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Für mehr Teilhabe: Engagement mit Herz

von Özlem Yılmazer

Damit psychisch Erkrankte sich nicht aus der Gesellschaft zurückziehen, sondern ihre aktive Teilhabe an dieser Schritt für Schritt wieder stärken, engagieren sich Andreas Kernchen und Annika Stiglic. Er hauptamtlich als Peer-Berater und sie ehrenamtlich beim Sozialpsychiatrischen Verbund der Graf Recke Stiftung. Was sie eint? Sie sind selbst psychiatrieerfahren. Ihr Erfahrungswissen ist ein Schatz.

Persönliche Erfahrung und das Projekt »Miteinander Inklusiv«

Im Umgang mit Menschen, die zum Beispiel an Schizophrenie oder Depressionen erkrankt sind, gibt es immer noch viele gesellschaftliche Vorbehalte und Klischeebilder. Umgekehrt ziehen sich psychisch Erkrankte etwa aus Unsicherheit und Angst selbst aus dem aktiven gesellschaftlichen Leben zurück. Beides schränkt ihre Partizipationsmöglichkeiten und Selbstbestimmung ein. Andreas Kernchen und Annika Stiglic kennen diese Situationen gut. Sie haben selbst Erfahrungen in der Psychiatrie gemacht und ihren Wunschplatz als aktives Mitglied in der Gesellschaft wieder gefunden. Ihre Erfahrungen teilen sie inzwischen mit anderen Menschen, die in ähnlichen Situationen sind, und sie begleiten diese auf Augenhöhe dort, wo Unterstützung und Zuspruch nötig sind.

Andreas Kernchen arbeitet seit knapp anderthalb Jahren als Peer-Berater im Sozialpsychiatrischen Verbund in Düsseldorf- Grafenberg und Annika Stiglic ebenfalls seit einem guten Jahr dort als ehrenamtliche Mitarbeiterin. Ihren Weg dorthin fanden beide über das Modellprojekt »Miteinander inklusiv« der Diakonie Deutschland, das die Einbindung psychisch Erkrankter in ihre Stadtteile und ihre Akzeptanz fördert. Diese besondere Mischung aus Quartiersarbeit und Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen motiviert die beiden Engagierten.

Mit Quartiersarbeit und offenen Umgang zum Ziel

»Mit der Quartiersarbeit versuchen wir, die Schwelle zur Gesellschaft für Leute, die hier als Klienten wohnen und leben, niedriger zu setzen«, erzählt Andreas Kernchen, der ursprünglich aus dem Ruhrgebiet stammt. Er weiß, wovon er redet: »Bei mir hat es nach meiner Erkrankung 1993 sieben Jahre gebraucht, bis ich mich dem Thema öffnen konnte. « Das Thema ist der offene Umgang mit der eigenen Erkrankung und damit der Weg wieder in die Gesellschaft, in die Stadtgesellschaft. Andreas Kernchen ging damals, mehrere Jahre nach seiner Diagnose, zu einem Psychose Forum (trialogisch). »Dort habe ich erst mal kennengelernt, wie Leute offen über ihre Krankheit reden können.« Das habe ihm die ersten Impulse für seine spätere Tätigkeit gegeben. Und die kann sich sehen lassen: 15 Jahre lang engagierte sich Andreas Kernchen ehrenamtlich. Er realisierte für psychisch Erkrankte Stammtisch-Angebote, machte Anti-Stigma-Arbeit, Verbandsarbeit und Einzelberatungen. Und heute ist er mit seinem Erfahrungswissen hauptamtlicher Peer-Berater im Geschäftsbereich Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik der Graf Recke Stiftung. »Mir ist es eine Herzenssache, dass Leid vermindert wird«, sagt Andreas Kernchen. »In diesem Bereich zu arbeiten, ist für mich eine Art Berufung.«

Vom Cafébesucher zur Helferin

Annika Stiglic kam per Zufall zu ihrem Ehrenamt, wie sie erzählt. »2012 bin ich mit einer Bekannten im ESS PE ZET gewesen, wir sind so reingestolpert. « Sie war gleich begeistert von der offenen Atmosphäre des Cafés des Sozialpsychiatrischen Verbunds in Grafenberg. »Und dann bin ich hier so quasi hängengeblieben, es haben sich Kontakte entwickelt«, erzählt die junge Frau, die damals als Grafikerin in der Werbung arbeitete und ebenfalls psychisch erkrankte. Sie entschied sich für eine kaufmännische Umschulung, in deren Rahmen sie auch in der Stiftungsverwaltung der Graf Recke Stiftung arbeitete. Dort erfuhr sie vom Modellprojekt in Grafenberg und wollte unbedingt dabei sein. »Ich sehe mich als Unterstützerin, dort, wo ein Bedarf von den Klienten da ist und es auch von den Fähigkeiten her passt.«

