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Nicht alle nehmen es locker

Die Zeit des strikten Besuchsverbotes in Einrichtungen für Senioren während der Coronapandemie war hart, für alle Beteiligten. Bewohner litten ebenso wie ihre Angehörigen unter dem fehlenden Kontakt. Seit kurzem sind wieder Besuche möglich, allerdings unter strengen Auflagen. Eine Herausforderung sind die Lockerungen für die Einrichtungen der Graf Recke Stiftung alleine aufgrund des weiterhin gebotenen Schutzes der Menschen vor dem Virus. Doch während sich die allermeisten über die neue Freiheit freuen, sorgen die weiter geltenden Einschränkungen in Einzelfällen für Konfliktpotenzial.

Von Achim Graf

 

Der Blick auf die Pflege habe sich geändert, klagte eine Kieler Einrichtungsleiterin jüngst gegenüber dem NDR. „Am Anfang waren es die Helden in der Krise, jetzt hört man immer wieder: Gefängniswärter, die schließen die Leute weg.“ In dieser krassen Form haben das weder Birgit Kleekamp, Leiterin des Walter Kobold Hauses in Düsseldorf-Wittlaer, noch Jürgen Büstrin, Geschäftsführer des Haus Berlins in Neumünster erlebt. „Ich kann auch selbstbewusst sagen: So ist es nicht“, betont Jürgen Büstrin. Er habe derlei Vorwürfe auch nie vernommen.

Man habe sehr viel Zeit, Gedanken und Herz darauf verwendet, wie man einer sozialen Isolation entgegenwirken könne, sagt Jürgen Büstrin. Gleichzeitig sei es stets oberstes Gebot, das Virus möglichst aus der Einrichtung fernzuhalten. „Weil uns das bislang gelungen ist, erfahren wir vom überwiegende Teil unserer Bewohner und deren Angehörigen eine große Dankbarkeit“, das ist Büstrin wichtig. Und doch gab es in Neumünster in einzelnen Fällen auch Diskussionen, das sei schon so.

In Wittlaer ist es in einem einzigen Fall nicht dabei geblieben. Stein des Anstoßes war auch hier die neue Lockerheit: Demnach dürfen seit Anfang Juli wieder Besuche in den privaten Räumen der Bewohner stattfinden, dabei gelten allerdings „Handdesinfektion, Mundschutz und möglichst kein Körperkontakt“, erklärt Birgit Kleekamp. Ohne Mundschutz Händchen haltend auf dem Bett sitzen, sei keinesfalls in Ordnung. Das den aktuellen Gesetzen entsprechende Konzept hänge mehrfach im Haus aus, zudem wiesen die Pflegkräfte jeden einzelnen Besucher noch einmal explizit auf dieses hin. „Es dient auch zum Schutz aller im Haus“, macht sie deutlich. Man müsse dabei an die Vernunft appellieren, eine durchgehende Kontrolle könne im privaten Bereich ja nicht stattfinden.

Er holte seinen Vater nach Hause

Gleich am ersten Tag allerdings seien ihrem Team dennoch zwei Besucher aufgefallen, die den Mundschutz abgenommen hätten. Beim einen Gast sei der unmissverständliche Hinweis auf den Regelverstoß angekommen, erzählt die Einrichtungsleiterin. Er habe zugesichert, dass dies ein einmaliger Vorfall bleibe. „Im zweiten Fall aber war der Angehörige erbost und hat unwirsch reagiert“, berichtet sie. An der Uneinsichtigkeit des Mannes hat sich auch nach längerer Diskussion nichts geändert.

Birgit Kleekamp hat sich in der Folge bei der Heimaufsicht erkundigt, wie sie nun vorzugehen habe. Laut Behörde sei sie befugt, bei derartigen Verstößen den betroffenen Bewohner für sieben Tage zu isolieren. Hinzu komme am sechsten Isolationstag ein Coronatest. Erst wenn dieser negativ ausfalle, dürfe der Betroffene wieder in die Gemeinschaft zurück. Doch dazu kam es im aktuellen Fall gar nicht: „In letzter Konsequenz hat der Angehörige seinen Vater aus der Einrichtung zu sich nach Hause genommen“, so Birgit Kleekamp. Der Mann habe zwar erst seit kurzem im Walter Kobold Haus gewohnt. „Wir waren dennoch traurig, der Bewohner fühlte sich nach unserer Einschätzung sehr wohl bei uns.“

Von diesen beiden Ausnahmen abgesehen, ist die Einrichtungsleiterin aber äußert zufrieden, es waren bislang die einzigen Vorfälle in Wittlaer unter immerhin 150 Bewohnern. Jürgen Büstrin ist im Seniorenheim Haus Berlin sogar kein einziger Fall bekannt, der eskaliert wäre. Einfach sei die Situation deswegen keineswegs: „Wir spüren, dass das Bedürfnis nach familiärer Nähe derzeit an Dominanz gewinnt“, sagt der Geschäftsführer und Einrichtungsleiter. Es sei für sein Team aber unveränderte Aufgabe, unter den neuen Bedingungen für Schutz zu sorgen. Gemeinsam suche man nach Lösungen, allen Bedürfnissen zu entsprechen, im Rahmen der Vorgaben. „Dabei müssen wir reden und überzeugen“, meint er. In den allermeisten Fällen gelinge das auch.

„Die Quadratur des Kreises“

Dabei haben beide großes Verständnis für die „Sehnsucht der Menschen“, wie Birgit Kleekamp es ausdrückt. „Hohe Sicherheit und große Nähe, das wäre im Moment aber die Quadratur des Kreises“, macht sie deutlich. „Je mehr Menschen hier ein und ausgehen, desto größer ist das Risiko.“ Trotzdem sei es jedem Angehörigen mittlerweile wieder gestattet, täglich zu Besuch zu kommen. Allerdings jeweils nur für eine Stunde. Für die Mitarbeitenden bedeutet die Begleitung der Angehörigen einen erhöhten Aufwand, erläutert Kleekamp: Alle Gäste werden derzeit in Listen eingetragen, es wird bei jedem Besucher Fieber gemessen und jedem das Hygienekonzept erklärt. Letztlich müsste das Team zudem darauf achten, dass wirklich nur der direkte Weg zum Zimmer angesteuert wird, sagt Kleekamp. Mal kurz im Gang eine Blumenvase holen, das sei aktuell einfach nicht drin – auch nicht mit Maske.

Letztlich bleibe es ein Spagat, macht Jürgen Büstrin deutlich: „Wir können nie hundertprozentigen Schutz garantieren, möchten und müssen aber alles dafür tun.“ Man lebe den Slogan der Stiftung „Schütze Deinen Nächsten. Wie Dich selbst“ jeden Tag. Und dennoch habe man auch lernen müssen, Dinge zuzulassen. „Dinge, die wir vor wenigen Wochen, ja sogar Tagen, nicht für möglich gehalten hätten“, bekennt er. Das betrifft für Büstrin beileibe nicht Seniorenheime allein: Vom Haus Berlin aus sind es kaum mehr als 50 Kilometer an die Ostsee. „Und was man dort in jüngster Zeit gesehen hat, das erinnerte mich an die überfüllten Strände auf Ibiza in den Zeiten vor Corona. Unvorstellbar.“