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Willkommen im Sozialraum! - Interview mit der Projektverantwortlichen Petra Welzel

Petra Welzel, Projektverantwortliche im Geschäftsbereich Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik der Graf Recke Stiftung

Der Sozialpsychiatrische Verbund der Graf Recke Stiftung ist einer von fünf Standorten in Deutschland für das Modellprojekt der Bundesdiakonie mit dem Titel „Willkommenskultur in Wohnquartier und Zivilgesellschaft“.  Petra Welzel, Projektverantwortliche im Geschäftsbereich Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik der Graf Recke Stiftung (Foto), erklärt im Interview den Sinn und die Ziele des Modellprojekts und was es für den Standort Düsseldorf bedeutet.

Ein Projekt für und mit Menschen mit psychischer Erkrankung

Frau Welzel, der Begriff Willkommenskultur ist in aller Munde, aber vergleichsweise selten im Zusammenhang mit Menschen mit Psychiatrieerfahrungen. Warum braucht es eine Willkommenskultur für Menschen mit psychischen Erkrankungen?

Der Begriff Willkommenskultur ist tatsächlich etwas irritierend, zumal er aktuell stark durch das Thema Flüchtlinge besetzt ist. Es geht bei diesem Modellprojekt auch nicht um ein Willkommen für neu ankommende Menschen. Gerade Menschen mit einer schweren, meist chronischen psychischen Erkrankung leben oft schon jahrelang in einem Stadtteil, ohne wirklich eingebunden zu sein. Wir möchten Begegnungen ermöglichen und gemeinsame Interessen identifizieren, die die Menschen zusammenbringen. Und was dazu nötig ist und wie es konkret aussehen kann, das weiß keiner besser als die Betroffenen und ihre Nachbarn im Stadtteil. Wobei wir schon mitten im Modellprojekt sind, dessen Herzstück es ist, dass Menschen aktiv und steuernd mitwirken, auch und gerade Menschen mit psychischer Erkrankung.

Der Sozialpsychiatrische Verbund mit seinem Hauptsitz an der Grafenberger Allee mitten in Düsseldorf hat den Zuschlag als einer von fünf Modellstandorten erhalten. Wie konnten Sie die trialogisch besetzte Jury überzeugen?

Ganz genau hat man uns das nicht gesagt, aber ich denke, es hat überzeugt, dass wir uns schon seit einigen Jahren ganz stark um mehr Teilhabe bemühen. Unsere bewusst auch auf Nachbarschaft und Öffentlichkeit angelegten Feste, also der Weihnachtsmarkt, Vernissagen, der Bücherflohmarkt und vieles mehr, haben sich als feste Termine bereits herumgesprochen. Sehr hilfreich ist es dabei auch, dass wir unser Umfeld schon bei der Planung einbeziehen, so entstand unsere Bücherei in Kooperation mit der benachbarten katholischen Gemeinde. Und der Stadtteilbuchladen ist immer mit einem Stand auf unseren Veranstaltungen vertreten. Diese enge Zusammenarbeit zieht auch weitere Ideen und Projekte nach sich, wie zum Beispiel die Grafenberger Buchwoche mit ganz vielen tollen Veranstaltungen rund ums Lesen.

Aufklärung und Zusammenarbeit im Sozialraum

Wie ist das Feedback aus dem „Sozialraum“?

Wenn man sich überlegt, wie viel Angst das Thema Psychiatrie und psychische Erkrankungen oft auslöst, überrascht es eigentlich, dass wir auf viel Offenheit stoßen. So ziemlich das Schlimmste, was uns bisher passierte, ist, dass man uns noch nicht kennt und Nachbarn vielleicht beim Sommerfest zum ersten Mal feststellen, was es mit den schönen denkmalgeschützten Gebäuden an der Grafenberger Allee auf sich hat. Manchmal gibt es natürlich auch irritierende Begegnungen von Leuten aus dem Stadtteil mit psychisch kranken Bewohnern unserer Einrichtungen – irritierend auf beiden Seiten, weil man zum Beispiel ein bestimmtes Verhalten nicht einordnen kann. Dann ist es gerade wichtig, erklärend und vermittelnd zu begleiten, um gute Erfahrungen daraus zu machen. Aber das geht natürlich nur, wenn Begegnung überhaupt stattfindet, und am besten noch ein bisschen intensiver als beim Sommerfest oder in unserem Spielwarenladen.

Wie kann das Modellprojekt Ihre Arbeit noch befördern?

Das Modellprojekt kommt genau zur richtigen Zeit. Es ist für uns ein Anschub, noch einmal gezielter unser Augenmerk auf die wirklich schwer psychisch kranken Menschen zu lenken, die, die wir vielleicht bei unseren bisherigen Aktivitäten noch nicht mitnehmen konnten. Und zum anderen werden wir auch versuchen, weitere Partner im Stadtteil zu suchen: Vereine, Organisationen oder auch einzelne Bürger, mit denen es bisher noch keine Zusammenarbeit gab. Ein glücklicher Zufall ist es, dass auch die benachbarte evangelische Gemeinde noch mehr Quartiersarbeit leisten will und wir beschlossen haben, verstärkt zu kooperieren. Es wird bestimmt eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit.

Wo liegen denn die Schwierigkeiten, Teilhabe zu fördern?

Zum einen gibt es die Kritik an der Sozialpsychiatrie selbst, dass sie keine Gemeindepsychiatrie betreibt, sondern eine „Psychiatriegemeinde“ schafft. Und in der Tat gibt es sehr viele Angebote, bei denen Menschen mit psychischer Erkrankung ganz unter sich bleiben können. Das ist sicher manchmal notwendig, verhindert aber eben auch ganz selbstverständliche Begegnungen an Orten, die nichts mit Psychiatrie zu tun haben. Das ist insbesondere für die durch die Krankheit schwer beeinträchtigten Menschen problematisch, die nicht von sich aus in einen Sportverein gehen oder an einem Malkurs der VHS teilnehmen. Wir müssen herausfinden, welche Begleitung sie dabei brauchen, um es doch zu wagen. Außerdem ist es wichtig Schnittmengen zu finden. Was gibt es, was für alle interessant ist? Ist es der Grafenberger Fußball-Fanclub oder das Grafenberger Drachenboot, mit dem Menschen aus dem Stadtteil dann beim Drachenboot-Rennen tatsächlich in einem Boot sitzen? Wichtig ist es, über persönliche Erfahrungen, Austausch und Aufklärung Offenheit zu schaffen. Offenheit und Interesse aneinander sind wichtige Meilensteine auf dem Weg zu einem selbstverständlicheren Miteinander. Übrigens ist auch die Headline des Modellprojekts noch einmal von „Willkommenskultur“ in „Miteinander inklusiv“ umbenannt worden, um genau dies deutlicher zu machen: Teilhabe und Inklusion soll letztendlich ein Gewinn für alle sein.