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Corona und die Folgen - Sehnsucht nach gesunder Normalität

Die Coronapandemie veränderte das Leben von Klienten, Bewohnern und Mitarbeitenden im Geschäftsbereich Graf Recke Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik gleichermaßen. Menschen mit psychischer Erkrankung oder geistiger Behinderung stellen die Einschränkungen jedoch vor besondere Herausforderungen. Durch das außergewöhnliche Engagement der Teams vor Ort konnte zum Glück einiges aufgefangen werden, zudem finden einzelne Angebote inzwischen wieder statt. Doch der Wunsch nach dem gewohnten Alltag ist bei vielen Akteuren groß. Dabei geht es um Tagesstruktur, um soziale Kontakte – oder einfach nur um einen Parkplatz.

Von Achim Graf

Das hatten Sabine Henne und Linda Paetke vor der Coronapandemie noch nie erlebt: Klienten, die zu ihren Angeboten in der Tagesstätte für psychisch erkrankte Menschen lange vor dem vereinbarten Termin eintreffen. Nur wenige Maßnahmen finden derzeit statt. Doch nachdem die beiden Bezugsmitarbeiterinnen und ihre vier Kolleginnen und Kollegen das Programm im Sozialpsychiatrischen Zentrum der Graf Recke Stiftung in Düsseldorf-Grafenberg wochenlang komplett aussetzen mussten, war die Sehnsucht bei vielen offensichtlich groß. „Vor Corona mussten wir die Menschen eher motivieren“, berichtet Sabine Henne lachend. Doch von diesem positiven Aspekt einmal abgesehen standen und stehen auch sie, wie der gesamte Geschäftsbereich Graf Recke Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik, weiterhin vor großen Aufgaben.

Denn viele ihrer derzeit 28 Klienten, die in der Regel an mindestens drei Tagen in der Woche für meist drei Stunden an die Grafenberger Allee kommen, um sich dort eine Tagesstruktur und Kompetenzen zu erarbeiten, haben gelitten. Denn diese Struktur fiel seit März auf einmal weg, von heute auf Morgen: Werken oder Nähen, PC-Training oder Konzentrationsübungen, all das war plötzlich nicht mehr möglich. Auch das Café Geistesblitz am gleichen Standort, für einige auch ihr Platz im Rahmen einer Arbeitstherapie, musste schließen. „Alle sozialen Kontakte fielen auf einmal weg“, sagt Linda Paetke. Dabei sei die Gemeinschaft ein wichtiger Aspekt der Tagesstätte. Gerade für psychisch Erkrankte sei es „eine sehr schwierige Zeit gewesen“.

Dabei versuchten Sabine Henne und Linda Paetke alles, um in der Zeit des Lockdowns die Verbindung zu ihren Klienten so gut wie möglich aufrecht zu halten. „Wir hatten zu allen telefonisch Kontakt, mindestens zwei Mal in der Woche“, sagt Sabine Henne. Einige hätten es dennoch nicht geschafft, morgens überhaupt aufzustehen, „sie durften ihre Wohnungen ja kaum noch verlassen“. Das Wichtigste sei in dieser Zeit gewesen, den Menschen ihre Ängste zu nehmen, meint Linda Paetke. „Ihnen klar zu machen, dass wir im Notfall hier und für sie da sind.“ Und dennoch ging es einigen von Woche zu Woche schlechter. „Die psychischen Einbrüche kamen nach und nach – und wir konnten ja selbst nicht abschätzen, wie lange das dauert“, sagt sie.

Mit der Zeit kam Unruhe auf

Auch für Ruth Reuber, Bereichsleiterin für das betreute Wohnen und besondere Wohnformen in den Häusern an der Wilhelm-Tell-Straße und der Humboldtstraße war dies „eine große Herausforderung“: Sie und ihr 28-köpfiges Team betreuen aktuell 125 Klienten mit psychischen Erkrankungen, die in der Düsseldorfer Innenstadt in Einzelwohnungen oder Wohngemeinschaften leben – und nicht selten an der Grafenberger Allee ihre Arbeits-, Beschäftigungs- oder Ergotherapie-Maßnahmen durchlaufen oder die Tagesstätte besuchen. Normalerweise. Doch ab März war vieles eben nicht mehr normal. „Es war schon spürbar, dass mit der Zeit Unruhe aufkam“, sagt sie.

