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Die Bastlerinnen - recke:in 1/2019

Von Roelf Bleeker

Der Bastelkreis ist eine Institution in der Graf Recke Stiftung. Und er verweist auf eine Zeit, als Leben, Arbeiten und Kirchengemeinde in Wittlaer ineinander übergingen –  und ein Ehrenamt noch gar nicht so genannt wurde.

Es gibt sie noch, die Graf Recke Stiftung früherer Jahre, als Pädagogen Residenzpflicht hatten und Arbeit, Nachbarschaft und Kirchengemeinde in Düsseldorf-Wittlaer eins zu sein schienen. Man findet sie im Bastelkreis, der sich jeden Dienstagabend im Gräfin Mathilde Haus trifft. Dort braucht es nur einen Funken, um ein Feuer der Erinnerungen zu entfachen. Im Bastelkreis treffen sich aktuell Frauen zwischen 62 und 84 Jahren, sie erbasteln jährlich mehrere Tausend Euro für die Seniorinnen und Senioren im gegenüberliegenden Walter- Kobold-Haus. Fast alle sind mehr oder weniger langjährig mit der Graf Recke Stiftung verbunden und drücken das bis heute in ihrem ehrenamtlichen Engagement aus. Da ist, vorneweg, Heide Ribisel. »Die Macherin«, wie ihre Mitstreiterinnen sie nennen. Die 70-Jährige relativiert das ganz schnell: »Ich kann ohne euch gar nichts machen. Ohne euch gehen wir ein!« »Wir«, das sind an diesem Abend im Gräfin Mathilde Haus zehn kreative Frauen – eine von ihnen fehlt heute krankheitsbedingt. »Der harte Kern«, wie sie sich selbst benennen. Bis 2012 waren sie der »Bastelkreis der Kirchengemeinde«, genauer gesagt: der Anstaltskirchengemeinde der Graf Recke Stiftung. Diese wurde vor sieben Jahren mit der Evangelischen Kirchengemeinde Kaiserswerth fusioniert. Als »Bastelkreis der Kirchengemeinde« bezeichnen sie sich weiterhin.

Basteln für den guten Zweck

Seit Eröffnung des Walter-Kobold-Hauses im Jahr 1997 verfolgen Heide Ribisel und ihre Mitstreiterinnen ihr Anliegen. Im Zentrum stehen jahreszeitliche Basare. Aktuell geht es um den Osterbasar, an diesem Abend im Gräfin Mathilde Haus unschwer zu erkennen an bereits Gestalt annehmenden Hasen, Hühnern und Eierkörben. Der Verkauf auf den Basaren bringt das Geld ein, das wiederum den Bewohnern des benachbarten Seniorenzentrums zugutekommt. Dann gibt es einen Rheinischen Nachmittag mit dem Gesangsduo Tina & Charly, Brote mit Flöns (rheinisch für Blutwurst) und Schmalz und Bier und Wein. Die Karnevalssitzung im Haus wird unterstützt und im August ein Eiscafé organisiert. »Wenn das Wetter schön ist, kommen bis zu 80 Leute!«, sagt Heide Ribisel. Vollen Einsatz gibt es auch beim Erntedankmarkt sowie auf dem Herbst- und Oktoberfest.

Der Bastelkreis finanziert viele weitere Veranstaltungen und unterstützt manchmal sogar in Not geratene Senioren. Darüber hinaus ermöglichen ihre Basar-Einnahmen Ausflüge oder Extras wie eine »Aromatherapie«. Gemeinsam mit dem Förderverein des Hauses finanziert der Bastelkreis auch tierische Besuche im Haus: Hunde, Schweine, Ponys und Lamas waren schon da. Außerdem sorgen die Bastlerinnen auch noch für den Lebensunterhalt der Kaninchen, die in einem Gehege im Garten des Seniorenzentrums leben. »Der Bastelkreis und sein Umfeld sind aus dem Alltag im Walter-Kobold-Haus kaum mehr wegzudenken«, sagt die Leiterin des Hauses, Birgit Kleekamp. »Zusammen mit unserem Sozialtherapeutischen Dienst sorgen sie für Abwechslung und bringen den Stadtteil ins Haus.«

Dass zu den Festen das allermeiste selbst gemacht wird, ist für die engagierten Frauen selbstverständlich. »Unsere Brötchen und Brote sind legendär«, sagt Ursula Freimuth. Die 79-Jährige ist Bastelkreismitglied der ersten Stunde und ist sich sicher, dass der erste Basar 1997 gleich nach der Eröffnung des Walter-Kobold-Hauses stattfand. Über diese historische Einordnung diskutieren die Bastelkreismitglieder noch ein wenig, sicher aber sei: Einen Frauenkreis gab es schon zuvor. »Aber da haben wir mehr geredet, nicht gebastelt«, lacht Ursula Freimuth. Und auch Charlotte Peters berichtet von privaten Strickkreisen und Kaffeekränzchen, die als Vorläufer des Bastelkreises gelten können.

