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Skandal oder Normalität? - Inklusion und Teilhabe ernst nehmen

|   Stiftungsverbund

Düsseldorf, 16.03.2018 – „Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen kein Mitleid, sondern Normalität“, sagt Pfarrer Markus Eisele, Theologischer Vorstand der Graf Recke Stiftung. „Wenn Inklusion und Teilhabe gesellschaftlich ernst genommen werden sollen, müssen sie im Alltag auch konsequent gelebt werden.“

Anlass für Eiseles Statement ist die Berichterstattung über einen Teilnehmer an der RTL-Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“, kurz DSDS. Bei diesem Teilnehmer mit dem Künstlernamen „Diego“ handelt es sich um einen Bewohner eines sozialpsychiatrischen Wohnhauses der Graf Recke Stiftung. Eine große Boulevardzeitung titelte schon nach Diegos erstem Auftritt am 15. Januar auf ihrer Titelseite: „DSDS-Skandal um psychisch Kranken! Kandidat kam direkt aus der Anstalt zu Bohlen“. „Hier werden Vorurteile geschürt“, konstatiert Markus Eisele. „In Deutschland gibt es schon lange keine Anstalten mehr. Nicht Diegos Teilnahme an einer Casting-Show ist das Problem, sondern dass unsere gesellschaftliche Realität immer noch zulässt, dass große Zeitungen und viele bei Facebook oder YouTube daraus einen Skandal machen und das unwidersprochen bleibt.“

Auf YouTube war Diegos Auftritt zeitweise eines der meistgeklickten Videos. Tausende Kommentare auf der Onlineplattform und in anderen Netzwerken nahmen in stigmatisierender Weise Bezug auf seine Erkrankung und auch Hautfarbe. „Wer sich auf so ein TV-Format einlässt, muss mit medialer Kritik rechnen, darf aber weder wegen seiner Hautfarbe noch seiner Erkrankung diskriminiert und stigmatisiert werden“, betont Markus Eisele. 

Als Diego sich selbstständig und erfolgreich bei der Casting-Show beworben hatte, war es für die zuständigen Mitarbeitenden in enger Abstimmung mit seinem gesetzlichen Betreuer klar, dass diese ihn bei der Verwirklichung seines großen Wunsches begleiten würden. „Selbstverständlich besteht der Bedarf, unsere Klienten zu schützen“, erklärt der zuständige Geschäftsbereichsleiter Reimund Weidinger. „Aber das Ziel ist immer die maximale Teilhabe, so nah am Leben wie möglich. Es geht immer darum, das Wohl der uns anvertrauten Menschen im Blick zu behalten und ihm bei der Verwirklichung seiner Wünsche zu helfen und nicht etwa im Weg zu stehen.“

Reimund Weidinger ergänzt: „Wir sprechen seit Jahren in der Eingliederungshilfe von Normalität und Teilhabe. Das neue Bundesteilhabegesetz setzt in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention um, welche die Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung fordert. Dass niemand aufgrund seiner Herkunft, Kultur oder Religion ausgegrenzt werden soll, gehört zum Selbstbild offener demokratischer Gesellschaften. Bei der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen haben wir dagegen Nachholbedarf. Begriffe wie Gleichstellung und Teilhabe werden in diversen Sonntagsreden völlig selbstverständlich gefordert. Der Umgang mit dem Kandidaten Diego zeigt, dass diese Selbstverständlichkeit schnell an Grenzen stößt.“

Führende Vertreter aus Kirche und Diakonie bestätigen die Haltung der Graf Recke Stiftung. So betont der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Pfarrer Manfred Rekowski: „Sollen Diego und viele andere Menschen mit Behinderungen nur an dem teilhaben können, was – wer auch immer – normal findet? Ich gebe zu: Es kostet mich angesichts von vielleicht Millionen feixenden TV-Zuschauern Mühe zu verstehen, dass Diego sich so präsentieren will und präsentieren lässt. Aber hier geht es eben nicht um das, was ich gut und angemessen finde. Hier geht es darum, Menschen mit Behinderungen in ihren Rechten ernst zu nehmen.“ 

Pfarrer Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, bekräftigt: „Die UN-Behindertenkonvention gibt uns auf, Inklusion in allen Lebensbereichen zu ermöglichen. Das stößt in unserer Gesellschaft einen tiefgreifenden Wandlungsprozess für das gesamte Menschenbild an. Noch immer stehen Vorurteile und Bedenken im Weg. Aber wir müssen Erfahrungen machen. Und wir müssen aus diesen Erfahrungen lernen, damit Teilhabe wirklich für alle Menschen möglich wird.“

Der Text ist zur Veröffentlichung freigeben.

INFO: Der Sozialpsychiatrischen Verbund der Graf Recke Stiftung ermöglicht psychisch erkrankten Erwachsenen über differenzierte Wohn- und Betreuungsformen in Düsseldorf, Ratingen und Kaarst sowie Arbeits- und Ergotherapie in Düsseldorf und Kaarst Teilhabe an der Gesellschaft. Das Sozialpsychiatrische Zentrum mit Beratungsangeboten, Tagesstätte und Café sowie die Praxis für Ergotherapie in Düsseldorf stehen ebenfalls Menschen mit psychischen Erkrankungen offen.

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