Kontakt mit Klienten auf dem Areal in der Grafenberger Allee 341 knüpft sie zum Beispiel in Gruppenangeboten. Dort kommt Annika Stiglic ins Gespräch und entscheidet auf Basis ihrer Erfahrung und im Austausch, wie sie ihr Gegenüber am besten unterstützen kann. Manchmal ist es ein Gespräch, in dem sie einen Impuls geben kann, manchmal die Ermutigung zum Mitmachen bei der Klientenzeitschrift Reckische Post. »Da ist ganz viel Zwischenmenschliches, das passiert.« Größte Motivation für sie sei, dass das Herz und die Freude dabei sind. »Daraus entstehen die besten Begegnungen.«

Respekt und Feingefühl

Viel Wert legt sie auf Respekt, dies ermögliche die Begegnung auf Augenhöhe. Annika Stiglic bringt zudem auch ihre beruflichen Erfahrungen und Kenntnisse mit ein, »zum Beispiel bei der Vorbereitung des Stadtteilfestes auf grafischer Ebene.« Ihr Erfahrungswissen auf der einen Seite und ihre beruflichen Kompetenzen auf der anderen sieht sie als bereichernde Symbiose.

Andreas Kernchen wird öfter mal im ESS PE ZET unvermittelt angesprochen, etwa ob er dort arbeite oder ob er sagen könne, welche Symptome die jeweilige Erkrankung des Klienten haben könne. So entstehen auch Erstkontakte. »Es liegt dann in meiner Kompetenz, durch Feinfühligkeit zu merken, welches der richtige Ansatz ist.« Es sei wichtig, die Menschen dort abzuholen, wo sie stünden. »Das bedeutet, nicht zu viel fordern, kleine Angebote machen«, erzählt er. Das kann die Einladung zum Stadtteilfrühstück sein, wo Klienten mit der Nachbarschaft in Kontakt kommen, oder auch die Begleitung beim Einkaufen. »Damit er sich wohler fühlt, nicht so angstbesetzt ist.« Andersherum sei es genauso wichtig, die eigenen Möglichkeiten nicht zu überschreiten: »Ich bin kein Therapeut, ich bin Peer-Berater.« Er hat gelernt, achtsam im Umgang mit sich und anderen zu sein.

Neue Qualität dank der Peer-Beratung

Sowohl Andreas Kernchen als auch Annika Stiglic sind mit ihren Tätigkeiten, die vor allem auf Erfahrungswissen beruhen, eine Bereicherung für die Graf Recke Stiftung und gleichzeitig in dieser Form noch relativ neu. Beide wünschen sich, dass dies im Sozialpsychiatrischen Verbund aber auch gesellschaftlich noch stärker genutzt wird. »Unsere Art von Sein und Leben hat eine Kernkompetenz«, sagt Andreas Kernchen, und Annika Stiglic ergänzt: »Das ist eine neue Ressource und Qualität von Arbeit, wenn Fachkräfte Peers mit einbeziehen. Da sehe ich großes Potenzial, der Weg ist noch nicht zu Ende gegangen.«

Auch der Weg von Annika Stiglic in der Graf Recke Stiftung scheint noch lange nicht zu Ende zu sein. Die Arbeit im Grafenberger Stadtteilprojekt und auch die Zusammenarbeit mit Andreas Kernchen habe sie darin bestärkt und auch befähigt, beruflich neue Perspektiven zu entwickeln: Sie hat angefangen, eine einjährige Ex-In-Weiterbildung zu machen. Dann kann sie im Bereich Psychiatrie etwa als Genesungsbegleiterin, Dozentin oder Beraterin arbeiten. »Ich möchte Teilhabe ermöglichen mit niedrigschwelligen Angeboten und kleinen Schritten, damit jeder mitziehen kann und auch mitkommt.«

Peer-Beratung

Psychisch erkrankte Menschen werden auf Augenhöhe von Menschen beraten, die selbst bereits Erfahrungen in der Psychiatrie gemacht haben.

Ein Artikel aus der aktuellen recke:in

Dieser Artikel erschien zuerst in der recke:in Ausgabe 03/2017.

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