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„Komplett aus der Balance geraten“ - Interview mit Autorin Christiane Wirtz

Bildmotiv: Autorin Christiane Wirtz, Fotograf: Norman Wollmacher

Zwischendurch war Christiane Wirtz kurz davor, es sein zu lassen, "das mit dem Buch". "Es ist ein Fass ohne Boden, ein wirklich verrücktes Unterfangen", schreibt sie – in eben diesem Buch. Denn: Sie hat es nicht sein gelassen. Im letzten Jahr ist das Buch erschienen und hat es in die Top 20 des Literatur-Spiegels geschafft: "Neben der Spur. Wenn die Psychose die soziale Existenz vernichtet" lautet der Titel. Geschrieben hat die 52-Jährige ihre Geschichte in höchst persönlicher Weise nach einem langen Leidensweg durch fünf Psychosen in fast zwei Jahrzehnten. Im Interview mit Roelf Bleeker, Leiter des Referats Kommunikation, Kultur & Fundraising der Graf Recke Stiftung, hat sie erzählt, wie sie dem Stigma der psychischen Erkrankung damit entgegentreten will.

Gegen Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen

Sie rufen auf, sich als psychisch erkrankter Mensch nicht stigmatisieren zu lassen – kann ein Mensch während seiner Erkrankung diese Forderung überhaupt erheben in seiner Lage?

Wenn ein Mensch psychotisch ist und von daher wohl allermeistens davon ausgeht, dass er nicht krank ist, ist das natürlich nicht sinnvoll. Er sieht Dinge ja anders als die sogenannte Allgemeinheit. Dann aber, finde ich, sollten alle im Umfeld diese Forderung stellen. Aber grundsätzlich sind ja die allermeisten psychisch Erkrankten nicht permanent psychotisch. Also: Ganz klar dürfen die diese Forderung erheben.

Sie beschreiben selbst, dass Sie nach der Überwindung von Psychosen Scham empfunden haben…

Wenn jemand psychotisch ist, dann kann man sagen, der ist nicht auf dem Boden der gemeinsamen Annahmen davon, was die Realität ist. Es gibt aber auch in der "normalen Welt" Ausblendungen von Tatsachen, denken Sie etwa an die Leugnung des Klimawandels. Natürlich habe ich in meinen Psychosen verrückte Dinge getan, dafür habe ich mich, soweit das möglich war, entschuldigt, aber ich muss nicht ewig im Büßerhemd herumlaufen. Es hilft schon sehr, wenn sich die Betroffenen klarmachen: Ich habe in psychotischen Phasen Murks veranstaltet, aber ich habe in meinem Leben doch schon vieles geschafft. Also: Ich verdamme mich nicht, ich kann mich auch mit meinen Fehlern liebevoll annehmen. Wenn mir das nicht gelingt, dann spalte ich ja schon wieder etwas von mir ab.

Sie beschreiben im Buch, dass Sie anderen in Ihrem "Wahn" Unrecht getan haben und dass es Ihnen wichtig war, dass Ihnen diese Menschen verzeihen konnten. 

Ja, das war es. Und es war mir auch wichtig, dass diese Menschen sagten: Wir kennen dich auch anders und haben Hoffnung, dass es wieder so werden kann.

Empathie beschreiben Sie ebenfalls als ein wichtiges Band, das erkrankte Menschen halten kann, ein "Rettungsanker für ein Schiff, das sich wahrlich auf stürmischer See befindet", heißt es im Buch. Würden Sie diese Haltung als die entscheidende und die Voraussetzung für alles andere bezeichnen? 

Empathie ist entscheidend in der akuten, psychotischen Phase und auch danach. Gleich wichtig ist aber auch ein Selbstwertgefühl, in meinem neuen Buch spreche ich hier von "Eigensinn". Ich glaube, dass mehr Menschen das in sich haben, als sie selbst wissen. Wenn da noch ein Funke vorhanden ist, darf man den nicht auslöschen. Bei mir war es die Kommunikation und das Schreiben, bei anderen kann es auch etwas Handwerkliches oder etwas ganz anderes sein.

