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»Sozial wird digital – Von Teilhabe und Transformation«

Die vernetzte Gesellschaft sozial gestalten

Impuls zum Neujahrsempfang 2019 der Graf Recke Stiftung 
von Sabine Depew, Diözesan-Caritasdirektorin im Ruhrbistum Essen

Der digitale Wandel ist die einschneidendste Veränderung nach der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Der amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin bezeichnet die digitale Revolution als die dritte große industrielle Revolution, die das menschliche Zusammenleben maßgeblich verändern wird. Sie wirkt sich auf alle unsere Lebens- und Arbeitsfelder aus. Sie bestimmt, wie wir arbeiten (mobil, ständig erreichbar, papierlos), wie wir leben (mit digitalen Alltagshilfen) und wie wir uns verhalten (digitale und transparente Kommunikation). Dies ist eine Tatsache und nicht mehr aufzuhalten.

Gleichzeitig erleben wir gesellschaftliche Prozesse, die eine neue Herausforderung für die soziale Arbeit bedeuten. Soziale Arbeit muss sich immer schneller an neue gesellschaftliche Entwicklungen anpassen. 

Umso mehr braucht es eine Vergewisserung und Beachtung dieser Entwicklungen innerhalb der Freien Wohlfahrtspflege, auch damit diejenigen nicht abgehängt werden, für die sie bessere Chancen und Zugänge in unsere Gesellschaft erreichen will.

Wir haben eine digitale Verantwortung.

Unsere Aufgabe als Bildungsverantwortliche in der sozialen Arbeit ist es, Menschen und Mitarbeitende darauf vorzubereiten, mit der Digitalisierung umzugehen. Tun wir das nicht, tragen wir mit dazu bei, dass wir nicht nur wirtschaftliche Nachteile haben werden, sondern gerade auch, dass Menschen auf Dauer aus der Gesellschaft ausgegrenzt und abgehängt werden.

 „Die digitale Spaltung ist vielleicht heute schon Realität. Es gibt ganz viele Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, weil sie gar nicht begreifen, wie stark der digitale Wandel auch ihren Alltag durchdringt. Und diese Idee, dass man auch offline sein könnte, ist einfach nicht mehr durchführbar. Es betrifft nicht nur eine Altersspaltung, sondern auch Zugang zu Technologien beispielsweise: Viele haben gar keinen Rechner zuhause oder haben keinen Internetzugang auf dem Lande.“ (Gesche Joost, Berliner Professorin)

Unsere Aufgabe als soziale Verbände, Organisationen und Bildungseinrichtungen ist es, in einem ersten Schritt unsere Bedenken zu überwinden, weil wir sonst dafür verantwortlich sind, dass die nachfolgende jüngere, aber auch die noch nicht angeschlossene ältere Generation, abgehängt wird. Nichtstun oder draußen zu bleiben ist unverantwortlich. Wir haben eine digitale Verantwortung. Auch, damit die Technologien nicht uns, sondern wir sie bestimmen. In der Digitalisierung stecken gute Chancen der technologischen Unterstützung, die das Leben vereinfachen können, die jungen und alten Menschen dazu verhelfen können, beteiligt zu bleiben.

Wissensgesellschaft ist over.

Dabei geht es nicht nur um das Internet. Es geht um einen neuen Umgang mit Wissen und Informationen. Und zwar in allen Bereichen und das fängt bei den ganz Kleinen an. Wie lernen Kinder und Jugendliche mit Wissen und Informationen umzugehen, sie zu organisieren, sie zu verwerten und kompetent anzuwenden?

Auch das Arbeitsministerium und das Wissenschaftsministerium  arbeiten an diesem Thema. Wie verändert sich unsere Lern- und Arbeitswelt? Wie wir zukünftig unser Wissen organisieren, hat natürlich unmittelbare Auswirkungen auf unsere Arbeit(-splätze). Durch die zunehmende Mobilität sicher auch zunehmend spürbar.
Eine entscheidende kulturelle Veränderung ist hierbei: Wissensarbeiter/innen sitzen nicht länger auf ihrem Wissen. Sie teilen es.
Dabei gilt es, sich zu vernetzen, um Zugänge zu Wissen zu erhalten, das Wissen intellektuell sicher priorisieren, einordnen und verarbeiten zu können und es denen zugänglich zu machen, die es brauchen. Bedeutet auch: Anforderungsprofile von zukünftigen Wissensarbeiter/innen ändern sich.

