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Neujahrsempfang 2018 - Predigt des Theologischen Vorstands

Liebe Schwestern und Brüder,

vor Weihnachten schrieb jemand auf Facebook: „Noch 2 Pakete für den Nachbarn annehmen und ich habe alle Geschenke für Weihnachten zusammen.“ So kann Nachbarschaft auch sein.

Nachbarschaft ist uns in der Graf Recke Stiftung wichtig. Unser Bewohnerinnen, Klienten, Mitarbeitenden sprechen das deutlich aus. Pfarrer Dietmar Redecker hat einige von ihnen gefragt, was sie sich von Nachbarschaft erhoffen und erwünschen. 

Da schreibt einer: „Ich bin mal, als ich neu war, losgezogen und habe an die Türen geklopft. Und die Leute waren auch freundlich.“ Eine andere betont: „Notnachbarn. Die braucht man, wenn es eng wird. Oder wenn man allein ist.“ Und: „Aus Nachbarschaft ist bei mir auch Freundschaft geworden ist.“

Die Aufgabe beschreibt eine Mitarbeiterin so: „Nachbarschaft bedeutet für mich, Räume zu erschließen für die Klienten, damit sie sich im Stadtteil wohler fühlen. Diese Räume waren früher zu weit weg, bedingt durch das lange Leben in einer Einrichtung.“

Und jemand aus dem Walter-Kobold-Haus ergänzt: „Nachbarn sind für unser Haus sehr wichtig: Sie geben unseren Bewohnern, wenn sie im Stadtteil unterwegs sind, schon mal Hilfestellungen. Wir möchten unsererseits gute Nachbarn sein, und laden deswegen auch gerne zu Festen und Vorträgen ein.“

Nachbarschaft – Gemeinsam über Gelungenes freuen!

Ein Blick in die Bibel zeigt: Nur selten wird hier explizit das Wort Nachbarschaft genutzt. Nachbarschaft ist einfach zu selbstverständlich. Das Zusammenleben wird organisiert, verrechtlicht und geordnet. Die Sorge für den Mitmenschen gehört wie selbstverständlich dazu – übrigens nicht nur für die Mitglieder des Volkes Israel, sondern auch für die, die fremd sind im Land. Der Nachbar ist der Nächste. Und die Liebe zum Nächsten ist Gebot.

Immer wieder unterstreicht das Alte Testament die Forderung eines guten Miteinanders, den Schutz des Fremden und die Beistandspflicht gegenüber den Armen und Ausgestoßenen mit Verweis auf die Heiligkeit Gottes.

Das Neue Testament berichtet, wie Jesus genau das vorlebt: Er sorgt sich um Menschen, wendet sich ihnen zu, holt sie aus ihrer Misere und gibt ihnen wieder einen Ort zum Leben. So heilt er, was unheil war.

Was Nächstenliebe bedeutet, erläutert er mit dem berühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Und er stellt die Frage: Für wen bin ich der Nächste? Der Nächste ist der, für den wir das Naheliegende tun. 

Für seine Jüngerinnen und Jünger und die ersten Gemeinde folgt daraus: In der Nachfolge Jesu handeln wir genauso: Menschen sollen für Menschen sorgen - nachbarschafts-, milieu-  und grenzüberschreitend. Es wird zum Kennzeichen des frühen Christentums.

Im vorhin in der Schriftlesung gehörten Gleichnis ist etwas verloren gegangen – keine Kleinigkeit, etwas Wertvolles. Jesus nennt ein Schaf und einen Silbergroschen  - ein Hundertstel eines bedeutenden Vermögens und im Falle des Silbergroschens ein ganzer Tagesverdienst eines  Tagelöhners. Natürlich suchen der Hirte und die Frau danach. Mit Einsatz. In Sorge um das Verlorene und mit dem bedrückenden Gefühl des Verlustes.

Und als sie finden, was schon verloren geglaubt ist, da wollen sie ihre Freude teilen: sie rufen ihre Freunde und Nachbarn, Freundinnen und Nachbarinnen – schon der griechische Urtext ist hier ganz inklusiv -  und sagen: Freut euch mit mir!

Das ist der entscheidende Impuls: Die Nachbarn freuen sich mit denen, die suchen und finden. Ja, sogar die Himmel und die Engeln Gottes freuen sich, wo Menschen sich finden lassen. 

In der wiedergewonnenen Lebensfreude wird Gottes Nähe erfahrbar.

