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Wie komme ich gut durch die Coronakrise?

Coronageschichten aus dem Geschäftsbereich Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik

Texte und Fotos entstanden Ende April und Anfang Mai 2020.
Die Gespräche führte Annika Stiglic.

Fotos: A. Stiglic, Luftaufnahme (Titelbild): Graf Recke Stiftung.
*Auf eigenen Wunsch wurden nicht alle Bewohner mit vollem Namen genannt.

„Die Entschleunigung begrüße ich sehr!“

Corona ist schon seltsam. Es vereint Gutes und Stressiges in einem: Ich begrüße es, dass mir momentan keiner seinen Einkaufswagen in die Hacken schiebt, es gibt kein Gedrängel, und auch die Welt um mich herum scheint zur Ruhe gekommen. Ja, mir gefällt das entschleunigte Tempo auf der Straße!

Als Mensch mit nicht sichtbarer Behinderung ist man es ja schon gewöhnt, in einer Art „Ausnahmezustand“ zu leben. Die „Umstellung“, sich an Schlangen vor dem Supermarkt und Drogerie zu gewöhnen, entfiel. Ich habe nun mehr nette Begegnungen, und das Gefühl, die Menschen aus meinem Stadtteil endlich auch mal persönlich zu kennen. Die bunten Steinschlangen, gelegt von Kindern aus der Nachbarschaft, lassen mich auf meinen täglichen Spaziergängen schmunzeln und zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht.

Aber auch ich vermisse einige Dinge, wenn auch wenige: Konzerte, Ausstellungen, Museumsbesuche, oder einfach mal im Café sitzen. Meine Vorfreude wächst, mit jedem Tag, an dem das wieder möglich ist. Aber gleichzeitig, werde ich eben auch die oben angesprochene Entschleunigung vermissen.

Als Ex-In Genesungsbegleiterin und ehemalige Betroffene weiß auch ich um das emotionale Auf und Ab. Gerade in Zeiten, in denen die Routine und gewohnten Strukturen weg zu brechen scheinen.

Deshalb sprach ich mit Klienten und Bewohnern aus der Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik, wie sie diese besondere Zeit erleben. Wie sie die Tage nun verbringen, und wofür sie dankbar sind. Aber auch, was Ihnen eben schwerfällt oder was sie in diesen Tagen vermissen.

Kreativ in der Corona-Krise

Auf dem Stiftungsgelände an der Grafenberger Allee treffe ich auch Frau Ransome-Jones, die ihre Digitalkamera dabeihat. „Den Bienenstock wollte ich auch fotografieren, ich dachte, das ist ein schönes Motiv“, sagt sie mir, als sie mich mit – ebenfalls mit Kamera ausgestattet – entdeckt.

Auch sie berichtet mir, wie sich die Zeit erlebt: „Einmal am Tag muss ich einfach raus“, erzählt sie. Dann habe sie meistens ihre kleine Digicam dabei und sie fotografiert auf dem Stiftungsgelände. Ansonsten malt sie sehr viel und gestaltet kleine Karten mit ihren Bildern. Ihr Wermutstropfen: Ab Ende April hätte Sie eigentlich eine Ausstellung im Café „Geistesblitz“ mit ihren eigenen Motiven gehabt. Aber auch die fällt samt Vernissage aus.

Die Zeit nutzt sie dennoch gut für sich, um hier mit ihrer Kamera auf Streifzug zu gehen. „Gut, dass ich die Kamera habe, und im Garten trifft man ja auch immer auf nette Leute.“

Während wir uns unterhalten, fällt uns buchstäblich ein weiteres Motiv vor die Füße: Ein großer roter Käfer! Vielleicht entsteht daraus ja auch mal ein Motiv für eine Karte?

„Ich bin froh, wieder zur Arbeit gehen zu können!“

Ich treffe Thomas Ledeganck bei der Gartenarbeit. Drei ältere Damen aus dem Service Wohnen, schauen ihm dabei zu. Sie haben es sich am Gartenteich gemütlich gemacht. Ein netter Plausch entsteht. Gänse schlendern langsam an ihnen vorbei.

„Wenn das nicht herrlich ist, dann weiß ich es auch nicht!“ Thomas Ledeganck genießt die Zeit im Garten. Er ist froh, wieder zur Arbeit gehen zu können und, wie er sagt, „sich wieder im Garten austoben zu können“ Vor einiger Zeit musste auch er in Quarantäne bleiben, ein Verdacht auf das Virus blieb jedoch unbestätigt. „Die Arbeit tut mir gut, und ich komme täglich raus. Zurzeit fahre ich auch mit dem Fahrrad auf das Stiftungsgelände. Durch den Zoopark klappt das derzeit wunderbar“, schwärmt er schon fast.

Auch von den älteren Damen aus dem Service Wohnen bekommt er Lob: „Das ist wie ein kleines Paradies hier.“ Das Gelände der Graf Recke Stiftung ist ein Ort, der nun verstärkt genutzt wird. Für viele Bewohner der Graf Recke Stiftung ist er derzeit auch die einzige Möglichkeit, „frische Luft“ zu schnappen und der Isolierung der eigenen Wohnung, oder Zimmer zu entgehen.

