Sozial motiviert

Titelgeschichte der recke:in Nr. 3, November 2010

Freiwillig ein Jahr für soziale Aufgaben opfern? Aber gern! In der viel zitierten individualisierten Gesellschaft machen junge Menschen Erfahrungen, die ihnen neue Perspektiven verschaffen und manchmal ganze Lebensläufe verändern. Zwei Beispiele aus der Graf-Recke-Stiftung.

Von Sarah Lüning und Beate Simon

Vor Kurzem hat Larissa Steinmann ihr Studium an der Universität Köln begonnen. Die 19-Jährige hat sich für Sonderpädagogik eingeschrieben und wird in den kommenden Jahren neben den Fächern Mathematik und SozialwissenschaftenSonderpädagogik  auf Lehramt studieren. Nach ihrer Studienzeit möchte sie als Lehrerin für geistig und körperlich behinderte Kinder arbeiten. Hätte man Larissa noch kurz nach ihrem Abitur im vergangenen Jahr gefragt, was sie einmal beruflich machen möchte, hätte man eine ganz andere Antwort erhalten. Da hatte sie sich nämlich in Mönchengladbach für ein betriebswirtschaftliches Studium entschieden. Dann aber kam alles ganz anders.

Montagnachmittag um halb fünf trifft sich Benjamin Busumtiwi mit Frau S. vor dem Penny-Markt in Flingern. Sie wollen gemeinsam einkaufen. Sie gehen die Einkaufsliste durch und Frau S. sucht die Waren aus, die sie benötigt. Die Pfandflaschen werden weggebracht. Danach begleitet Benjamin Busumtiwi Frau S. nach Hause in ihre Einzimmerwohnung in Flingern. Benjamin Busumtiwi macht seit einem Jahr ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Geschäftsbereich Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik der Graf-Recke-Stiftung. Eine seiner Aufgabe ist es, mit Menschen, die in ihren Wohnungen betreut werden, regelmäßig einkaufen zu gehen.

Als Benjamin Busumtiwi bereits seinen Dienst im Sozialpsychiatrischen Verbund der Graf-Recke-Stiftung angetreten hat, befindet sich Larissa Steinmann in Mönchengladbach noch in der „Findungsphase“. „Ich habe schnell gemerkt, dass das BWL-Studium für mich nichts ist“, schildert die damals 18-Jährige. Sie entscheidet sich, das Studium abzubrechen und etwas ganz anderes zu machen: Ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Und da sie mit ihrer Familie in Wittlaer wohnt und aus diesem Grund die Graf-Recke-Stiftung bereits kennt, liegt die Überlegung nahe, sich hier um eine Stelle zu bewerben. So informiert Larissa sich beim Familien unterstützenden Dienst der Educon und entscheidet sich, die nächsten neun Monate ihrer gerade gewonnenen Zeit als Betreuerin eines behinderten Kindes einzusetzen.

Benjamin Busumtiwi, 20 Jahre, aus Düsseldorf, hat sich direkt nach seinem Abitur am Düsseldorfer Lessing-Gymnasium für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden. Eigentlich muss er das nicht, denn er ist wegen seiner Knieprobleme ausgemustert. Benjamin Busumtiwi muss daher weder den Bundeswehr- noch den Zivildienst ableisten. Sein Einsatz ist daher somit freiwillig.
Fragt man ihn, warum er das macht, berichtet Busumtiwi aus der Schulzeit, erzählt vom Leistungskurs Sozialwissenschaften und seinem Lehrer, der ihm Themen wie Armut, Ungleichheit und soziale Benachteiligung und deren Strukturen nahegebracht hat und sein Interesse weckte. Auf den Weg gebracht wurde er außerdem im Elsa-Brandström-Haus, einem Jugendfreizeithaus in Düsseldorf, das er häufig besuchte. Seine Eltern, seine Mutter evangelisch, sein Vater Moslem, ließen ihm die freie Wahl für seine politische und religiöse Orientierung. Schon in jungen Jahren kristallisierte sich dann der Wunsch nach einem Beruf im sozialen Bereich heraus. Als „FSJler“ hat man Kontakt mit Menschen und kann helfen. Auch erkennt Benjamin Busumtiwi im FSJ die Gelegenheit, Einblick in das Berufsleben der sozialen Arbeit zu finden und für sich auszutesten, ob diese Berufsorientierung wirklich stimmig ist.

