Die Brücke nach Hause

Titelgeschichte der recke:in Nr. 4, Dezember 2011

Wenn ein hochbetagter Mensch ins Krankenhaus muss, folgt im Anschluss nicht selten die stationäre Pflege. Die Kurzzeitpflege im Haus Berlin in Neumünster hat den Anspruch, auch ältere Menschen wieder auf die eigenen Beine zu bringen. Dabei hilft ein breit gespanntes Netzwerk.

Von Roelf Bleeker-Dohmen

Neumünster Vor einigen Wochen ist Hildegard Müller gestürzt. „Ich wollte auf der Terrasse Blumen gießen und bin an der Türschwelle ausgerutscht“, erinnert sie sich. „Ich kam dann noch mal auf die Beine und konnte meinen Sohn anrufen.“ Jetzt sitzt Hildegard Müller in ihrem Zimmer im ersten Stock im Seniorenzentrum Haus Berlin und schaut aus dem Fenster auf den Neumünsteraner Stadtteil Brachenfeld. Es geht ihr gut im Haus Berlin, sagt sie, aber bleiben möchte sie nicht. Denn die 90-Jährige ist in der Kurzzeitpflege des Hauses, und Kurzzeitpflege im Haus Berlin bedeutet: Die Bewohner sollen hier befähigt werden, auch wieder auszuziehen.

Hildegard Müller lebte bisher in einem Reihenhaus in Neumünster. Ihre Kinder schauten jeden Abend nach ihr, aber vieles schaffte sie noch ganz alleine. Nach ihrem Unfall wurde sie ins Friedrich-Ebert-Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: Beckenringfraktur. Davon erholt man sich, gerade als älterer Mensch, nicht in zwei Wochen. Doch die Verweildauer in einem Krankenhaus hat ihre zeitlichen Grenzen: Nach ihrem Aufenthalt in der Unfallchirurgie kam Frau Müller zur weiteren Rehabilitation in die geriatrische Abteilung des Friedrich-Ebert-Kranken-Hauses erklärt die Pflegeleitung dieser Abteilung und Schnittstellenbeauftragte zum Haus Berlin, Jana Lahann. Denn wenn nach maximal drei Wochen die Versorgung in der Geriatrie beendet ist, benötigen die älteren Patienten meist eine Anschlussversorgung. Und so kam Hildegard Müller ins Haus Berlin in die Kurzzeitpflege, „die Brücke in die häusliche Versorgung“, wie Jana Lahann diese nennt.

Hier wird fortgesetzt, was im Friedrich-Ebert-Krankenhaus schon begonnen wurde: Mit ihren 90 Jahren lernt Hildegard Müller, wieder mobil zu werden. „Im Rollstuhl fahre ich schon ganz gut durchs Zimmer“, erklärt sie. Mithilfe von Physiotherapie, Sitzgymnastik und ergotherapeutischen Behandlungseinheiten in den hauseigenen Praxen im Haus Berlin soll sie aber möglichst wieder selbstständig Laufen lernen. Wie gut das gelingt und ob es dann wieder nach Hause geht, wird sich zeigen müssen. Später wird noch mal im Krankenhaus geröntgt und entschieden, wie es weitergehen kann. „Man muss Geduld haben“, sagt Hildegard Müller. „Ich bin alt, dann heilt sowas nicht so leicht. Meine Kinder sagen auch immer, sei schön langsam!“

Das Haus Berlin unterstützt sie mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Die Arbeit an der Verselbstständigung beginnt schon im Krankenhaus; dort beginnen die Rehabilitation und die Maßnahmen, um den Patienten entsprechend zu aktivieren. Caremanager definieren die Ziele mit den Patienten, sie definieren und organisieren, was zu tun ist. Die Angehörigen werden einbezogen, Pflegestufenanträge gestellt, Wohn- und Anschlussversorgungen geklärt und organisiert. Wenn deutlich wird, dass auch danach noch Hilfebedarf besteht, greift schon die enge Kooperation des Friedrich-Ebert-Krankenhauses mit dem Seniorenzentrum Haus Berlin, um einen möglichst reibungslosen Übergang in eine erforderliche Kurzzeitpflege zu gewährleisten.

Zwölf der 14 Kurzzeitpflegeplätze im Haus Berlin stehen der Kooperation mit dem  Friedrich-Ebert-Krankenhaus zur Verfügung. „Auf Grund dieser Vereinbarung haben wir eine gute Auslastung“, erklärt Geschäftsführer Jürgen Büstrin. Viel wichtiger aber ist ihm eine andere Zahl: „Schätzungsweise mehr als zwei Drittel aller Menschen, die in unsere Kurzzeitpflege kamen, konnten wieder nach Hause entlassen werden.“ Ein weiterer Bestandteil der Kooperation ist, dass Mitarbeitende des Haus Berlin und des Friedrich-Ebert-Krankenhauses gegenseitig hospitieren. Für den weiteren Austausch gibt es regelmäßige Treffen mit Pflegedienstleitung, Heimleitung, Qualitätsbeauftragtem und Schnittstellenbeauftragten.

