Heim im Film

„Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, sage ich: Ich bin Heimleiter.“ Sagt Michael Mertens, seines offiziellen Zeichens Leiter des Geschäftsbereiches Erziehung & Bildung. Der Begriff „Heim“ ist heute nicht mehr die gängige Bezeichnung. Und er ist auch heute noch eher negativ belegt. Dem will Michael Mertens mit seinem selbstbewussten Statement entgegenwirken. Denn seit Jahrzehnten gibt viele Vorurteile und verzerrte Eindrücke über das Leben Heim. Heutige und ehemalige Heimkinder möchten die gemeinsam in dem Film „Wir sind Heimkinder. Leben in der Graf Recke Stiftung damals und heute“ ausräumen.

Von Roelf Bleeker

In den letzten Jahren ist das Thema Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren in der Öffentlichkeit sehr präsent gewesen. Eine konkrete Auswirkung der Debatte um gewaltsame Übergriffe in der Vergangenheit hat zum Runden Tisch Heimerziehung und einem Fonds aus Mitteln von Jugendhilfeträgern geführt, aus dem ehemalige Heimkinder für vergangenes Leid entschädigt wurden.

Die Heime der Vergangenheit gibt es so nicht mehr – weder als Begriff, noch als Gebäude, vor allem auch nicht mehr in den Strukturen und den Haltungen. „Der Kernpunkt war und ist seit 1991, das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen“, erläuterte Jonny Hoffmann, Leiter des Familien unterstützenden Dienstes der Graf Recke Stiftung, im Interview in der recke:in 2/2016. Aus den Objekten der Fürsorgeerziehung wurden anspruchs- und mitspracheberechtigte Subjekte – eine ganz andere Voraussetzung für die Jugendhilfe als früher.

Früher war alles besser – für die Heimerziehung gilt das sicher nicht, eher umgekehrt.  Doch auch heute sind Vorbehalte gegen Jugendhilfemaßnahmen nicht ausgeräumt. Für die betroffenen Kinder wie auch ihre Eltern erscheint die Unterbringung in einer Wohngruppe oft als Scheitern, als Versagen, und sie ist mit einem Stigma versehen.

In einem Filmprojekt möchten ehemalige und heutige Heimkinder ein differenzierteres Licht auf das schwierige Thema „Leben im Heim“ werfen. Das Filmteam um die TV-Journalistin Anke Bruns, das schon den Partizipationsprozess der Kinder und Jugendlichen in der Graf Recke Erziehung & Bildung begleitet und dokumentiert hat, ist in die Planungen und Dreharbeiten eingestiegen. Dazu hat Anke Bruns erste Gespräche mit heutigen und ehemaligen „Heimkindern“ sowie aktiven und auch ehemaligen Erziehern und leitenden Jugendhilfe-Mitarbeitenden geführt. Im Dezember haben die Filmemacher der Leitungsrunde des Geschäftsbereiches das Projekt in Form eines Kurzfilms vorgestellt – und der löste bereits engagierte Diskussionen aus.

"Es ist nicht so, dass früher alles schwarzweiß war und heute alles schön bunt ist."

Die leitenden Pädagogen warnten davor, das vermeintlich „schlechte Leben im Heim früher“ gegen das vermeintlich „gute Leben im Heim heute“ allzu plakativ gegeneinander zu stellen. „Es ist nicht so, dass in der Jugendhilfe früher alles schwarzweiß war und heute alles schön bunt ist“, betonte Michael Buntins, langjähriger leitender Mitarbeitender der Graf Recke Stiftung. Es habe damals wie heute gute und schlechtere Pädagogen gegeben. „Sehr viele haben auch früher nach dem damals neuesten Stand der Erkenntnisse und bestem Gewissen gehandelt“, betont er. „Wir wissen heute ja auch nicht, was uns spätere Generationen von Pädagogen aus ihrer späteren Perspektive an Versäumnissen und Fehlern vorwerfen.“  Andere Mitarbeitende gaben zu bedenken, dass es noch vor weniger als zehn Jahren in einer Wohngruppe der Stiftung zu Misshandlungen von autistischen Kindern gekommen sei. Einhelliger Tenor: Wir sind vor Fehlentwicklungen auch heute nicht gefeit.