Larissa hat Glück. Kurz zuvor ist beim Familien unterstützenden Dienst eine junge Frau, die als Betreuerin für eines der Kinder eingeplant war, abgesprungen. Und so kommt es, dass Larissa im November 2009 David kennenlernt. Der 12-Jährige lebt mit seiner Familie ebenfalls in Düsseldorf und in den darauffolgenden neun Monaten sehen er und Larissa sich fünfmal die Woche zum Schulunterricht in der Wuppertaler Troxler Schule. Hier geht David zusammen mit anderen geistig und körperlich behinderten Kindern in den Unterricht. Als Larissa von ihrer zukünftigen Aufgabe hört, freut sie sich. Denn durch eine ihrer besten Freundinnen, die eine behinderte Schwester hat, ist ihr der Umgang mit Kindern vertraut und sie hat im Rahmen eines Schulpraktikums auch schon an der Schule der Schwester mit behinderten Kindern gearbeitet.

Benjamin Busumtiwi unterstützt Erwachsene mit psychiatrischen Erkrankungen und mit geistigen und/oder Mehrfachbehinderungen, die vom Geschäftsbereich Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik der Graf-Recke-Stiftung in ihren eigenen Wohnungen betreut werden. Für über 100 Erwachsene im Alter von 18 bis 80 Jahren werden verschiedene Formen des Betreuten Wohnens angeboten. In ganz unterschiedlichen Wohnformen werden die Klienten ambulant betreut, sie erfahren dort Unterstützung, Begleitung und Hilfestellungen je nach ihrem individuellen Hilfe- und Förderplan: Wie strukturiert man seinen Tagesablauf und seine Freizeit? Wie gewinnt man sein Netz sozialer Kontakte zurück? Oder wie schafft man sich ein solches Netz? Wie nimmt man einen guten Kontakt zu seinen Angehörigen auf, die oftmals unter der Erkrankung der Klienten sehr leiden? Gelingen die ersten Schritte, stabilisiert sich auch das Selbstwertgefühl. Die Klienten können auch weitere Angebote wahrnehmen, etwa den Besuch der Tagesstätte an der Grafenberger Allee mit ihren vielfältigen Freizeitangeboten von Kreativkursen und Gesprächsgruppen bis Maßnahmen der Ergo- und Arbeitstherapie. Verschiedene Klienten arbeiten auch auf dem freien Arbeitsmarkt oder im Bereich der „Angepassten Arbeit“. Die Tätigkeiten von Benjamin Busumtiwi während seiner 39-Stundenwoche im Schichtdienst umfassen eine breite Palette. Er macht eigenständige Sport-Gruppenangebote für die jüngeren Klienten, einmal in der Woche eine Badmintongruppe in Gerresheim, eine Fußballgruppe, eine Gruppe für Kinointeressierte; man trifft eine Auswahl aus dem Programm und besucht Familien-, Action- oder Liebesfilme. Er hilft bei Umzügen und baut dabei mit seinen handwerklichen Fertigkeiten auch Möbel auf. In der Einzelbetreuung begleitet er Menschen beim Einkaufen oder zu Arztbesuchen und bietet ein Straßenbahntraining an. Darüber hinaus ist Benjamin Busumtiwi auch als Helfer für andere Mitarbeiter tätig, so bei der Organisation und Durchführung von Sommer- und Herbstfesten, bei Freizeitangeboten, als Begleitung bei Ausflügen und im Wochenenddienst.

