Direkt zum Inhalt

»Pflege wird es auch in 200 Jahren noch geben«

Wohin wird sich der Pflegeberuf entwickeln? Was sind die größten Herausforderungen? Und worauf können sich Menschen freuen, die in diesem Beruf arbeiten oder sich eine Tätigkeit im pflegerischen Bereich vorstellen können? Joachim Köhn, Leiter der Graf Recke Wohnen & Pflege, der Graf Recke Stiftung, und Jürgen Büstrin, Geschäftsführer der Haus Berlin gGmbH, geben im Interview mit Roelf Bleeker und Achim Graf Antworten.

Warum würden Sie einem jungen Menschen heute empfehlen, einen Beruf in der Pflege zu ergreifen?

JOACHIM KÖHN Es ist ein schöner, erfüllender Beruf mit einer sinnstiftenden Aufgabe. Der Beruf ist anspruchsvoll, weil er verschiedene Fähigkeiten erfordert, pflegerische, mediznische wie etwa Organisationstalent und die Fähigkeit zu führen. Und: Er ist absolut krisensicher. Auch in 200 Jahren wird es diesen Beruf noch geben.

JÜRGEN BÜSTRIN Das kann ich so unterschreiben und würde es noch ergänzen um den Anteil der hohen Beziehungsqualität. Der zwischenmenschliche Austausch, der jeden Tag stattfindet, neben den praktischen Tätigkeiten, erhöht die Attraktivität enorm. Es ist zudem kein Tag wie der andere. So viel Abwechslung wie in der Pflege kann man sonst fast nirgendwo finden. Es geht immer um ganz individuelle Lebensgeschichten.

KÖHN Es ist auch einer der Berufe, bei denen man auf seine Tätigkeit eine unmittelbare Rückmeldung bekommt. Man spürt, was man für die Menschen tut und welche Zufriedenheit man durch die Arbeit erreichen kann.

Gibt es Dinge, die sich im Pflegebereich verändert haben seit Ihren beruflichen Anfängen Mitte der 1970er- beziehungsweise 80er-Jahre?

KÖHN Die Rahmenbedingungen haben sich im Hinblick auf die Arbeitsplatzqualität zum Teil verbessert, weil wir viele Hilfsmittel und Arbeitsmaterialien haben, wo früher noch manuelle Tätigkeiten erforderlich waren. Aberdie Arbeitspl atzbelastung und die Arbeitsspitzen haben sicherlich zugenommen.

BÜSTRIN Es ist im Grunde eine ganz andere Ausrichtung. Als wir beide angefangen haben, war das Thema Gesundheit noch weitgehend eine öffentliche Aufgabe, auch die Refinanzierung war gesichert. Damals hat die Pflegekraft im städtischen Krankenhaus mehr Zeit für ihre Arbeit gehabt, und auch die Patientinnen und Patienten hatten noch jede Zeit zur Gesundung. Der Wechsel von einer Bettenfinanzierung hin zu einer Fallpauschale mit kurzer Verweildauer der Patienten in den Krankenhäusern, aber auch in anderen Pflegebereichen, hat die Situation für die Patienten, die Bewohner und die Pflegekräfte gleichermaßen verändert. Das hat die Rahmenbedingungen in der Pflege in den letzten 10, 15 Jahren deutlich beeinflusst. Und zwar nicht nur zum Positiven. Man versucht, politisch gewollt, die stationäre Versorgung auf ein Mindestmaß herunterzuschrauben – festgemacht an einem Pflegeaufwand nach den Einstufungskriterien der Pflegegrade.

KÖHN Aus den Altenheimen sind inzwischen Pflegeheime geworden. Wir versorgen heute in den Einrichtungen Klienten und Patienten, die wir vor 15 Jahren nicht einmal aufgenommen hätten. Das heißt, wir sind heute ein fester Bestandteil der nachstationären Krankenhausversorgung. Die Menschen kommen auch später in die Einrichtungen: Wir waren früher etwa bei einem Durchschnittsalter von 80, jetzt sind wir bei 84, 85 Jahren, auch weil die ambulante Versorgung deutlich verbessert worden ist. Im Gegenzug sind die ganzen familiären Unterstützungssysteme, die es gab, häufig nicht mehr da.

Sind durch all die genannten Veränderungen im Pflegebereich auch die Zugangsvoraussetzungen zu diesem Beruf andere geworden?