„Wir bemühen uns, differenziert in alle Richtungen zu schauen“, verspricht Anke Bruns. Ihre Ansprechpartner aus der Vergangenheit sind freilich Menschen, die in den Düsselthaler Anstalter der 1960er Jahre viel Gewalt und auch Missbrauch erlebt haben. Es sind meist Menschen mit diesen negativen Erfahrungen, die sich an Michael Ribisel, langjähriger Heimleiter und heute Beauftragter der Stiftung für die Belange ehemaliger Heimkinder, wenden. Und auch Anke Bruns, die sich beruflich intensiv mit dem Thema Heimunterbringung in der Nachkriegszeit beschäftigt und viele Gespräche mit ehemaligen Heimkindern geführt hat, kennt viele Geschichten derer, die auf das Unrecht von damals hinweisen. Ihr ist jedoch auch bewusst, dass man in der Jugendhilfe früher wie heute „die ganze Bandbreite“ findet: „Manche haben Schlimmes erlebt, andere sagen, ich bin erst durchs Heim auf die Füße gekommen.“

Dass es Kindern und Jugendlichen in der Jugendhilfevon heute in der Regel besser geht als früher in den Heimen, das bestreitet freilich niemand. Das hat allerdings Gründe, die über die Einrichtungen hinaus reichen: „Heimerziehung ist immer ein Spiegel ihrer Zeit“, sagt Michael Ribisel. Soll heißen: Viele der heute eindeutig abgelehnten pädagogischen Mittel der 1950er und 60er waren nicht nur die Mittel der Heimerziehung, sondern gesellschaftlich insgesamt akzeptiert.

Der Film soll auch dies einordnen helfen. Die ehemaligen Heimkinder werden von ihren Erfahrungen im Heim erzählen, was ihnen geschadet, was ihnen genutzt hat. Darüber hinaus werden Anke Bruns und ihr Team die heutigen Heimkinder in ihrem Alltag begleiten, beobachten und auch mit ihnen über ihre Eindrücke und Erfahrungen sprechen. Im Verlauf des Filmprojekts werden sie die ehemaligen und heutigen Heimkinder auch zusammen bringen.

Die Dreharbeiten stehen erst am Anfang. „Die kleine Vorführung in der Leitungsrunde hat uns sehr geholfen“, sagt Anke Bruns. „Wir haben sehr gute Anregungen erhalten. Und wir haben jetzt das Gefühl, dass wirklich alle mit im Boot sind. Wenn man sich dieser schwierigen Thematik annehmen will, muss man auch immer mal wieder einen Schritt zurückgehen und die vielen Aspekte in den Blick nehmen.“

Angesichts der diffizilen Aufgabe kann Anke Bruns noch nicht genau abschätzen, wie lange das Filmprojekt dauern wird. „Dieses Jahr werden wir auf jeden Fall brauchen“, sagt sie. Beim Kinder- und Jugendhilfetag Ende März in Düsseldorf wird der „Vorfilm“ am Stand der Graf Recke Erziehung & Bildung gezeigt, Anke Bruns will sich dann mit ihrem Team auch auf den Weg über die Messe machen und Stimmen zum Thema „Heim“ sammeln.

"Graf von der Recke wäre stolz auf uns!"

„Heimleiter“ Michael Mertens steht jedenfalls mit großer Überzeugung hinter dem Filmprojekt. „Dieser Film wird  berechtigte Kritik und effektive Hilfe gegenüberstellen und damit das Thema Heim aus der Tabuzone holen“, glaubt der Geschäftsbereichsleiter. Es werde deutlich werden, „wie wichtig das Heim für betroffene junge Menschen sein kann und wie anspruchsvoll und interessant der Arbeitsplatz Heim heute ist.“ Und mit dem historischen Blick zurück in der Vergangenheit sagt Michael Mertens: „Ich bin mir sicher, Graf von der Recke wäre stolz auf uns!“

Der Artikel erschien in der Ausgabe 1/2017 unseres Unternehmensmagazins recke:in