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»Digitale Kirche oder Kirche in der digitalen Welt?«

Impuls zum Neujahrsempfang 2019 der Graf Recke Stiftung
von Christian Sterzik, Stabstelle Digitalisierung, EKD

Sehr geehrte Damen und Herren,

Mit dem Jahresthema „Digitaler Wandel“ haben Sie sich ein weltveränderndes Thema ausgesucht, das mich schon lange begeistert. Sehr gerne bin ich daher der Einladung der Graf Recke Stiftung gefolgt, für die ich herzliche danke.

Zum Thema „Digitale Kirche oder Kirche in der digitalen Welt“ möchte ich Ihnen drei Punkte vorstellen:

  1. Digitale Kirche
  2. Kirche in der digitalen Welt
  3. Drei konkrete Empfehlungen für Sie

1. Digitale Kirche

Gelegentlich fragen -meist ältere- Menschen mich: „Warum macht Kirche überhaupt bei der Digitalisierung mit? Warum bleibt Kirche da nicht einfach rein analog?“ Hierzu passend sagte Ingo Dachwitz: “Immer größere Teile sozialen Handelns finden nicht mehr von Angesicht zu Angesicht, sondern medial vermittelt statt. Das kann man gut finden oder schlecht – nur ignorieren sollte man es nicht. Erst recht nicht, wenn Kommunikation für das eigene Funktionieren so zentral ist wie für die Kirchen.“

Online entstehen neue Formen von digitaler christlicher Gemeinschaft. Wie das geht? Dazu geben drei Beispiele zu den Themen „Austausch“, „Partnersuche“ und „Abendgebet“ einen Eindruck: 
 

  1. Austausch findet zu vielfältigen Themen statt. Von Facebook-Gruppen mit mehreren tausend Nutzern, die sich von „Chorgesang“ über „Predigen“ bis hin zu „Sozialer Arbeit“ austauschen. Dass der Aufbau einer solchen Gruppe kinderleicht sein kann, zeigt Lindsey, eine von Literatur begeisterte Jugendliche. Sie startete den Blog „Books for Christian Girls“ mit Buchempfehlungen für 9-19 Jahre alte Mädchen. Sie hat in den letzten Jahren mehrere hunderte Bücher gelesen und dort vorgestellt. Ihre Seite wurde von über 400.000 Personen besucht, und ihre Buchbesprechungen auf YouTube fast 200.000-mal angesehen. Sie ist auch auf Instagram, Pinterest, Facebook und anderen sozialen Netzen zu finden und tritt dort mit ihren Zuschauerinnen in den Dialog. 
     
  2. Auch Partnersuche kann online stattfinden. Nach einem Bericht der Zeitschrift Economist findet in manchen westlichen Ländern fast jede dritte Partnerschaft ihren Ursprung online – wie auch meine.  Allein auf einem einzigen deutschen christlichen Partnersuche-Angebot haben  seit 2012 über 5.000 Singles eine Partnerschaft gefunden.  
     
  3. Twitter und dort insbesondere das Abendgebet #twomplet, das rein ehrenamtlich und ökumenisch vor 5 Jahren entstand. Seitdem wurden rund 139.000 Nachrichten versandt. Jeden Monat lesen viele tausende Menschen mindestens eine Nachricht aus diesem Abendgebet. Auch über die Bildschirme begegnen sich hier Menschen, was in mindestens einem Fall zu einer Ehe führte.
    Auch in den schweren Phasen des Lebens findet dort Gemeinschaft statt, bspw. als die an Krebs erkrankte 26-jährige Frau @Regina_spricht über Twitter und #Twomplet persönlich digital von der Palliativstation beim Abendgebet dabei war. Auch die Nachrufe nach Ihrem Tod am 25.11.2018 zeigen, wie tiefe Verbundenheit und menschliche Begegnung auch digital geschehen kann.

 Statt dieser drei Beispiele hätten es auch dreißig andere von IRC bis Instagram, von Usenet bis Snapchat sein können, die zeigen, dass digital echte Gemeinschaft entstehen und gelebt werden kann.

