"Kirchenführer" für die Graf Recke Kirche

Hier können Sie sich den Kirchenführer herunterladen: Kirchenführer (pdf-Dokument, 2,8 MB)

Die Orgel – Königin der Musikinstrumente

Gabriele Müller vor der Orgel in der Graf Recke Kirche

2013 feierte die Orgel der Graf Recke Kirche einen runden Geburtstag. Sie wird 40.

Im Jahr 1973 baute die Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke die neue Orgel mit 22 klingenden Registern, verteilt auf zwei Manuale und Pedal. Sie steht auf der Empore über dem Eingang, nicht mehr wie ursprünglich vorne in der Apsis. Mit der Orgel, die man als "Königin der Musikinstrumente" bezeichnet, wird der Gesang im Gottesdienst begleitet, werden die Musikstücke zu Beginn und Ende des Gottesdienstes gespielt und werden auch Konzerte gegeben. Die Orgel hat 1440 Pfeifen, die die Organistin mit zwei Manualen (Klaviaturen oder Tastenreihen) und mit Pedal spielt. Zum Orgelspielen braucht man also Hände und Füße.

Die Orgel in der Graf Recke Kirche

"Die Orgel ist ein Blasinstrument, das mit Tasten gespielt wird." Diese Definition stammt von dem Orgellehrer Professor Gerd Zacher an der Folkwang-Hochschule in Essen. Das erscheint Ihnen paradox? Was sehen Sie, wenn Sie unsere Orgel betrachten? Richtig: eine Menge Pfeifen, kurze, lange, dünne und dicke. Nur anders als zum Beispiel bei der Blockflöte spielt jede Pfeife nur einen Ton, hoch oder tief, leise oder laut. Für jeden Ton gibt es eine eigene Pfeife.

Alle Töne einer klanglich gleichen Pfeifenbaureihe, die vom tiefsten bis zum höchsten Ton erklingen, nennt man ein Register. Die Pfeifen, die Sie vorne, am Prospekt der Orgel sehen, gehören zum Prinzipal. Dieses Register ist quasi der Chef aller in der Orgel vorkommenden Klangfamilien, wie bei allen Flöten gilt auch hier: je kleiner die Pfeife, desto höher der Ton, je größer, desto tiefer.

Die Register jeder Orgel unterscheiden sich klanglich ähnlich wie die verschiedenen Instrumente eines Orchesters. Es gibt von jeder Klangfamilie große, mittlere, kleine bis kleinste Pfeifengruppen (Register), die ähnlich klingen, nur in ihrer Stimmlage unterschiedlich wie die Stimmen verschiedener Generationen einer Familie. Die eine Familie klingt herber, die andere weicher. Dies hängt mit ihrer speziellen Bauart und Intonation zusammen.

Es gibt Labialregister, so genannt, weil bei ihnen der Ton am Labium, dem Mund der Pfeife, ähnlich wie bei der Blockflöte erzeugt wird. Gut sehen kann man diese Flöten vorne am Prospekt.

Und es gibt die Zungenregister. Sie werden Zungenregister genannt, weil sie den Klang mit einer Zunge, ähnlich einer Mundharmonika, eines Akkordeons oder Harmoniums erzeugen. Diese Register heißen zum Beispiel Trompete, Posaune, Fagott, Schalmei, Klarinette oder Oboe, deren Klang sie imitieren.

Die Klangkrone, das besondere obertonreiche Strahlen der Orgel, entsteht durch sogenannte gemischte Register, (Mixtur, Scharff oder im Pedal Hintersatz genannt). Sie vereinen hohe Pfeifen einer Baureihe in mehrfacher Besetzung auf einer Taste im Obertonspektrum. Ein Tremulant versorgt manche Register mit zusätzlich rhythmisch schwankenden Windimpulsen, ähnlich dem Tremolo einer Geige, dies wird meistens für Melodieführungen solistischer Art verwendet.

Um all diese Pfeifen zum Klingen zu bringen, braucht man Wind, also bewegte Luft. Wie den Blasebalg am Kamin gab es dafür früher den Schöpfbalg, den Assistenten bedienen mussten. Dies erledigt heute ein Elektromotor, der für eine konstante Windzufuhr zu einem Vorratsspeicher, einem sogenannten Magazinbalg sorgt, von dem aus Wind unter konstantem Druck abgegeben wird. Die antike Wasserorgel spielte im Übrigen mitnichten mit Wasser, das Wasser diente lediglich als Gewicht, um den Winddruck konstant zu halten.

Aber wie kommt der Wind jetzt in die Pfeifen und bringt sie zum Klingen? Unsere Orgel benutzt die seit der Antike bewährte Methode: Jede Taste (für die Hände) oder jedes Pedal (für die Füße) ist über komplizierte mechanische Wege mit einem dazugehörigen Ventil verbunden. Aber nur, wenn das entsprechende Register gezogen wurde, öffnet sich der Weg über ein Lochstreifenprinzip zur Windlade, auf der die Pfeifenreihen unter permanentem Winddruck stehen. Das heißt, theoretisch könnten alle Pfeifen eines gezogenen Registers klingen, sie tun es aber nur, wenn die dazu gehörige Taste gedrückt wurde.

Das bringt mich zum nächsten Punkt: Wie wird die Orgel gespielt? Mit Händen und Füßen. Die Tasten für die Hände werden Manuale genannt. Da kann es mehrere untereinander liegende parallele Reihen geben. Unsere Orgel hat zwei davon. Und dann gibt es noch das Pedal, das sind die Tasten für die Füße. Naturgemäß fallen diese größer aus und sind im Umfang begrenzter.

Dann gibt es noch mechanische Vorrichtungen wie zum Beispiel Koppeln: Ich kann die Manuale und/oder Manuale und Pedal mittels Koppeln zusammenspielen, das heißt ich spiele auf dem einen Manual, aber durch die Koppel klingt das andere Manual mit. Zum Pedal kann ich die Manuale noch einzeln oder beide zusammen ankoppeln, dann klingen auch diese zusammen. Da unsere Orgel traditionell eine vollmechanische Bauweise hat, bedeutet das einen vermehrten Kraftaufwand, den ich einsetzen muss, denn die Gewichte der Manuale addieren sich, wenn ich sie ankoppele.

Zuletzt der Schweller: Die Pfeifen des Obermanuals unserer Orgel stehen in einem sogenannten Schwellkasten, d.h. ich kann durch ein Fußpedal - ähnlich dem Gaspedal des Autos - die Lamellen dieses Kastens öffnen und schließen. Dies hat nicht nur eine Veränderung der Lautstärke zur Folge, sondern auch eine räumliche Wirkung: beim Schließen des Schwellers wird der Klang nicht nur leiser, sondern klingt auch weiter entfernt.

Nicht umsonst wird die Orgel die Königin der Instrumente genannt, vereint sie doch in sich die klanglichen Möglichkeiten eines ganzen Orchesters. Unsere Orgel der renommierten Orgelbaufirma Karl Schuke, Berlin, verdiente mit ihren 1440 Pfeifen exquisiter Qualität und ihren vielfältigen Möglichkeiten der Klangmischungen eigentlich den Titel einer Kaiserin der Instrumente.

Dieser Text stammt von Gabriele Müller (Foto). Sie war von 1976 bis 2011 Kirchenmusikerin der Graf Recke Stiftung.