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Theologischer Impuls zum Jahresthema »Digitaler Wandel« durch den Theologischen Vorstand Pfarrer Markus Eisele

Sehr geehrte Damen und Herren, 
liebe Freundinnen und Freunde der Graf Recke Stiftung!

Ich möchte Ihnen zunächst von drei Erlebnissen der letzten Tage erzählen, die viel über die Digitalisierung sagen:

Das erste: Vor zwei Wochen war ich fast am Ende der Welt – in Patagonien, in Südargentinien. Fernab der Zivilisation haben meine Frau und ich ein Naturmonument bestaunt. Noch mehr gestaunt haben wir über einige Touristen, die ihre Urlaubseindrücke per Handy live an ihre Familien in aller Welt gestreamt haben. 

Das zweite Erlebnis: Letzte Woche haben wir mit dem Verein Ingal, ein Zusammenschluss von Damen und Herren, die bei uns im Service-Wohnen leben, Jubiläum gefeiert. Ich saß am Tisch mit Damen zwischen 80 und 90, die sich über die von Ihnen genutzten Apps austauschten und mir stolz berichteten, wie sie mit Enkel und Urenkeln chatten, Radio hören, Videos schauen und eifrig bei Google recherchieren. 

Und zuletzt: Wir haben in einer Leitungsrunde über Digitalisierung gesprochen. Eine Aussage dort: „Digitalisierung macht alles einfacher und anstrengender.“  Diese Eindrücke belegen: Digitalisierung ist bis an die Grenze vorgedrungen – geografisch bis in die letzten Ecken dieser Erde und zu Menschen jeden Lebensalters. Und ja, auch das stimmt: Es ist ein Prozess, der gut mit der Dualität „einfacher und anstrengender“ beschrieben werden kann. Niemand kann sich dieser rasanten Umwälzung entziehen.

Welchen Orientierungs- und Diskussionsbeitrag liefern der christliche Glaube und die christliche Theologie?

Jedenfalls sollten wir uns zunächst eine aus Gottvertrauen gespeiste Gelassenheit bewahren! Ich meine: Weder messianische Rettung und Erlösung noch Untergang und Verdammnis sind vom Digitalen Wandel zu erwarten.

In der Kirche und in der Diakonie hören wir am Anfang eines Jahres auf die Jahreslosung – ein biblisches Motto, das uns durchs Jahr begleiten soll. 

"Suche Frieden und jage ihm nach!" Dazu ruft uns die Jahreslosung 2019 – ein kurzer Abschnitt aus Psalm 34 auf. Wenn man den ganzen Satz liest, heißt es sogar: „Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!"

Ich übersetze die Losung in eine Frage: Wie können wir in Zeiten des digitalen Wandels eine menschengerechte Gesellschaft bleiben, die dem Bösen wehrt, sich für Gutes einsetzt und dem Frieden dient?

1 Gesetz und Evangelium

Eine grundlegende Unterscheidung in der christlichen Theologie hilft dabei. Die Unterscheidung von „Gesetz und Evangelium“. Die Bibel, das Alte und das Neue Testament, umfassen beides: göttliches und menschliches Gesetz und göttlichen und menschlichen Aufruf zu Freiheit und Heil. Das Gesetz regelt, was unter Menschen gilt. Es bindet uns an Regeln, gibt Sicherheit und sorgt für Verlässlichkeit. Es schützt die Schwachen vor den Starken. Die befreiende Botschaft des Evangeliums ruft auf zu Barmherzigkeit und Gnade und in die Verantwortung für den Nächsten. Sie will Menschen für die Kraft der Menschlichkeit begeistern und zeichnet Gottes Heilsversprechen in diese Welt hinein. So entstehen Freiräume, die durch uns gestaltbar sind. Gesetz und Evangelium müssen in ein gutes Gleichgewicht gebracht werden. Nur so wird menschenwürdiges Leben möglich. Auch für die Digitalisierung gilt: Wir brauchen gute Regeln – zum Schutz der Schwachen und des Miteinanders. Und wir brauchen Freiheit für ein menschengerechtes Leben. Beides sind unaufgebbare Werte.