Neben Gemeinschaft sind auch andere Formen von digitaler Kirche anzutreffen: Seit 14 Jahren wächst die Anzahl der Google Suchen nach dem Begriff „Gottesdienst“ jährlich an. Aber welche Gottesdienste finden Menschen, die dort danach suchen? Haben wir genug dafür getan, dass die Daten von evangelischen Gottesdiensten und Veranstaltungen gut auffindbar sind? Würden ggf. noch mehr Menschen zum Konzert kommen, wenn sie einfacher wissen könnten, dass es stattfindet oder dass es dort einen Wickeltisch gibt? Hierzu arbeiten wir an einer Lösung mit dem Titel „Kirche bei dir“, die einfacher die passenden kirchlichen Angebote in der Nähe anzeigen soll. 

Kirche will Menschen erreichen und sollte auch dort sein, wo die Menschen sind. Wenn etwa 32 Millionen Deutsche regelmäßig auf Facebook sind, und etwa jeder zweite Deutsche zu einer Kirche gehört, ist Kirche auch auf Facebook vertreten. Evangelische und katholische Bischöfe, PfarrerInnen, LehrerInnen, JournalistInnen, Ehrenamtliche mit gemeindlichem / kirchlichem / diakonischem Hintergrund sind zu Hunderttausenden, wenn nicht millionenfach in Facebook und kommunizieren, „was das Zeug hält“. 

Das christliche Online-Engagement in Deutschland ist kaum mehr überblickbar, genauso bunt, evangelisch-föderal und zersplittert wie die Kirchenlandschaft überhaupt. Unterstützung ist hier wichtig. Allein die Church of England schulte in 1,5 Jahren über 1.000 Kirchengemeinden in der Nutzung von Sozialen Medien. Die Kirchengemeinde „Wanstead Parish” stellte fest: „Wir reden nun nicht mehr nur mit uns selbst“ und freut sich über einen stärkeren Austausch mit ihrem Sozialraum. Von dieser Kirchengemeinde sehen bis zu 4.000 Menschen Inhalte auf Facebook, 400 folgen deren Twitter Kanal und 200 Personen erhalten einen E-Mail Newsletter auch mit Andachten. „Im digitalen Zeitalter suchen viele Menschen zuerst auf sozialen Medien nach spirituellen Angeboten - anonym und ohne jegliche Verpflichtung. Suchende sollten hier aktuelle und relevante Inhalte finden. Wanstead Parish nutzt dieses wunderbare Werkzeug um die frohe Botschaft im 21. Jahrhundert weiterzusagen."

Die Kirche von England gibt dem Thema Soziale Medien Priorität. In nur einem Jahr verdoppelte sie die Anzahl der Ansichten von kirchlichen Inhalten auf rd. 2,4 Millionen Stück pro Monat.

2. Kirche in der digitalen Welt

Die Digitalisierung hat schon die Hälfte der Weltbevölkerung direkt erreicht, findet atemberaubend schnell statt, und verändert unsere Gesellschaft nachhaltig. 

Im Oktober twitterte der Pfarrer Christian Brecheis unter #wasPfarrersomachen: „Josef war Chef über Ägypten. Was haben Chefs?“ 1. Klasse: „Alexa!“ 

Ende 2018 wurde laut einer UN-Statistik der Punkt überschritten, an dem die Mehrheit der Weltbevölkerung im Internet ist. Rd. 4 Milliarden Menschen sind online. Weltweit rund 2,2 Milliarden Menschen loggen sich mindestens einmal pro Monat auf Facebook ein.

Unser Bundespräsident sagte: „Die digitale Revolution ist keine Frage, die man bejaht oder verneint, sie findet statt. Und sie ist noch wirkmächtiger als die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts – vor allem ist sie sehr viel schneller. Ihre Geschwindigkeit ist atemraubend.“ 

Laut eines Beitrags im Deutschlandfunk nutzte der Verfassungsschutz in seinem AfD-Bericht zu über einem Drittel Facebook-Nachrichten als Quelle .
Der renommierte Geschichtsprofessor Niall Ferguson sagte im Januar: „Ich sehe nicht, warum der Prozess der gesellschaftlichen Polarisierung irgendwann aufhören sollte. Wir schlafwandeln in Europa und den USA in eine Art Bürgerkrieg, weil wir unterschätzen, wie toxisch der Hass in den Onlinemedien ist.“ Diese Aspekte des digitalen Wandels sorgen mich. 

