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Von Ich und Gemeinschaft – Gedanken zum Pfingstfest

„Unterm Strich zähl ich!“?

„Unterm Strich zähl ich!“ Mit diesem Slogan hat die Postbank sechs Jahre lang geworben. Deutlicher konnte man einen bestimmten Zeitgeist in unserer Gesellschaft kaum beschreiben. Ich habe mich über diese Werbung immer geärgert. Denn so sehr ich Individualität schätze, ist mir das Wir genauso wichtig. „Unterm Strich zählt das WIR“, fände ich deutlich besser.

Wie groß wird künftig das „Ich“ geschrieben? Wird gelten, Hauptsache meine Interessen werden erfüllt? Oder haben wir im letzten Jahr gelernt, wie wichtig Gemeinsinn ist? Positiv fällt auf, wie viele sich in Rücksicht zurückgenommen haben, Einschränkungen ertragen und damit das Leben der Gefährdeten geschützt. Auf der anderen Seite aber gab es auch die Rücksichtslosen, die nur das Eigene verfolgt haben. Die Diskussionen haben an Heftigkeit zugenommen. Beschimpfungen, Häme und die Fixierung auf den Fehler des Anderen haben zu einem Klima geführt, in dem das Gemeinsame es immer schwerer hat. Sind wir auf dem Weg in eine atomisierte, egoistische Gesellschaft der Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer, die den Sinn für das Wir zunehmend verliert?

Ich bin überzeugt, wir brauchen in einer Gesellschaft, die so in die Rechte und den Erfolg des Einzelnen verliebt ist, mehr Erzählungen, wie Menschen miteinander wachsen, indem sie füreinander da sind. Wir brauchen mehr Geschichten, die unterstreichen, dass sich der Einsatz für seinen Nächsten lohnt. In der Graf Recke Stiftung erzählen wir immer wieder davon und hoffen, dass dies Menschen inspiriert und unsere Welt verändert. Welches Narrativ wird das stärkere sein und hat mehr Resonanz?

Diese Frage stellt in gewisser Weise auch die Gründungsgeschichte der christlichen Kirche. Denn Pfingsten ist der Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, in der jeder in seiner eigenen Blase lebt und das Verständnis füreinander immer schwerer wird. Dieser christliche Feiertag erinnert daran, dass der göttliche Geist nach Jesu Tod auf wundersame Weise Menschen erreicht und zu einer neuen Gemeinschaft vereint. Die Bibel berichtet von einem heftigen "Brausen", das in eine kulturell sehr diverse Versammlung fährt. Der Heilige Geist, oft mit einem frischen Wind verglichen, kann wohl ordentlich durchlüften – die eigenen Gedanken und das Zusammenleben. Jedenfalls hatten sich Menschen aller möglichen Herkünfte, Kulturen und Religionen zusammengefunden, die sich mit Verständigung mutmaßlich auch nicht immer leichttaten. Das Pfingstwunder – so die Bibel - ermöglicht Verständigung.

"Sie gerieten außer sich vor Staunen“ erzählt der Chronist Lukas. Denn wo vorher Trennung war, da entsteht neues Miteinander. Man kann sich heute kaum vorstellen, wie revolutionär das im ersten Jahrhundert war. Frauen und Männer, Freie und Sklaven, Juden, Griechen, Römer werden in gleicher Weise von diesem göttlichen Geschehen ergriffen. Ihre Unterschiede bleiben, aber die unsichtbaren Mauern zwischen ihnen werden überwunden. Es ist der neue pfingstliche Spirit, der alte Schranken einreißt. Dass es Gott selbst ist, der für eine neue Art des Miteinanders sorgt, mag für manche eine Hürde sein. Aber dass die Erzählung auch für unser heutiges Zusammenleben eine inspirierende Bedeutung haben kann, verstehen nicht nur Gläubige. Tatsächlich hat die junge Christenheit es geschafft, ihre Verschiedenheit als Stärke zu verstehen und das Miteinander über das Eigene zu stellen. Nicht immer ohne Konflikte, aber doch so, dass innere Verbundenheit bewahrt wurde.

Pfingsten setzt dem trostlosen Kampf für die nur eigenen Interessen ein Gesellschaftsbild eines friedlichen und gedeihlichen Miteinanders der Unterschiedlichen entgegen. Der Einzelne weiß sich in der Gemeinschaft aufgehoben, die ihm Raum für Freiheit und Entwicklung gibt, und zugleich auf das Verbindende wert legt. Nicht „Wenn alle an sich selber denken, ist an alle gedacht“ gilt, sondern unterm Strich zählt das, was ein gutes Leben in Individualität und Gemeinschaft ermöglicht.  „Unterm Strich zählt das WIR“.

Frohe Pfingsten wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Markus Eisele, Theologischer Vorstand der Graf Recke Stiftung


Was ist Pfingsten?

Das christliche Fest Pfingsten wird am 50. Tag nach Ostern gefeiert. Die Bibel berichtet vom ersten Pfingstfest, dass die Freundinnen und Freunde Jesu nach seinem Tod zusammen waren, als sie plötzlich – begleitet von Sturmbrausen – „mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden und begannen, in fremden Sprachen zu reden; jeder sprach so, wie der Geist es ihm eingab.“ Sie verstanden das als Auftrag, mit allen Menschen auf der Welt über Jesus zu reden. Deshalb nennt man Pfingsten auch den „Geburtstag der Kirche“.

Zu finden ist die Geschichte im Neuen Testament im 2. Kapitel des Buchs „Die Apostelgeschichte“.