Umgang mit Verlusterfahrung

Ich stelle mir vor, Jesus hätte sein Gleichnis auch noch in einer zweiten Variante erzählt. Der mit der Suche erhoffte Erfolg bleibt aus. Was verloren war, bleibt verloren. Der Verlust ist schmerzlich und muss ausgehalten werden. Und der Schäfer ging zu seinen Freunden und Nachbarn und die Frau ging zu ihren Freundinnen und Nachbarinnen und rief: „Trauert mit mir, denn was ich verlor, ist unwiederbringlich.“

Auch hier sind Nächste und Nachbarinnen gefordert.

Wie schnell kann jeder von uns das verlieren, was ihm lieb und teuer ist: die Gesundheit, das seelisches Gleichgewicht, der Halt in sozialen Strukturen, sein Ansehen oder das irdische Glück in Beziehungen.

Wie oft blenden wir aus, dass Leben – auch das eigene  - immer gefährdetes Leben ist, dass Leben immer Fragment bleibt.

Zum biblischen Menschenbild, das auch die Arbeit der Graf Recke Stiftung prägt, gehört dazu, dass wir lernen damit umzugehen, dass Leben immer unfertig und fragmenthaft bleibt. Aber auch, dass wir Menschen befähigen, sich in der Verwundbarkeit und dem Verwundetsein anzunehmen. Im geschützten Raum der Annahme können dann Mitarbeitende und Menschen, die immer noch viel zu oft von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind, gemeinsam heilsame Wege gehen: Menschen, die mit körperlichen Einschränkungen oder psychischer Krankheit leben, deren Alltag durch ihr Alter oder ihre Lebensgeschichte beeinträchtigt ist. Ich habe einige davon in den letzten Tagen besuchen können und bin tief beeindruckt von dem Miteinander in den Wohnheimen, Werkstätten, auf den Stationen, in den Schulen und anderen Einrichtungen.

Füreinander Nächster zu sein, bedeutet: Hinschauen auf die Situation des Anderen, hinhören auf seine oder ihre Geschichten, Wünsche und Anliegen, das damit vielleicht verbundene Leid teilen und gemeinsam überlegen, was nötig und möglich ist. Eben: Gemeinsam das Leben meistern! Und – bitte auch das! – sich gemeinsam von Herzen darüber freuen, was gelingt – ohne das Gelingen zu vergötzen.

Jesus hat das Gleichnis vom Scheitern so nicht erzählt. Aber sein Leben mündet genau dort. Am Ende seines Weges geht der bittere Kelch nicht an ihm vorüber. Die Hingabe, die er gelebt hat, endet in seiner Lebenshingabe. In der Hoffnung, dass es am Ende Gott selber ist, der das Verlorene wiederfindet, das zusammenfügt, was im Leben unvollendet bleiben musste. In der Hoffnung, dass es nach allem vergeblichen menschlichem Bemühen er, der Schöpfer von allem, ist, der das vollständig werden lässt, was unfertig blieb.

Wir Christen geben dieser Hoffnung einen Namen: Auferstehung. Natürlich erwarten wir Zeichen des göttlichen Heilshandelns schon hier und jetzt. Und halten zugleich – auch angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeiten dieser Welt - daran fest, dass manches Leid, mancher Schmerz, manche Trauer über verlorene Lebenschancen erst bei Gott und in seiner Wirklichkeit verwandelt wird. 

In diese heilsame Selbstbeschränkung unserer Verantwortung als Handelnde sollen wir uns auf der Grundlage der christlichen Botschaft immer wieder einüben. Wir dürfen und sollen alles erhoffen und müssen uns zugleich nicht damit überfordern, das Unmögliche möglich machen zu wollen.

Wir sind Nachbarn

Ich werde zum Menschen in der Begegnung mit meinem Mitmenschen. Ich werde Nächster in der Begegnung mit meinem Nächsten. Ich werde zum Nachbarn in der Begegnung mit meinem Nachbarn.

Nachbarn freuen sich – manchmal, Nachbarn stärken, ermutigen und helfen – manchmal, Nachbarn schauen weg – manchmal, Nachbarn machen einem das Leben schwer – manchmal.

Irgendjemandes Nachbar sind wir alle, sehen uns Erwartungen an gute Nachbarschaft gegenüber und hegen eigene Wünsche. 

Die Graf Recke Stiftung ist Nachbar und will eine gute Nachbarin sein. Manche unserer Nachbarschaften bestehen seit Jahrzehnten, teilweise sogar mehr als ein Jahrhundert. Viele entstehen zurzeit neu, Frau Skodzig hat vorhin einige der Projekte aufgezählt.

Nachbarschaft benötigt Hilfe

Wir können kaum bezweifeln, dass die gesellschaftlichen, technischen, wirtschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre dem Einzelnen viel aufgelastet haben. Ist das solidarische Miteinander schwächer geworden? Bis hin in die Familiensysteme? 