Ehrenamtliches Arbeiten seit Zeiten, in denen es noch gar nicht als ehrenamtliches Arbeiten bezeichnet wurde

Peters, Ribisel, Freimuth, Lukas – wer die Nachnamen der Damen hört, erhält einen tiefen Einblick in die Geschichte der Graf Recke Stiftung. Die Frauen selbst, vor allem aber viele ihrer Ehemänner waren dort tätig, als Leiter der Bäckerei, in der Schusterwerkstatt im früheren Berufsbildungszentrum oder als Pädagogen in der Jugendhilfe. Auch wenn im Bastelkreis rekapituliert wird, wo sie schon überall Räumlichkeiten für ihre Tätigkeiten nutzten, ist das eine Reise durch die Vergangenheit: das alte Fachwerkhaus, in dem einst die Verwaltung saß und das später abbrannte, oder der vor wenigen Jahren abgerissene »Kuhstall«, in dem sich jahrzehntelang zentrale Freizeitveranstaltungen der Jugendhilfe abspielten (und Heide Ribisel einst eine Gruppe von Kindern von Mitarbeitenden betreute). Doch dieser musste der Wohnbebauung rund um die heutige Stiftungsverwaltung weichen.

Ehrenamtliches Arbeiten ist für die Damen und ihr Umfeld selbstverständlich – seit Zeiten, in denen es noch gar nicht als ehrenamtliches Arbeiten bezeichnet wurde und Arbeit, Freizeit und Kirchengemeinde in der Graf Recke Stiftung ineinander übergingen. Diese Strukturen wirken bis heute fort: »Es ist ja nicht nur der Bastelkreis, wir haben hier noch viel mehr Leute, die helfen «, betont Heide Ribisel. In der Nachbarschaft könne man immer »um Hilfe fragen«, sagt Heide Ribisel, und das Gemeindeleben in Wittlaer sei bis heute ein sehr aktives. So ermöglichen die vielen Helfer das Erzählcafé, Bingo-Nachmittage, Gedächtnistraining oder sie unterstützen Pfarrer Redeker bei den Gottesdiensten. »Allein ist ein Pfarrer im Gottesdienst ja hilflos«, sagt Heide Ribisel unter fröhlichem Gelächter ihrer Mitstreiterinnen.

»Wir haben als harter Kern immer die Verbindung gehalten«, betont Ursula Freimuth, »auch wenn Alter und Krankheit unseren Kreis reduziert haben.« Aber die, die noch da sind, sehen sich immer wieder – sei es als Bewohner im Walter-Kobold-Haus oder im benachbarten Service-Wohnen. Die Frage nach dem Nachwuchs sorgt für Nachdenklichkeit in der Runde. Ingedora Altmannsberger, ebenfalls langjährige Mitarbeiterin der Jugendhilfe, ist mit ihren 62 Jahren »das Küken«. »Was wir machen, ist aufwendig und kräftezehrend«, sagt Heide Ribisel, und Ursula Freimuth ergänzt: »Wenn Basare anfangen, ist das sogar richtig stressig.« Doch so lange es geht, werden die Damen ihren Kreis erhalten. Sie könne sich auf ihre Mitstreiterinnen verlassen, sagt Heide Ribisel: »Wenn sie sagen, sie kommen, kommen sie!« Und wenn eine von ihnen hüstelt und krank zu werden droht, dann sagt sie, in aller Herzlichkeit: »Nach dem Basar bitte!«

Info

Der Osterbasar des Bastelkreises findet am 4. und 5. April 2019, jeweils von 13 bis 17 Uhr, im Foyer des Walter- Kobold-Hauses an der Einbrunger Straße 71 in Düsseldorf-Wittlaer statt.