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Motor gegen die Vorurteile

|   Sozialpsychatrie & Heilpädagogik

Die Lesung der Journalistin Christiane Wirtz in der Graf Recke Stiftung zeigte, wie wichtig der Austausch über psychische Erkrankungen ist. Menschen wie die Autorin, die von ihren eigenen Erfahrungen berichten, können dabei echte Mutmacher für andere Betroffene sein.

Das Bild des psychisch kranken Menschen ist geprägt durch Bilder wie das des mordenden Psychotikers Norman Bates in Alfred Hitchcocks Film "Psycho", meint Christiane Wirtz. Kein Wunder, dass es Betroffenen schwerfällt, darüber zu reden. "Es wäre wünschenswert, wenn mit psychisch erkrankten Menschen umgegangen würde wie mit solchen, die an Diabetes erkrankt sind", betonte die Journalisten im Rahmen ihrer Lesung im Sozialpsychiatrischen Verbund der Graf Recke Stiftung. Deshalb habe auch sie sich schwergetan, das Buch über ihre fünf Psychosen in fast zwei Jahrzehnten zu schreiben – und zu veröffentlichen. Aber sie hat es getan. Für sich und andere. Gegen die Stigmatisierung.

"Ich hatte Angst vor beruflicher Ausgrenzung, wenn ich das Buch schreibe", berichtete die 51-Jährige im Seminarraum auf dem Gelände der Graf Recke Stiftung in Düsseldorf-Grafenberg. "Ich habe aber positive Erfahrungen mit meinem Arbeitgeber gemacht. Manchmal gibt es mehr Verständnis, als man denkt." Und dass es das Buch sogar auf die Literatur-Bestsellerliste des Spiegels schaffte, zeige, so Christiane Wirtz, "dass das Thema auch mehr Menschen interessiert als man glaubt." 

Ihr Publikum, zu großen Teilen selbst von psychischen Einschränkungen betroffene Menschen oder deren Angehörige, wollte genauer wissen, wie Christiane Wirtz den Kampf mit ihrer Erkrankung so erfolgreich hat bestreiten können. Ein Zuhörer fragte, ob die Kölnerin heute symptomfrei ohne Tabletten lebe. "Leider nicht", so Wirtz. "ich nehme weniger Medikamente, werde aber den Teufel tun, sie abzusetzen." Und sie erzählte von ihrer Idee, in einer Soteria-Klinik ihre Psychose noch einmal zu erleben. (Das Soteria-Konzept soll eine alternative stationäre Behandlung von Menschen in psychotischen Krisen ermöglichen, wobei sie mit möglichst geringer neuroleptischer Medikation durch ihre Psychose begleitet werden.) Christiane Wirtz: "Ich will das nicht überhöhen, aber solche Erkrankungen sind auch immer Ausflüge des Geistes auf Ebenen, von denen wir oft gar nichts wissen."

Konkrete Hilfestellung zum Umgang mit psychischen Erkrankungen könne sie nicht geben, betonte Christiane Wirtz. "Es gibt kein Rezept. Wichtig ist es, Geduld zu haben mit sich und seinen Prozessen. Der erste Schritt zur Heilung ist die Anerkennung, dass ich nicht perfekt bin und es nie ganz sein werde."

Reimund Weidinger, Leiter der Graf Recke Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik, freute sich über die "positive Energie", die die Autorin an diesem Sommerabend verbreitet habe. Er hofft, dass diese Art des Umgangs "als Motor wirkt, dass beide Seiten aufeinander zugehen, egal welche Krankheit oder Behinderung".

Interview mit der Autorin vor ihrer Lesung in der Graf Recke Stiftung

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