BÜSTRIN Angesichts der Tatsache, dass die Menschen immer älter werden und oft mehrfach erkrankt sind, hat natürlich derfachliche Anspruch in der Altenpflege zugenommen. Es ist ein höheres Fachwissen gefordert. Aber in stationären Einrichtungen daran festzuhalten, dass die Mitarbeitenden im Wesentlichen nur Fachkräfte sein können, daran glaube ich allein wegen des Fachkräftemangels nicht. Ich bin der Meinung, wir brauchen Pflegefachkräfte für medizinische Dinge und dazu noch ein starkes Team von Pflegekräften.

KÖHN Dem tragen wir heute schon Rechnung durch den verstärkten Einsatz von Präsenzkräften in unseren Einrichtungen. Wir gewährleisten aber sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich, die ständige Verfügbarkeit von Fachpersonal, die durch die Fachkraftquote auch vorgegeben wird.

Welche persönlichen Eigenschaften sollten Menschen für die Arbeit in der Pflege denn mitbringen?

KÖHN Sie sollten vor allem vielseitig sein und Spaß haben an der Organisation sich verändernder Prozesse in der täglichen Arbeit. Sie sollten natürlich auch die soziale und emotionale Kompetenz haben, um auf Bewohner und Angehörige zuzugehen. Grundsätzlich sollte ein Mensch einen Beruf wählen, den er gerne macht. Dann wird er ihn auch gut machen.

BÜSTRIN Die Entscheidung und die empathische Fähigkeit, sich auf eine zwischenmenschliche Beziehung einzulassen, sind die Basis. Viele andere Dinge kann man, aus meiner Sicht, auch gemeinsam entwickeln.

Apropos Entwicklung: In welche Richtung werden sich die Pflegeeinrichtungen der Graf Recke Stiftung entwickeln? Und was ist dabei die wohl größte Herausforderung?

BÜSTRIN Eine der Herausforderungen ist, für die Zukunft über neue, gute Organisationsformen in der stationären Pflege nachzudenken. Wir brauchen pflegerische Fachkräfte, die die Gabe haben, für die anderen Beteiligten gute organisatorische Fundamente zu schaffen. Das sind etwa unsere Care-Manager, die wir im Haus Berlin neu eingeführt haben, die für allgemeine Pflegekräfte umfänglich planen und diesen damit auch Sicherheit für ihr Handeln geben. (Anm. d. Redaktion: Einen Artikel zum Thema finden Sie auf der Seite 12 dieser Ausgabe.)

KÖHN Auch für uns ist die Fachkräftegewinnung definitiv eine der wichtigsten Aufgaben. Wir haben hier in Düsseldorf und Hilden vielleicht noch einen kleinen Standortvorteil wegen der Großstadtanbindung. Jedes Jahr gehen 200.000 Menschen mehr in Rente, als neu in den Arbeitsmarkt kommen. Wirtschaft 4.0 können Sie nicht in die Pflege übertragen, Rationalisierung ist hier nur sehr begrenzt möglich und wünschenswert. Es bleibt ein Beruf, der von Menschen ausgeführt werden muss.

Und worauf oder worüber können sich die Mitarbeitenden am meisten freuen?

KÖHN Der Beruf ist inzwischen gesellschaftlich sehr aufgewertet worden. Mittlerweile erkennen die Menschen, wie wichtig Pflege ist. Dadurch werden Menschen in der Pflege perspektivisch auch bessere Gehälter erzielen können, alleine durch den Mangel. Die aktuellen Diskussionen sind für die Menschen, die in diesem Beruf arbeiten, sicherlich positiv, weil sich die Bedingungen dadurch verbessern werden.

BÜSTRIN Das kann ich unterstreichen. Ich denke aber, dass wir es in dem jetzigen System sehr schwer haben werden, durchschlagende Erfolge zu erzielen. Doch ich glaube, dass die Notwendigkeit erkannt worden ist, politisch etwas zu verändern. Es ist aus meiner Sicht eine wichtige Aufgabe, auch im Hinblick auf die demografische Entwicklung, ambulant und stationär zusammenzufügen zu einem Angebot, wie wir das mit unserer Quartiersentwicklung in Neumünster gerade tun: eingebettet zu sein in eine Vielzahl von Angeboten, mit betreutem Wohnen, einer Tagespflege, mit Hausgemeinschaften situativ auf die jeweiligen Bedürfnisse zu reagieren, die sich auch im Alter mal so und mal so darstellen und verändern können. So würde ich mir das persönlich vorstellen und wünschen.

Zur recke:in