Larissas Wecker klingelt während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres montags bis freitags in aller Frühe. Die FSJlerin macht sich um 6.30 Uhr auf den Weg nach Wuppertal, um David pünktlich zu Schulbeginn in Empfang zu nehmen. Der Junge kommt mit dem Schulbus und wird jeden Morgen um acht Uhr von Larissa abgeholt. Sie fährt ihn in seinem Rollstuhl in die Klasse, wo David meist euphorisch von seinen elf Klassenkameraden begrüßt wird. „David ist bei allen sehr beliebt und für die meisten Mitschüler der beste Freund, wenn man sie danach fragen würde“, berichtet Larissa mit einem gewissen Stolz auf ihren Schützling. Nach dem täglichen Morgenkreis um halb neun hat David meist eine Therapiestunde, zu der er von Larissa begleitet wird. So gehören zum Beispiel Physio- oder Badetherapie zu seinem Stundenplan. Ist Larissa nicht bei der Therapie dabei, unterstützt sie die zwei Lehrerinnen bei der Betreuung der anderen Kinder. Beim gemeinsamen Frühstück um zehn Uhr ist der Junge dann spätestens wieder dabei und Larissa sorgt dafür, dass er auch genug isst.

Dabei merkt sie schnell, ob David einen guten Tag hat oder ob er vielleicht etwas müde ist. Denn auch wenn David sich nicht durch Sprache mitteilen könne, merke sie immer, wie es ihm gerade geht. Generell sei der Junge immer gut gelaunt, deswegen wohl auch so beliebt bei den anderen Kindern, erzählt Larissa: „David hat eine starke Persönlichkeit und eine positive Ausstrahlung.“ Für sie habe seine Behinderung nie eine Rolle gespielt und letztlich denke sie auch gar nicht in dieser Kategorie: „Man hat die positiven Dinge gesehen. Also nicht, das kann er jetzt nicht, sondern das klappt jetzt und das hat er gemacht.“ Es habe viele Momente gegeben, die sie mit ihm geteilt hat und von denen sie viel habe mitnehmen können.
Während der Unterrichtszeit ist David bei möglichst vielen Aktivitäten dabei. Steht zum Beispiel das wöchentliche gemeinsame Kochen auf dem Stundenplan, sorgt Larissa dafür, dass er so oft wie möglich zusammen mit den anderen Kindern zu Mittag essen kann. Im Anschluss an das tägliche Mittagessen, das an den anderen Tagen geliefert wird, gibt es eine Mittagspause, zu der Larissa David aus dem Rollstuhl auf ein Liegekissen legt. Manchmal legt sie sich dann selber dazu und die beiden dösen zusammen oder entspannen einfach ein wenig. Die Zeit bis zum Schulschluss gestaltet sich unterschiedlich. Einmal pro Woche bringt Larissa ihren Schützling zur Musiktherapie und holt ihn anschließend wieder ab, um sich dann für diesen Tag von David zu verabschieden. Denn um 15 Uhr fährt David wieder mit dem Schulbus zu seiner Familie nach Düsseldorf. Ist David dort angekommen, hat auch Larissa Feierabend.