Der Blogger Lars Hahn  hat in seinem Artikel „Wissensgesellschaft ist over“ beschrieben, welche Kompetenzen zukünftig erforderlich sein werden. 

  • analyzing data to establish relationships
  • assessing input in order to evaluate complex or conflicting priorities
  • identifying and understanding trends
  • making connections
  • ability to brainstorm, thinking broadly (divergent thinking)
  • ability to drill down, creating more focus (convergent thinking)
  • producing a new capability
  • creating or modifying a strategy“ (Zitat: en.wikipedia.org/wiki/Knowledge_worker)

Lufthansa hat bereits vor einigen Jahren eine ganz einfache Strategie ausgerufen: „Lasst die Leute sich vernetzen und kommunizieren. Wenn wir gute Arbeitgeber sind, werden sie positiv über uns erzählen, für Stellenangebote werben und selber Botschafter/innen für eine gute Sache sein!“

Soziale Arbeit 4.0

Alle Bereiche der Wohlfahrt werden bzw. sind davon betroffen:

  • Fort- und Weiterbildungsangebote an erster Stelle, denn Bildung ist der Schlüssel zur digitalen Transformation
  • Genauso interne Ablauf- und Aufbauprozesse, Softwarelösungen, Wissensmanagement und Kooperation sowie Interaktion. Wir werden erkennen, dass gehortetes Wissen keinen Vorteil bringt, sondern das Mitteilen und Verbreiten von adressatengerechten Informationen neue Vorteile des Miteinanders bringt.
  • Fragen der Projekt- und Organisationskultur - Inwiefern unterstützt die Arbeitswelt und Umgebung Vernetzung und kreatives Miteinander, den Austausch von Wissen und Innovationen?
  • Personalsuche: Bewerbungsmanagementsysteme, die als Netzwerk verschiedener Gliederungen genutzt werden und mit denen Talentpools gebildet werden können. In diesem Kontext auch die Nutzung großer Plattformen wie Stepstone, Monster und The Changer, um Kandidat/innen zu erreichen, die nicht automatisch in wohlfahrtsverbandlichen Stellenbörsen suchen. 
  • Wir werden uns auf neue Formen der sozialpolitischen Interessenvertretung einstellen müssen. Viele Politiker befinden sich auf Twitter und Facebook und eine unmittelbare Kommunikation ist möglich und sogar erwünscht. 
  • Öffentlichkeitsarbeit ist keine Angelegenheit von einzelnen Journalisten, sondern ein Kommunikationskonzept einer Organisation - sowohl der Fachleute als auch der Kommunikator/innen. Marketing war gestern. Es geht vielmehr um die Kommunikation und Gestaltung von Beziehungen zu Verbündeten, Kooperationspartnern, Stakeholdern und zukünftigen Mitarbeiter/innen.

Ob es eine App für die Obdachlosenzeitung, ein Netzwerk für Flüchtlingsinitiativen  oder eine Landkarte für Rollstuhlzugänge  ist: Soziale Arbeit 4.0 bedeutet mit der Zeit zu gehen, damit diejenigen, für die wir bessere Chancen und Zugänge erreichen wollen, nicht abgehängt werden.

Digitale Transformation

Die digitale Transformation besteht im Kern aus drei Phänomene: Kommunikation, Softwarelösungen und Robotik.  Wenn wir uns das bewusst machen, werden wir feststellen, dass die Meisten mitten im Geschehen sind. 

Digitale Kommunikation gehört selbstverständlich zum Alltag mit dazu, ob über E-Mail, Messenger wie WhatsApp & Co. oder soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter etc. Die Optimierung von Arbeitsprozessen durch neue Softwarelösungen hat seit Jahrzehnten Einzug in den Arbeitsalltag gehalten. 

Im Grunde genommen sind es zwei Phänomene, die den digitalen Wandel wie ein Gespenst wirken lassen. Erstens das Phänomen der zunehmenden Transparenz. Und zweitens der Einzug von Robotik in unseren Alltag. 

Nun, Transparenz. Was genau ist eigentlich daran falsch? Und wovor haben wir eigentlich dabei solche Angst? Ja, wer sich im Internet bewegt, hinterlässt Spuren. Orte, an denen er gewesen ist, die er bewertet hat. 