Im Haus Berlin liegt nicht nur alles in einer Hand, sondern auch alles an einem Ort. So auch die hauseigenen Praxen für Logo-, Ergo- und Physiotherapie. Christin Maurus leitet die Physiotherapie im Haus Berlin. Die engmaschige Zusammenarbeit innerhalb des Hauses ermöglicht es, gleich bei der Aufnahme den Ist-Zustand eines Neuankömmlings therapeutisch zu begutachten, erklärt Maurus: „Welche Besonderheiten bringt er mit? Was soll er nach dem Aufenthalt wieder können?“ Regelmäßig trifft sich Christin Maurus dazu mit der Stationsleitung Marion Bredfeldt-Schröder. „Dann wird die Entwicklung des Bewohners besprochen und der Bedarf an weiteren Maßnahmen mit dem Pflegeteam abgestimmt.“

„Das Zusammenspiel mit den Praxen, dass es bei uns keine organisatorischen Defizite gibt, die direkte Abstimmung im Haus, das ist unsere Stärke“, sagt Geschäftsführer Jürgen Büstrin. „Bei der Kurzzeitpflege zählt jeder Tag, da können wir uns Reibungsverluste gar nicht leisten.“ Die individuellen Pläne, die gemeinsam mit den Praxen erarbeitet werden, finden sich auf der „Fit-Mach-Karte“ wieder, die bei Aufnahme ins Haus Berlin ausgefüllt wird. Da steht drin, was für den Patienten möglich und notwendig ist. Natürlich wird niemand gezwungen. „Die Autonomie des Pflegegastes steht immer im Vordergrund“, betont Büstrin, ebenso wie der Wohlfühlfaktor: So gibt es für jeden Kurzeitpflegebewohner eine wöchentliche Wellnessmassage. „Viele sind im wahrsten Sinne müde des Lebens“ berichtet Jürgen Büstrin. „Wir möchten ihnen zeigen, dass ihr Aufenthalt bei uns nicht nur mit Mühen verbunden ist!“

Hildegard Müller weiß, dass sie einen Weg vor sich hat, wenn sie ihr Ziel erreichen will: „Ich muss ja wieder auftreten können." An Bereitschaft, das ihre dazu zu tun, fehlt es ihr nicht. „Ich bin ja immer viel beschäftigt gewesen", sagt sie und erzählt aus ihrem langen Leben, von ihrer Flucht im Krieg, wie sie mit ihrem Mann in Niedersachsen unterkam und wie sie danach in Neumünster das Reihenhäuschen für ihre Familie bauten, wie sie später ihren pflegebedürftigen Mann versorgte, bis er starb. Deshalb kennt sie sich aus mit den Umständen, die eine Pflegebedürftigkeit mit sich bringt und macht schon Pläne für den entsprechenden Umbau bei sich zu Hause. Solche Pläne helfen ihr, an der Wiedererlangung ihrer Fähigkeiten zu arbeiten. „Man soll sich nicht hinsetzen und einfach warten“, findet sie. Und sie sieht die Fortschritte: „Anfangs hatte ich so große Schmerzen und konnte kaum schlafen. Jetzt ist es viel besser geworden.“

Vor ihr stehen Blumen in einer Vase. „Die hat mir meine Tochter mitgebracht“, erzählt Hildegard Müller. Ihre Tochter, die nur zwei Häuser von dem ihrer Mutter entfernt lebt und vielleicht in Zukunft etwas häufiger nach ihr schaut, wenn es denn wieder nach Hause geht. Wenn nicht, wird es andere passgenaue Angebote geben. Selbstverständlich führt die Brücke Kurzzeitpflege oft nicht nach Hause. Aber: „Die Kurzzeitpflege ist kein Belegungskonzept für unsere stationäre Pflege“, sagt Büstrin. Sichtbares Zeichen dafür ist, dass der Kurzzeitpflegebereich separat liegt.

Dass eine gute Kurzzeitpflege aber auch nachhaltige Werbung für die stationäre Langzeitpflege ist, liegt auf der Hand. Büstrin erzählt von einer Dame, die nach ihrer Entlassung aus der Kurzzeitpflege im Haus Berlin bei einer späteren stationären Aufnahme in einem anderen Haus feststellte, dass es ihr im Haus Berlin doch besser gefallen habe und sie sagte: „Da will ich hin.“ „Und ihren Mann brachte sie gleich mit!“

Den Artikel mit weiteren Infos und Fotos finden Sie in der recke:in 4/2011 als pdf-Datei.

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