Ich würde lügen, wenn ich sage, es ist alles hundertpro-heil. Aber es ist im Lot

Wie sehr waren Sie damals eine andere Person, haben Sie sich selbst als gespalten wahrgenommen? Wie viel von der erkrankten Person steckt heute in Ihnen?

Ich war kaum eine andere Person. Ich habe ja nicht geleugnet, dass ich Christiane Wirtz war oder Journalistin, oder nach Köln gezogen bin oder irgendein anderes Faktum aus meinem Lebenslauf. Ich habe nur zum Beispiel gesagt, meine Eltern seien nicht meine richtigen Eltern, weil ich mich mit diesem Konstrukt schützen wollte. Es gab aber keine völlige Identitätsabspaltung. Vielmehr habe ich versucht, mit Fantasien über wunde Punkte und starke Verletztheiten hinwegzukommen. Wie viel von der erkrankten Person in mir steckt - wie soll ich das in Prozenten ausdrücken? Ich denke, wenn Verletzlichkeiten getriggert werden, versuche ich entsprechend wohlwollend mit mir umzugehen. Ich bin ja gottseidank nie gewalttätig geworden. Ich kann mich in meinem Wahn sogar teilweise wiedererkennen: ein bisschen angriffslustig, vor allem neugierig. Ich gehe auf Menschen zu und stelle mich gern Konfrontationen. Ich habe im Wahnzustand viele verrückte Dinge getan, aber ich kann nicht behaupten, ich hätte nicht an rechtsstaatliche Prinzipien geglaubt. Ich habe dieses Gerechtigkeitsgefühl, nur war es komplett aus der Balance. Ich kann nicht für alle sprechen, was psychotische Phänomene angeht, aber bei mir war es ein völliges aus der Balance geraten sein. 

Wie ist es für Sie, vor Betroffenen zu lesen? Welche Resonanz erhalten Sie?

Ich erhalte viel positive Resonanz, nicht nur von Betroffenen, auch von Angehörigen und Therapeuten, und es macht mir Spaß. Ich empfinde meine Tätigkeit als sinnvoll. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich manchmal keine Lust habe, permanent über diese Dinge zu sprechen. Ich mache zurzeit einen Podcast und erzähle darin aus dieser Zeit. Eine Freundin sagte mir dazu: Du musst noch mehr beschreiben, Storytelling machen. Und da merke ich manchmal einen Widerstand: Nun ist es auch mal gut, ich muss mich nicht von morgens bis abends mit diesem Kram beschäftigen. Ich möchte auch vorankommen und nicht immer zurückblicken. 

Wie treten Sie selbst Betroffenen gegenüber?

Wie jedem anderen gegenüber auch. Ich möchte niemandem nur deshalb, weil er oder sie vielleicht psychotisch ist, anders gegenübertreten. 

Wie geht es Ihnen heute? Fühlen Sie sich "sicher"?

Ja. Ich bin zwar noch auf dem Weg, aber optimistisch. Ich würde lügen, wenn ich sage, es ist alles hundertpro-heil. Aber es ist im Lot, ich versuche bei allen Dingen, die mir weh tun, entsprechend zu handeln und auch mit mir selbst empathisch umzugehen. Ich mache langsamer und mache mir weniger Stress. Ich nehme Medikamente auf recht niedrigem Niveau. Ich war nie psychotisch, wenn ich Medikamente genommen habe. Ich würde gern noch weiter reduzieren, aber mein Psychiater ist da relativ streng.

Darf man sagen, Ihr Buch sei an einigen Stellen sogar witzig? Darf man über psychische Erkrankungen lachen?

Ich hoffe, Sie finden das Buch in Teilen witzig! So ist das Leben. Manchmal auch tragikomisch. Mehr Humor in dieser Sache tut gut.

Info

Am Freitag, 28. Juni, liest Christiane Wirtz um 18 Uhr im Seminarraum des Sozialpsychiatrischen Verbunds aus ihrem Buch. Karten gibt es zum Preis von 5 Euro an der Abendkasse. Für Klienten der Graf Recke Stiftung ist der Eintritt frei.