Wer im Internet kommuniziert, bezieht Position. Und das Leben ist heute social.

Und Robotik? 

„In Europa sind Roboter Feinde, 
in Amerika Diener,
in China Kollegen und in Japan Freunde.“

aus: Thomas Ramge - Mensch und Maschine

Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, umso mehr wird mir deutlich, dass wir eigentlich schon heute ständig von digitalen Alltagshilfen umgeben sind. Ab wann wir sie als Roboter bezeichnen, dazu sind die Meinungen geteilt. Sind Siri, Alexa und Navigationssysteme schon Alltagshilfen? Wo ist die ethische Grenze? Auch dazu gibt es geteilte Meinungen. Experten sagen, dass Roboter, die emotional reagieren, grenzwertig sind, vor allem dann, wenn keine andere Person mehr im Raum ist. 

Aber wer will das letztendlich entscheiden?

Um soziale Organisationen an den digitalen Wandel heran zu führen, digitale Transformationsprozesse zu durchlaufen und mit sozialen Innovationen adäquat auf einen beschleunigten gesellschaftlichen Wandel reagieren zu können, sind Innovationsräume erforderlich, in denen experimentiert, entwickelt und erprobt werden kann. Sogenannte InnovationLABs.

Was ist ein LAB?

„Innovations- und Kreativlabs sind physische oder virtuelle Räume, in denen der Austausch von Wissen, Ideen und Informationen im Mittelpunkt steht. Es handelt sich um Experimentierorte, die sowohl langfristig als auch zeitlich befristet genutzt werden können. 

Kreative und innovative Prozesse werden in LABs durch die Bereitstellung entsprechender Infrastrukturen, Services und Methoden der (gemeinschaftlichen) Wissensgenerierung unterstützt. 

Sie zeichnen sich in der Regel durch einen Cross-Innovation-Ansatz aus. Das bedeutet, dass in LABs branchenübergreifend und in interdisziplinären Konstellationen gearbeitet wird. 

Ebenfalls schließt der Cross-Innovation-Ansatz die Beteiligung von Kreativschaffenden bzw. Unternehmern, Freelancern oder Freischaffenden aus der Kreativwirtschaft an gemeinschaftlichen Arbeiten in LABs ein.“ 

Im Papier werden vier Lab-Typen unterschieden: Grassroot LABs, Coworking LABs, unternehmenseigene LABs und Forschungs- und Hochschulnahe LABs. 

Innerhalb der Caritas haben wir einen Ort für die Sozialwirtschaft geschaffen, wo Innovationsprozesse durch die gezielte Einbindung externer Experten (u.a. Kreative, weitere Unternehmen, Forschungs- und Entwicklungs-Einrichtungen) unterstützt werden. Den Partnern werden Leistungen und Programme angeboten, die Resultate ihrer Arbeit fließen wiederum in die Umsetzung von Unternehmenszielen ein. 

„Labs bilden neuartige Innovations- und Organisationsstrukturen, die sich von etablierten Strukturen dadurch unterscheiden, dass sie nach außen nicht streng abgeriegelt sind, sondern für unterschiedliche Nutzergruppen zugänglich und somit grundsätzlich interdisziplinär ausgerichtet sind.

Derartige Strukturen ermöglichen das Aufeinandertreffen von zuvor getrennten Wissensbeständen, aus denen schließlich Innovationen hervorgehen können.“

Digitale Fabriktoren wie das Internet wurden durch ihre neue Möglichkeit der Vernetzung und des Austauschs als Treiber von LABs identifiziert. 

Zwei Trends des Fraunhofer Instituts „digitaler Kompetenzdruck und „Notwendigkeit sozialer Innovationen“ weisen darauf hin, dass es Sinn macht, ja notwendig ist, einen Inkubator für soziale Innovationen zu schaffen, damit sozial-caritative Arbeit gesellschaftlichen Entwicklungen stand halten kann.

Digitale Teilhabe.

Der Deutsche Caritasverband hat daher das Thema sozialunddigital.de zu seinem Jahresthema erklärt. Sie finden unter der gleichlautenden Webadresse gute Beispiele aus der Arbeit mit Menschen mit Behinderung, älteren Menschen und der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Anm.: Teile dieses Vortrags sind bereits in „Blätter der Wohlfahrtspflege“ 5/2017, Schwerpunktthema „Digitalisierung“ (Oktober 2017)“, erschienen.