Und doch spricht Ruth Reuber vom Glück im Unglück, was der guten Pandemieplanung der Stiftung geschuldet sei und „meinem tollen Team“, wie sie sagt. Als die strengen Auflagen galten, habe man unter den Mitarbeitenden sofort zwei Gruppen gebildet und den Dienstplan so gestaltet, dass diese sich fortan nicht mehr begegnet seien. So konnte im Heimbereich stets eine Fachkraft vor Ort sein oder bei Bedarf auch beim betreuten Wohnen. Mit Mundschutz und auf Abstand, versteht sich.

Physische Kontakte habe man dennoch auf ein Mindestmaß reduziert, erzählt Ruth Reuber. „Die Bezugsmitarbeitenden haben die Klienten meist telefonisch kontaktiert und ihre Wünsche und Bedarfe abgeklärt“, sagt sie. Dann habe man Listen erstellt, Lebensmittel, Drogerieartikel oder Medikamente organisiert und vor die Tür geliefert. Sehr zeitaufwändig sei das am Anfang gewesen, man habe oft durch mehrere Geschäfte gemusst, um alles zu bekommen. „Die Klienten aber haben gemerkt, dass wir uns kümmern.“ Das Team wurde durch Corona im Zusammenhalt sogar noch gestärkt, davon ist Reuber überzeugt. „Alle waren und sind topmotiviert, auch die Absprachen haben super funktioniert.“ Gemerkt habe man das an Kleinigkeiten, sagt sie. Wenn beispielsweise jemand Klopapier ergattert hatte und dieses im Anschluss gerecht verteilt wurde.

Bereitschaft bei allen gespürt

Auch Frank Schwanz lässt auf seine Mannschaft im Haus Haarbachhöfe in Ratingen nichts kommen, das gilt für die Bewohnerinnen und Bewohner wie die Mitarbeitenden gleichermaßen: 42 Menschen mit geistigen und komplexen Mehrfachbehinderungen leben hier in der Einrichtung des Heilpädagogischen Verbunds der Graf Recke Stiftung in vier Gruppen auf zwei Etagen, 22 Mitarbeitende kümmern sich „rund um die Uhr“ um sie, wie der Bereichsleiter betont. Er habe in dieser Zeit eine unglaubliche Bereitschaft bei allen gespürt. „Das war ja sehr anstrengend, auch körperlich. Das ist keine Selbstverständlichkeit“, findet er.

Und in der Tat arbeitete auch Frank Schwanz zu Beginn der Pandemie fast drei Wochen lang am Stück. Es galt ja so viel umzusetzen und neu zu organisieren: Die Werkstätten für Behinderte, in denen ein Großteil der Bewohner sonst arbeitet, hatten geschlossen. Besuche von Angehörigen waren untersagt, der Kontakt untereinander zu vermeiden. „Die Struktur war weg, dadurch entwickeln sich auch Ängste“, sagt er. Und dennoch hätten 80 Prozent der Bewohner, die mit nur leichter geistiger Behinderung zumal, das mit den Masken und dem Abstand gut umgesetzt. Andere hätten dagegen „die Welt nicht mehr verstanden“, sagt er. „Wir sahen mit unserer Schutzkleidung ja zum Teil aus wie vom Mars.“

Gartencafé wird Isolationsstation

Doch die Bewohner sind oft mehrfach vorerkrankt und bedürfen daher eines besonderen Schutzes. Nur durch die strengen Maßnahmen konnte das Infektionsgeschehen kontrolliert werden. Ganz sei das dennoch nicht gelungen, sagt Frank Schwanz. Eine Mitarbeiterin hatte sich infiziert. Anhand des ausgearbeiteten Pandemieplans wurden daraufhin die Kontakte im Haus zurückverfolgt, „und die Betroffenen vorsorglich in Quarantäne gesetzt, mich eingeschlossen“, berichtet er. Die Gruppen und Mitarbeitenden wurden ebenfalls getrennt, bewegten sich nur noch stets mit den jeweils gleichen Kollegen auf einer Etage.  

