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„Dem Dämon den Schrecken nehmen“: Diskussion zum Umgang mit Demenz im Wirtschaftsclub Düsseldorf

|   Ahorn-Karree

Rund 80 Gäste waren der Einladung der Graf Recke Stiftung in den Wirtschaftsclub Düsseldorf gefolgt, um unter dem Titel „Alt, dement und abgeschoben?“ über neue Wege im Umgang mit Demenz zu sprechen. Ein Abend mit Tiefgang, der dem Thema aber auch helle und heitere Seiten abgewinnen konnte – und die Erkenntnis, dass es vor allem um den Umgang mit Demenz gehe, wenn diese Herausforderung gemeistert werden solle.

Ihre erste Frage richtete Moderatorin Anke Bruns an die rund 80 Gäste im Wirtschaftsclub: „Demenz, was macht das mit Ihnen?“ Die Antworten lauteten „Betroffenheit“, „Ratlosigkeit“ oder auch „Angst, dass sich kein lebender Angehöriger mehr um mich kümmern kann, wenn es mich trifft.“ 1,7 Millionen Menschen leben in Deutschland mit der Diagnose Demenz – Tendenz stark steigend.

Im Wirtschaftsclub Düsseldorf, in dem sich sonst eher Unternehmer, Wirtschaftsgrößen und „Entscheider“ treffen, um Geschäftsbeziehungen und Kontakte zu schaffen, ging es am Montagabend um ein „schweres Thema“, diese zwei Worte waren immer wieder zu hören. „Einen Abend mit Impulsen“ versprach Petra Skodzig, Finanzvorstand der Graf Recke Stiftung, in ihrer Begrüßung mit ihrem Vorstandskollegen Pfarrer Markus Eisele. Und so kam es.

Im Podiumsgespräch setzten vier Frauen gemeinsam mit Moderatorin Anke Bruns den thematischen Rahmen. Ursula Ott, Bestseller-Autorin und Chefredakteurin des Magazins Chrismon, konnte – wie viele Gäste – aus persönlichen Erfahrungen berichten und verwies damit gleich zu Beginn auf die helleren Seiten der Demenz. „Meine Oma hat, trotz Demenz, bis zuletzt ein lustiges Leben geführt.“ Martina Plieth, Pfarrerin, Professorin und Autorin mehrerer Demenz-Bücher für Kinder, zeigte den Besuchern den Blick ganz junger Menschen aufs Thema. An Grundschulen hat sie mit Kindern das Thema bearbeitet und eine bunte Mischung an Ansichten und Erfahrungen gesammelt, darunter die eines kleinen Jungen, der Demenz so erklärt: „Wenn man dement ist, dann braucht man einen Urenkel wie mich, der einem sein Gehirn leihen kann.“ Ein anderer beschreibt Demenz wie ein umgefallenes Bücherregal, bei dem einige Bücher hinters Regal gefallen und nicht mehr auffindbar seien. Und ein dritter fand für die Demenz den, wie Martina Plieth fand, sehr passenden Begriff „Hirnverschüttung“. „Viele haben mich gefragt: Wie kannst du so ein schweres Thema mit Kindern besprechen“, berichtete Martina Plieth. Ihre Antwort: „Über Demenz redet niemand gerne, nicht mal mit Erwachsenen. Aber ich möchte Kinder ermächtigen und kompetent machen, damit angemessen umzugehen.“

Anja Renczikowski vom Projekt Herzmusik der Duisburger Philharmoniker, die Konzerte für Menschen mit Demenz organisiert, verwies auf die Kraft der Musik – nicht nur für Menschen mit Demenz: „Musik trifft alle sofort ins Herz.“ Und Katja Petrilos, Pflegedienstleiterin in der Graf Recke Stiftung, erinnerte sich an ihre Großmutter, die dement in einem Gitterbett in einem Dreibettzimmer dahinvegetierte: „Ich habe damals gesagt: Ich werde Krankenschwester und mache alles anders.“

Die Gelegenheit dazu hat Katja Petrilos jetzt als Mitarbeiterin der Graf Recke Stiftung im neuen Ahorn-Karree im Dorotheenviertel Hilden, wo die Stiftung 19 Millionen Euro in die Hand nimmt, um ein bundesweit einzigartiges Wohn- und Lebensprojekt für Menschen mit schwerer Demenz zu realisieren (www.ahorn-karree.de). Dort geht es auch um die Umsetzung einer neuen Pflegekultur: „Die größte Herausforderung im Umgang mit Demenz ist es, die Menschen sein zu lassen, wie sie sind“, so Petrilos, „nicht unsere Maßstäbe an sie anzulegen, sondern uns bei ihrer Begleitung an ihnen und ihren Bedürfnissen und Ressourcen zu orientieren.“

Begleitet von der Musik dreier „Herzmusiker“ von den Duisburger Philharmonikern erhielt der Abend eine ebenso intensive wie berührende Note, als Gäste aus dem Publikum in Wortmeldungen noch einmal ihre ganz persönliche Sicht auf die Demenz einbrachten. „Alt, dement und abgeschoben“, so lautete der Titel des Abends, und diese Angst trieb manchen Gast erkennbar um: Wer kümmert sich um mich, wenn es mich selbst betrifft? So bekannte einer der Gäste, er wolle nicht mehr leben, wenn er die Diagnose Demenz erhielte, und habe dafür bereits vorgesorgt, um seiner Familie nicht zur Last zu fallen. Seelsorgerin Martina Plieth gab darauf eine klare Antwort: „Das Bedürfnis, lieber zu sterben als dement zu sein, entspringt einer großen Not und der Angst vor einer entwürdigenden Situation.“ Würde sei aber im hebräischen mit dem Wort „kabod“ – „Gewicht“ – zu übersetzen: „Jeder von uns braucht Menschen, die uns zusagen: Du darfst mir ein Gewicht sein, du bist mir wert und teuer und darfst mich auch was kosten“ Und deshalb bedürfe es dieser Menschen und solcher Projekte wie das Ahorn-Karree im Dorotheenviertel Hilden, „die die Menschen in ihrer Lebenswürde unterstützen“. Und die, wie es Anja Renczikowski vom Projekt Herzmusik der Duisburger Philharmoniker sagte, „dem Dämon Demenz den Schrecken nehmen“.

Zum Abschluss bedankte sich Wirtschaftsclubgründer Rüdiger Goll bei der Graf Recke Stiftung für den außergewöhnlichen Abend in seinem Hause: „Das war ein Abend mit Tiefgang. Solche Themen sind lebensrelevant.“

Infos rund um das Leuchtturmprojekt Ahorn-Karree im Dorotheenviertel Hilden unter www.ahorn-karree.de

Bilder von der Veranstaltung für die Verwendung im Rahmen der Berichterstattung finden Sie hier.

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