„Suche Frieden und jage ihm nach“ sagt uns die Jahreslosung. Der christliche Glaube gibt uns Hoffnung uns Veränderungen zu stellen. Der Glaube der Dietrich Bonhoeffer „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ schreiben lies. Der Glaube der Paul Gerhardt auch nach Schicksalsschlägen zu „Befiehl du deine Wege“ brachte, mit dem mir lieb gewordenen Satz: „Der Wolken Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“ 

Aus dieser Gewissheit heraus möchte ich, dort wo nötig klar Stellung beziehen und auf Verbesserungen hinwirken. Vor allem möchte ich die positiven Aspekte des digitalen Wandels verantwortungsvoll nutzen helfen. 

Noch nie hatten wir so mächtige Informationswerkzeuge auf der Welt. Große Teile der Bevölkerung haben heute besseren Zugang zu Wissen und Unterhaltung als es die mächtigsten Menschen der Welt vor einem Jahrhundert hatten. Selbst in abgelegenen kleinen Dörfern können wir, Netzzugang vorausgesetzt, weltweit kommunizieren, von anderen Lernen, beim größten Online Händler aus rund 229 Millionen Produkten  auswählen, rund um die Uhr Informationen nachschlagen, Videos ansehen – von Philosophieprofessoren, Künstlern, Spaßmachern und Theologen. Wir können Bücher, Musik und Filme herunterladen, eine neue Fähigkeit lernen, einen Partner finden, lesen was der amerikanische Präsident gerade so twittert und auch was ein deutscher Pfarrer ihm kritisch antwortet. Wir können sogar einem Kaffeebauern am anderen Ende der Welt die 250 EUR leihen, die ihm noch fehlen, um eine konkrete Verbesserung der Lebensumstände seiner Familie herbeizuführen.

Wir können suchende Menschen in die Kirche einladen, mit einer App spirituell wohltuende Impulse bekommen, berührende Musikvideos ansehen und teilen, zum Tag der Nachbarschaft am 24. Mai über nebenan.de Nachbarn kennenlernen, eine Predigt hören, die so gut ist, dass sie schon über 300.000 Menschen angehört haben, Petitionen unterstützen, und vieles andere mehr. Lassen Sie uns gemeinsam sehen, wo jeder von uns, auch im Kleinen, die digitalen Möglichkeiten nutzen kann, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

3. Empfehlungen

Zum Ende meines Vortrags empfehle ich Ihnen noch drei konkrete digitale Dinge, die Sie evtl. einmal auszuprobieren möchten:

  1. Die App XRCS (das Wort „Exercise“ ohne Vokale) – kostenlos, werbefrei und schon tausendfach heruntergeladen, bringt täglich Inspirationen und Exerzitien von der Landeskirche Hannovers auf Ihrem Smartphone, z.B. „Wen bewunderst du am meisten?“ oder „Stell dir vor, deine nächste Tasse Kaffee ist ein Date mit Gott“.
     
  2. Das YouTube Video zum Lied „Von Guten Mächten wunderbar geborgen“ von Siegfried Fietz – so gut, dass es schon über 5 Millionen Mal angesehen wurde.
     
  3. Bei www.eliport.de, dem evangelischen Literaturportal finden Sie mit Liebe gemachte Literaturtipps und auch Lesepredigten zu Büchern.

Und noch ein Bonustipp für Mutige: Schauen Sie doch einfach mal beim #twomplet oder bei #digitalekirche auf Twitter vorbei. Es ist anfangs ggf. für einige eine ungewohnte Form von Austausch und Gebet, aber eine einfache Möglichkeit eine Form von digitaler Gemeinschaft auszuprobieren.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.