Benjamin Busumtiwis Leistungen treffen auf gute Resonanz bei den Klienten und bei den pädagogisch Verantwortlichen. „Man kann ihm viel zutrauen“, so Urszula Rubis, Bereichsleiterin für das Betreute Wohnen. „Er reflektiert das Geschehen und übernimmt viele Aufgaben selbstständig und ganz aus eigenem Antrieb.“ Der Alltag ist vielschichtig und birgt immer wieder Anlässe für größere oder kleine Konflikte und Alltagsschwierigkeiten, besonders für Klienten, die etwa nach langen Psychiatrieaufenthalten oder Krankheitsschüben in den Alltag hineinfinden müssen. Wie kommt man als junger Mensch, der im sozialen Berufsalltag  noch nicht heimisch ist, damit zurecht? Kommt man da an seine Grenzen? Benjamin Busumtiwi reagiert auf eine solche Frage ganz souverän und gelassen: Nein, echte Probleme gebe es nicht. „Ich weiß, worauf ich mich eingelassen habe“, sagt er. Er spricht dann von seiner Hospitation in der Einrichtung, denn in das FSJ werden die Interessenten nicht wie ins kalte Wasser geschubst. „Ich bin zwei Monate lang Woche für Woche mit einem anderen Mitarbeiter mitgegangen, ich habe dabei sehr viel erfahren, ich habe die meisten Klienten kennen gelernt, die verschiedenen Themen und Probleme und die unterschiedlichen Stile der Mitarbeiter, und mich ganz bewusst eingelassen auf diese Arbeit.“ So war das Hineinfinden in die Aufgaben ein fließender Prozess. „Ich war nie allein, immer konnte ich Leute vor Ort oder andere verantwortliche Ansprechpartner fragen, wenn ich nicht weiter wusste, unsicher war.“ Der FSJler nimmt auch an den Teamsitzungen teil und wächst so in die Arbeit hinein, berichtet Urszula Rubis. „Im Team reflektieren wir uns ständig selbst und stehen auch für Anfragen zur Verfügung.“ „Das hat mich abgesichert wie ein doppeltes Netz“, sagt Benjamin Busumtiwi über die Menschen, die ihm Vertrauen schenken, Verantwortung überlassen und ihm selbst mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch bietet die Diakonie Düsseldorf Seminare zur Fortbildung und Problembearbeitung an. „Man begegnet dort FSJlern aus anderen Arbeitsbereichen und kann sich auch dort austauschen“, berichtet Busumtiwi.
„Wir haben immer Bedarf an Menschen, die ein FSJ machen wollen, derzeit sind im Betreuten Wohnen zwei Stellen vergeben“, so Urszula Rubis, „aber wir nehmen nicht jeden. Was wir brauchen, sind junge Menschen, die Selbstständigkeit zeigen, die keine Angst haben vor psychisch Kranken, vor unüblichen Verhaltensweisen und Grenzverletzungen, die offen sind und Kontakt herstellen können. Und nicht zuletzt müssen sie auch solche Dinge wie Selbstverletzungen aushalten können, wenn Menschen sich etwa Schnitte zufügen“, so Rubis. Für pflegerische Dienste werden FSJler zwar nicht eingesetzt, aber vor pflegerischen Anforderungen dürfen sie zumindest keine Scheu haben.

„Mit vielen in Kontakt gekommen“
Kann man das FSJ empfehlen ? „Es ist eine extrem schöne und gute Arbeit“ , sagt Benjamin Busumtiwi mit Nachdruck und Überzeugung. „Die Arbeit ist nie stupide, sie enthält viel Abwechslung. Jeder sollte das tun. Es dient dem Charakter und der Lebenseinstellung. Ich habe nun ein Jahr Berufserfahrung, ich bin mit vielen Menschen in Kontakt gekommen und habe ihnen wohl auch bei dem einen oder anderen Problem helfen können“, sagt er. „Diese Erfahrung dient der persönlichen Weiterentwicklung und auch dem Fortkommen in der Ausbildung.“ Denn das FSJ wird als Vorpraktikum, als schulisches Ausbildungsjahr und als Wartezeit (zwei Wartesemester ) für das Studium anerkannt. Insofern entspricht Benjamin Busumtiwi einem Großteil der FSJler, die man als „pragmatische Idealisten“ bezeichnen kann, die sich ganz selbstverständlich für gesellschaftliche Anliegen und andere Menschen einsetzen, ohne dabei ihre eigene berufliche Orientierung aus dem Blick zu verlieren. Benjamin Busumtiwi studiert inzwischen im niederländischen Nijmegen nahe der deutschen Grenze Sozialpädagogik. Sein FSJ wird ihm als Jahrespraktikum anerkannt, eine Zulassungsvoraussetzung für das Studium. Daneben bleibt er als Ergänzungskraft mit 20 Wochenstunden im Sozialpsychiatrischen Verbund, auch im Interesse der Klienten, die immer wieder nachfragen, ob das mit der Stelle jetzt auch sicher sei.
Für Larissa steht fest: Ihr Einsatz als FSJlerin ist für sie und ihren weiteren Lebensweg von allergrößter Bedeutung. Ohne die Erfahrungen mit ihrem Schützling David und den anderen Kindern hätte sie nicht zu ihrem jetzigen Berufswunsch gefunden, weiß die 19-Jährige.

Larissas Fazit der neun Monate im Freiwilligen Sozialen Jahr fällt deshalb auch rundum positiv aus: „Ich wünsche jedem die Erfahrungen, die ich machen durfte!“

Den Artikel mit weiteren Infos und Fotos finden Sie in der recke:in 3/2010 als pdf-Datei.

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