Mit „viel Mühe und Zeit“ habe man zudem eine Testung aller im Haus durchgesetzt, erzählt der Bereichsleiter – und eine Bewohnerin wurde tatsächlich positiv getestet. Zur Sicherheit habe man die Frau ins Krankenhaus gebracht, sie habe aber zum Glück nur leichte Symptome entwickelt. In der Folge wurde das Gartencafé im Erdgeschoss zur Isolationsstation umgewandelt. „Das Ganze hat unser Haus natürlich auf den Kopf gestellt, das macht was mit den Menschen“, sagt Frank Schwanz. Inzwischen aber habe sich die Situation beruhigt, auch weil die fittesten Bewohner seit 15. Juni wieder zur Arbeit dürfen. Allerdings: Von 32 Berufstätigen sind das zunächst lediglich vier.

Arbeit in kleineren Gruppen

Auch die Tagesstätte an der Grafenberger Allee fährt ihr Angebot nur ganz allmählich wieder hoch. Möglich seien seit Mai Einzelbetreuung sowie die Arbeit in kleineren Gruppen, berichtet Sabine Henne. So findet etwa das Stressbewältigungstraining für psychisch kranke Menschen im Moment statt für acht derzeit nur für vier Klienten gleichzeitig statt. Das Gesamtangebot ist daher deutlich ausgedünnt.

Das Café Geistesblitz hat seit Mitte Juni ebenfalls wieder geöffnet, vorerst nur an Samstagen. Während der Woche werde der Raum für andere Angebote benötigt, um auch hier den notwendigen Abstand zu gewährleisten, erläutert Linda Paetke. Man spüre jedoch, dass die Menschen, die regulär im Café arbeiten, gerne eine Perspektive hätten, sagt sie. „Sie fühlen sich dort mehr integriert in die Gesellschaft.“ Die angestrebte Inklusion sei im Moment in der Tat „etwas lahmgelegt“, wie die Bezugsmitarbeiterin befindet. In diesem Sinne sei die Samstagslösung immerhin ein Anfang. „Und dadurch, dass die Leute so zufrieden sind, sind wir es auch“, sagt sie.

Manches wird man beibehalten

Bei Ruth Reuber ist die Erleichterung ebenfalls groß, das ist ihr sogar im Videointerview anzumerken. Dass ein Teil der Klienten nun wenigstens einige Stunden pro Woche wieder zur Tagesstätte oder zu ihrer Arbeitstherapie fahren könne, „das ist ein Stück gesunde Normalität“, wie die Bereichsleiterin es ausdrückt. Bis vor kurzem sei für Klienten, die von Angehörigen oder aus der Klinik zurückkamen, zudem eine zweiwöchige Quarantäne verpflichtend gewesen. In einer WG etwa galt dann ein strenger Zeitplan, an den sich „alle gehalten haben“. So durften etwa die Betroffenen nicht mit ihren Mitbewohnern in Küche oder Bad zusammentreffen, eine echte Schwierigkeit. 

Anderes aus der Pandemiezeit hingegen werde man möglicherweise freiwillig beibehalten, verrät Ruth Reuber. Die eine oder andere Teambesprechung per Videokonferenz zum Beispiel. Oder auch Beratungsgespräche mit Klienten übers Telefon. „Es gibt tatsächlich einzelne, die können dabei offener reden, als von Angesicht zu Angesicht“, so ihre Erfahrung. Für ihre Mitarbeitenden fiele dann zudem die extrem schwierige Suche nach einer Parkmöglichkeit beim Klienten weg.

Denn auch das war eine überraschende Folge von Corona: Da viele nun im Homeoffice arbeiteten, standen deren Autos nicht auf einem Firmenparkplatz, sondern blockierten stattdessen die Stellplätze in den Wohnvierteln.

Zurück zur Teilhabe?

Der Leiter der Graf Recke Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik, Reimund Weidinger, über die Rückkehr zu ein klein wenig Normalität.

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