Jedenfalls sind plötzlich die Nachbarschaften als Solidargemeinschaft wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Mit Quartiersarbeit und Sozialraumorientierung erleben sie vielerorts eine Renaissance. 

Nachbarschaft lässt nicht verordnen. Aber Kirche und Diakonie wollen und können Lust auf die Entdeckung von Nachbarschaft machen, Orte und Anlässe für Begegnung schaffen, die, die sich auf die Suche begeben, ermutigen und stärken und Beteiligung möglich machen. Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren Konzepte entstanden und umgesetzt worden. Wir brauchen eine neue starke Nachbarschaftskultur, in der soziales Engagement Anerkennung findet. Der Quartiersgedanke und die Stärkung des Sozialraumbezugs braucht dazu aber noch mehr politische und kirchliche Unterstützung und Förderung. 

Virtuelle Nachbarschaft

Neben der Tür-an-Tür-Nachbarschaft gibt es heute eine weitere: die TV- und Social-Media-Nachbarschaft, in der jeder mein Nachbar ist. 

Was solche Nachbarschaft heute bedeutet, haben wir in der Graf Recke Stiftung erst in den letzten Wochen erlebt. Einer unserer Klienten, Diego, ist bei der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ aufgetreten. 

Diego lebt in einem unserer Häuser für Menschen mit psychischen Einschränkungen. Sein größter Wunsch ist es, als Musiker und Model erfolgreich zu sein. Wir nehmen sein Anliegen sehr ernst und begleiten ihn, wie wir dies auch sonst im Alltag unser Klienten tun.

Es geht um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und das Recht auf Selbstbestimmung im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention. Wir wollen Menschen mit all ihren Ressourcen, Wünschen, Fähigkeiten und Talenten sehen und sie je nach Bedarf zu begleiten. 

Im Fernsehen, im Internet, wo jeder jedes Anderen Nachbar und im Idealfall auch Nächster ist, ist der Auftritt von Diego durch die virtuellen Nachbarn begleitet, kommentiert und geliked worden. Sein Auftritt hat zu Diskussionen geführt. Und das ist gut so. Wir haben als Kirche und Diakonie, als Stiftung und als Einzelne einen Auftrag, unsere Haltung und unsere Werte auch in der medialen und virtuellen Nachbarschaft zu vertreten. Auch und besonders denen gegenüber, denen es schwer fällt, Vorurteile und Klischees zu überwinden und angstfrei mit den Eigenarten und dem Eigensinn Anderer umzugehen. 

Wobei auch wir natürlich nicht vor Vorurteilen gefeit sind. Auch wir brauchen manchmal einen couragierten Nachbarn, der uns kritisch hinterfragt.

Wir brauchen starke Nachbarschaften!

Wir brauchen starke Nachbarschaften! Mit unserer Arbeit wollen wir dazu beitragen, dass es Austausch und Begegnungen gibt. Denn wir erleben an so vielen Stellen, wie viel Kraft und Freude in diesem Miteinander liegt! 

Zugleich wird deutlich: Die Brücke der Inklusion muss von beiden Seite gebaut werden. Wir brauchen Nachbarschaften, die sich ansprechen lassen und sich fragen, was sie zur Begegnung im Wohnviertel beitragen können: Vereine und Initiativen, Schulen und Kindertagesstätten, Kirchengemeinden, kommunale Verwaltungen und Firmen. Und es braucht auf beiden Seiten der Brücke so etwas wie Inklusionsmanager, die dazu beitragen, das Miteinander vieler unterschiedlicher Menschen zu gestalten

Wir brauchen starke Nachbarschaften! Biblisch stehen sie unter einer himmlischen Verheißung:

Gott selbst freut sich mit. Er freut sich darüber, wo Menschen, die sich verloren haben oder die verloren wurden, wiedergefunden werden. Er freut sich darüber, wo Verlorenes wiedergefunden wird. 

Wo Gemeinschaft und Gemeinschaften stark sind füreinander. Wo man sich wieder in die Gemeinschaft findet. Wo die einen und die anderen entdecken und erkennen, dass sie alle – je auf ihre Weise – etwas wesentliches, essentielles zu einer Menschheit beitragen, die zurecht „menschlich“ heißt.

Da wird „im Himmel und bei den Engel Freude sein.“

Wir suchen Menschen, die sich mitfreuen wollen. Und mit Freude zu starken Nachbarschaften beitragen. Das Versprechen lautet: Gute Nachbarn sein, macht himmlische Freude!