Hallen individuell neu gestaltet werden. Es fehlen die richtigen Konstruktionen für das neue Equipment. Die sind sehr speziell und müssen extra für unsere Halle angefertigt werden. Daher ist das Ganze auch entsprechend teuer.

Für Sie stellt eine gute, qualitative Bewegung die Grundlage für das schulische Lernen dar. Warum?

Eine qualitativ gute Bewegung ist die Grundlage für die motorische Kompetenz, aber auch für die sprachliche Entwicklung der Kinder. Z.B. beim Erlernen des Schreibens (Schriftspracherwerb) sind diese Kompetenzen sehr bedeutsam. Ein Kind erfährt und spürt durch verschiedene Bewegungen und Bewegungsabläufe, was vertikal oder horizontal ist. Diese erfahrenen Richtungen oder Formen sind für das Schreiben der Buchstaben und Wörter relevant. Auch die richtige Fußstellung, die Sitzhaltung, eine gute Schultergürtelmuskulatur und das Zusammenspiel von Auge und Hand beeinflussen die Leichtigkeit des Lernens.

Warum ermöglicht Bewegung Zugang zum mathematischen Verständnis und zur Sprachentwicklung? Und warum ist es eine Grundlage zum Erlernen des Schreibens?

Durch zielgerichtete Angebote oder Bewegungslandschaften stärken wir als Erstes das Selbstvertrauen- die "Ich- Kompetenz". Maßgeblich für das Lernen ist die intrinsische Motivation. Die Kinder sollen von sich aus Spaß und Freude bei den Aktionen haben und nebenbei lernen. Konkret kann man sich es so vorstellen: Auf einer Weichbodenmatte hängt eine Langbank schräg an der Sprossenwand. Sie kann auf verschiedenen Wegen erklommen werden, um ganz oben auf der Sprossenwand zu sitzen. Wer sich traut springt von oben herunter oder rutscht die Bank wieder hinunter. Diese variablen Höhen, Schrägen und das gerade Herunterspringen sind neben dem Perspektivwechsel auch wichtig für die Stiftführung bei den Buchstaben, wie z.B. der schräge Strich nach oben bei einem „A“. In den Bewegungsstunden liegen die Kinder unter einer Matte, sitzen oben auf den Kasten oder stehen hinter einem Reifen. Hier üben selbst die ganz Kleinsten schon die Präpositionen. Die stetig erlebte Raumorientierung sowie die visuelle Entwicklung sind auch für die mathematische Bildung relevant. Auch im Zahlenraum müssen die Kinder sich orientieren können, um Zahlenfolgen verstehen und zu begreifen. Das Gleichgewicht hängt ebenfalls sehr eng mit der mathematischen Kompetenz zusammen. Die Aktionen in der Bewegungshalle schulen immer die Integration der beiden Gehirnhälften, die für das Lernen unabkömmlich ist. Auch legen wir großen Wert darauf, dass die Kinder viel Barfuß turnen. Das stärkt die komplette Haltung und bei den ganz Kleinen ist dies zur Lautbildung bedeutsam.

Wir sprechen beim Lernen mithilfe von Bewegungen auch von „sensorischer Integration“. Was ist unter diesem Begriff zu verstehen?

Es ist wichtig, dass alle Nerven wahrnehmungstechnisch optimal verbunden sind. Wenn Reize oder Impulse über die Haut aufgenommen werden, reagieren Nerven, die diese zum Gehirn weiterleiten. Dieses verarbeitet die Information über den Reiz und erwirkt dann wiederum über die Nerven eine Reaktion. Genau das ist es, das auch gelernt werden muss. Man muss verstehen, welche Auswirkungen eine bestimmte Reaktion hat oder besser gesagt, man muss ein Gefühl dafür bekommen, welche Reaktion in welcher Stärke angemessen ist. Anhand der Vorgehensweise wie man etwas macht, zum Beispiel kann man beim Einschenken in ein Glas  die sensorische Integration erkennen. (Heike Ogrinz schenkt sich mit ruhiger Bewegung Wasser in ihr Glas ein) Wenn jemand ein Glas so einschüttet, hat er gelernt, dass das Wasser in einer ruhigen Bewegung eingeschüttet werden muss, um nichts zu verschütten. (Heike Ogrinz gibt vor, das Wasser mit einer unruhigeren Bewegung einzuschütten.) In so einem Beispiel hat wahrscheinlich keine sensorische Integration stattgefunden. Die Person hat kein Gefühl und auch kein Verständnis dafür, dass das Wasser nicht nur im Glas, sondern auch auf dem Tisch landet, wenn man nicht ruhig eingießt. Mit anderen Worten: Ohne eine richtige Förderung wird die sensorische Integration nicht erlernt. Man könnte auch von einer Art Kombinationsgabe sprechen. Auch diese kann besser gefördert werden, sobald den Kindern der Zugang zur Bewegungshalle ermöglicht wird. Sie werden je nach Situation dahin trainiert, Bewegungsabläufe umzusetzen, die sie im normalen Alltag nicht erlernen würden.

Wie kann man das Vorhaben unterstützen?

Wer sich aktiv mit einer Aktion einbringen will, kann mich gerne kontaktieren. Für Geldspenden steht unser Spendenkonto zur Verfügung. Wir freuen uns über jede Unterstützung!

Spendenkonto: Graf-Recke-Kindertagesstätten gGmbH
IBAN: DE 25 3005 0110 0077 0069 97    BIC: DUSSDEDDXXX
Verwendungszweck: Bewegungspaten Wittlaer 

Kontaktdaten:  
Heike Ogrinz
Tel.: 0211 /2398510 
E-Mail: h.ogrinz@graf-recke-stiftung.de 

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