2 Digitaler Wandel – ethisch verantwortet

Deswegen gibt es meines Erachtens auch eine spezifisch christliche diakonische Form des Umgangs mit der Digitalisierung! Nämlich eine ethisch verantwortete, die gemäß dem Rat von Paulus von Tarsos, einem der ersten Schriftsteller des Christentums, unterscheidet: „Prüft alles, und das Gute behaltet!“ Manche Protagonisten der Digitalisierung vertreten eine Ethik und Ziele, die wir nicht teilen können. Stattdessen steht für uns im Zentrum: Was kommt den Menschen zugute, die sich uns anvertraut haben, und denen, die bei uns arbeiten? Was nützt ihnen, erleichtert oder verbessert ihr Leben, ihre Selbständigkeit, Teilhabe und Inklusion? Ein Beispiel: Wo entscheiden Assistenzsysteme über den Kopf von Menschen hinweg? Wo sind Menschen – gerade auch mit Teilhabeeinschränkungen - der Logik der Algorithmen ausgeliefert? Aber auch: Wo schaffen Assistenzsysteme einen neuen Zugang zum Leben und zur Inklusion?

3 Diakonie als starke Stimme in der Zivilgesellschaft

Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft verändert sich grundlegend, Überforderungsphänomene inklusive. Den gesellschaftlichen Frieden können wir aber nur bewahren, wo wir den digitalen Wandel nicht einfach den Marktkräften überlassen. Wir brauchen eine soziale Digitalisierung, die Menschen nicht ausschließt oder entmündigt, sondern alle am Fortschritt teilhaben lässt. Dazu brauchen wir in der Digitalisierungsdebatte dringend mehr starke Stimmen der Zivilgesellschaft.  Wir in der Diakonie und Caritas müssen als größte Arbeitgeberinnen im Land unsere gesellschaftliche, soziale und unternehmerische Verantwortung wahrnehmen und unsere Dienstleistungen in der Gesundheits- und Sozialbranche weiterentwickeln. Wir müssen vor Ort soziale Bedarfe auszumachen und nah an den Hilfebedürftigen passende innovative Angebote entwickeln. Dazu brauchen wir Macherinnen und Macher, echte Intrapreneure. Und: Wir müssen auch verstärkt die Zusammenarbeit mit Startups suchen, die verschiedene Perspektiven, Kompetenzen, Herangehensweisen und Erfahrungen der etablierten Träger und der Startups eröffnen neue Möglichkeiten. Für diese Zusammenarbeit braucht es mehr finanzielle Ressourcen: Förderprogramme, die der Besonderheit und den speziellen Bedürfnissen sozialer Innovationen gerecht werden, damit wir diese realisieren können.

4 „Suche den Frieden, jage ihm nach.“ in der Digitalen Kommunikation

Wie digitale Kommunikation vieles verändert, erleben wir täglich. Die Sprache in den Sozialen Netzwerken ist rauer geworden, liebloser, unbarmherziger. Das Medium prägt die Message. Müssten wir aus diesem Grund nicht ein Zeichen setzen – als Kirche und Diakonie und aus Facebook, Twitter und Co. aussteigen? Ich meine: Nein, gerade in diesen Arenen der Öffentlichkeit brauchen wir eine starke Stimme für die Marginalisierten. Wir brauchen Geschichten vom guten, menschengerechten Handeln, von Nächstenliebe und Barmherzigkeit! Und deswegen sollen wir reden, ins Gespräch kommen. So können wir den Zusammenhalt in unserer diversen und divergenten Gesellschaft fördern.

5 Statt seelenlose Digitalisierung ein menschlicher digitaler Wandel

Ein Letztes: Es gibt eine seelenlose Digitalisierung, bei der Maschinen Menschsein simulieren und fast ununterscheidbar werden. Aber digitale Prozesse, die sich durch Künstliche Intelligenz und Big Data als empathiefähige Freunde ausgeben, bleiben digitale Prozesse. Eine solche Digitalisierung übergeht das Bedürfnis von Menschen nach echter Begegnung. Was alles ist durch keinen Algorithmus dieser Welt zu beschreiben und zugleich grundlegend für gutes Leben? Wie sähe eine digitalisierte Welt aus, die Glaube, Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit und Gnade vergessen hat, weil das alles nicht programmierbar ist?

Auch im Digitalen Wandel wollen wir daran festhalten, dass uns Menschen genau das von Gott ins Herz geschrieben ist: eine Ahnung von Glaube, Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit und Gnade. Wo wir es bisher schon richtigmachen, da hat sich unsere diakonische Arbeit immer an den Menschen als Ganzes ausgerichtet – Menschen aus Leib und Geist und Seele, Menschen, die nach Halt und Orientierung und Sinn suchen – und häufiger als wir denken -  auch nach Gott als Ressource ihres Lebens. Für diese Menschen wollen und werden wir auch in Zeiten der Digitalisierung da sein. Es stimmt. Manches wird einfacher, manches anstrengender. Aber es lohnt sich. Und das Bleiben beim Nächsten ist unser Auftrag, dem wir gerne entsprechen.

In diesem Sinne mag die Jahreslosung unser Motto auch in digitalen Zeiten sein! 

„Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!"