Aus der Geschichte der Graf Recke Stiftung

Schloss Overdyck

Das Elend war unübersehbar: Hunderte von elternlosen Kindern streunten Anfang des 19. Jahrhunderts hungernd, bettelnd und stehlend umher. Sie waren Opfer der großen Armut unter den Arbeitern, die in der frühindustriellen Zeit in die Städte strömten.

In dieser Zeit begann Adelberdt Graf von der Recke-Volmerstein (1791-1878) seine "Rettungshausarbeit". 1816 nahm er mit seiner Familie erstmals Straßenkinder im väterlichen Schloss Overdyck bei Bochum auf und legte damit den Grundstein für eine der ältesten diakonischen Einrichtungen in Deutschland. Schloss Overdyck 1819 gründete Graf Recke aus christlicher Nächstenliebe die "Gesellschaft der Menschenfreunde zur Rettung und Erziehung verlassener Waisen und Verbrecherkinder" und schuf, zusammen mit seinem Vater Philip, sein Rettungshaus in Overdyck. In der folgenden Zeit wuchs die Anzahl der betreuten Kinder sehr schnell.

1822 kaufte Graf Recke ein ehemaliges Trappistenkloster in Düsselthal bei Düsseldorf und zog mit seinen Kindern und Jugendlichen dorthin, um seine wachsende Arbeit fortsetzen zu können. 25 Jahre lang betreute und förderte der Graf und seine Mitarbeiter hier hilfsbedürftige Kinder. Die ehemalige Abtei Düsselthal, die Graf Recke zum Kinderheim umgestaltete. Als Graf Recke aus gesundheitlichen Gründen die Rettungsanstalt verließ, hatte er durch seinen hervorragenden persönlichen Einsatz und mit tatkräftiger Hilfe seiner Frau Mathilde über tausend verwahrlosten und obdachlosen Kindern einen neuen Anfang ermöglicht.

Neu-Düsselthal

Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Verlagerung der Stiftung nach Wittlaer. 1905 wurde das Reckestift als handwerkliches Erziehungsheim gebaut (heute befinden sich darin die Verwaltung der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Altenhilfe), wenige Jahre später konnte das Kinderheim Neu-Düsselthal (heute bekannt als Dreiflügelhaus und nicht mehr im Besitz der Stiftung) sowie die Kirche eingeweiht werden. Das alte Trappistenkloster Düsselthal, das Graf von der Recke-Volmerstein gekauft hatte, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Nach dem Krieg entstanden in Wittlaer die beiden Förderschulen für Erziehungshilfe sowie das Berufsbildungszentrum. Zudem wurde das Gut Kaldenberghof gekauft und das Mädchenheim in Ratingen übernommen. 1987 wurde das Haus "Alt-Düsselthal" in Düsseldorf von einem Jugendheim zu einem Wohnheim für psychisch Kranke umgewidmet.

Reckestift

In den folgenden Jahren konnte dieser neu gegründete Fachbereich, der heute Sozialpsychiatrischer und Heilpädagogischer Verbund heißt, stetig ausgebaut werden. So enstanden in den letzten Jahren auch Angebote für geistig behinderte und schwerst-mehrfach-behinderte Erwachsene. In der Jugendhilfe wurden Anfang der neunziger Jahre die großen Heime dezentralisiert: Die Kinder und Jugendlichen zogen in überschaubare Wohngruppen auf dem Heimgelände und in Außenwohngruppen um. 2003 fusionierte die Evangelische Jugendhilfe der Stiftung mit der Kinder- und Jugendhilfe des Hildener Dorotheenheim e.V., der Educon gemeinnützige GmbH als eine hundertprozentigen Tochter der Graf-Recke-Stiftung.

Seit Anfang 1995 engagiert sich die Stiftung auch im Bereich der Altenhilfe. 1997 wurde das Pflegezentrum Walter-Kobold-Haus eröffnet. 2003 nahm das Seniorenzentrum "Zum Königshof" seine Arbeit auf. Außerdem entstanden mehrere Häuser für Betreutes Wohnen in direkter Nachbarschaft zum Walter-Kobold-Haus und in Düsseldorf-Unterrath sowie Düsseldorf-Düsseltal. 2004 übernahm die Graf-Recke-Stiftung die Altenarbeit des Dorotheenheimes e.V., den Dorotheenpark, in Gestalt einer hundertprozentigen Tochter.

Die Educon gemeinnützige GmbH wie auch die Dorotheenpark gemeinnützige GmbH Seniorenzentrum wurden 2011 und 2012 in die unselbstständigen Geschäftsbereiche Erziehung & Bildung und Wohnen & Pflege zurückgeführt.

Literaturhinweise:

Gerlinde Viertel, Anfänge der Rettungshausbewegung unter Adelberdt Graf von der Recke-Volmerstein (1791-1878), Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte Band 110, Rheinland-Verlag GmbH, Köln 1993 (ISBN 3-7927-1387-X)

Edith Salzmann, Kinder im Abseits, Verlag Presseverband der Evangelischen Kirche im Rheinland e.V., Düseldorf 1985 (ISBN 3 87645 061 5)