„Ich kann mich nicht beklagen, ich habe gut zu tun, gerade jetzt im Frühling, wenn alles blüht.“

(Fotos: Aufnahmen aus dem Garten der GRS; T. Ledeganck bei der Arbeit, A. Stiglic)

Da einige Mitarbeiter aus anderen Bereichen der Arbeits- und Ergotherapie aktuell im Garten mit aushelfen, kommt es manchmal für ihn zu der ein der anderen ungewohnten Situation: „Ich konnte den Hauptamtlichen einige Tipps geben und Kniffe zeigen, welche die Gartenarbeit leichter und effizienter machen, und meine Erfahrungen weitergeben.“

In Momenten, wie diesen, in denen Thomas Ledeganck von der gemeinschaftlichen Arbeit erzählt, lassen ihn „zusammenhalten und weitermachen“, wie er sagt.

Ein perfektes Beispiel für gelebte Inklusion!

Doch wie verbringt er seine Freizeit, wenn die Arbeit vorüber ist?

"Ich fahre aktuell mit dem Rad zur Arbeit. Dann telefoniere ich mit Freunden, und eine Bekannt habe ich letztens auch auf den Friedhof begleitet. Natürlich mit Sicherheitsabstand, den muss man ja einhalten.“ Auch in Zeiten von Corona findet er es wichtig, den Kontakt zu Freunden zu halten. Meine Bekannte konnte ich gut unterstützen. Das tut einem ja auch selbst gut, wenn man den anderen helfen kann.“

Während wir uns über die positiven Seiten von Corona unterhalten, schildert mir Herr Ledeganck aber auch, dass es nach wie vor Schwierigkeiten gibt. Als Mensch mit Depressionen hat man eben Probleme, seine Wohnung zu machen. Dafür bleibt dann oft keine Kraft mehr. Aber, ich freue mich auch einfach, dass wir alle gesund sind!“

Auch er bestätigt mir, dass „wir psychisch Kranken den Ausnahmezustand gewöhnt sind, wir kennen uns aus mit sonderbaren Eindrücken, und dass es manchmal etwas schwerer ist. Die ‚Normalen‘ sind daran gar nicht gewöhnt.“ Er beobachte öfter, wie schwer sich einigen Leuten, die scheinbar gesund sind, mit der aktuellen Situation tun. Und er ruft zur Gelassenheit. „Mehr als abwarten können wir eh nicht tun. Dann genießen wir doch die Zeit, die wir haben!“

Gibt es Pläne für demnächst?

„Mal mit Freunden was trinken gehen, oder in eine Ausstellung, erzählt mir der gelernte Fotograf. Aber es dauert eben so lange, wie es es dauert“.

Krise als Chance

Auch die Treffen der Redaktionsgruppe der „Reckischen Post“, der Klientenzeitung der Graf Recke Stiftung ruhen aktuell. Corona hat auch uns ausgebremst.

Während Thomas Ledeganck, der ebenfalls für die Klientenzeitung fotografiert, und ich uns über die Arbeit im Garten unterhalten, fange ich das eine oder andere Motiv mit der Kamera ein. Uns kommen neue Ideen für die „Klientenzeitung“: „Auch das müsste man jetzt eigentlich digital lösen und online lesen können. Dann haben einige Bewohner auch etwas Ablenkung…“ überlegt er.

Pläne für die Zeit nach Corona

„Ich würde gerne wieder versuchen arbeiten zu gehen"

Aber wir wollen nicht meckern“ so schildert es auch Herr C*. Er wohnt in einer WG in Nähe des Stiftungsgeländes. Auch er war zwei Wochen in Quarantäne, aus Vorsicht, wie er sagt. „Man versucht halt den Kontakt zu halten, so gut es geht. Mal mit Leuten telefonieren, das, was man halt so machen kann“.  Auch ich telefoniere mit ihm.

Die aktuelle Besuchssituation macht ihm manchmal zu schaffen: „Aber ich bin auch froh, wenn ich Besuch von den Betreuern bekomme, das ist immer eine willkommene Abwechslung, wenn auch nur kurz“. Herr C*. hat gelernt mit der Situation umzugehen. Auch erzählt er mir, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung ja „sowieso andere Zustände gewöhnt“ seien.

Er vertreibt sich die Zeit zu Hause mit Playstation oder Fernsehen. Und gibt mir dabei noch einen TV-Tipp mit auf den Weg: „Im TV laufen viele Bollywood Filme“, dann sei er oft etwas abgelenkt. „Auch ist es ja manchmal schwer, sich aufzuraffen, und seinen Tagesablauf zu halten, so ehrlich muss man sein.“

So tauschen wir uns noch eine Weile über die Vor- und Nachteile zurzeit aus. Und Herr C*. erzählt mir noch von seinen Plänen „nach der Zeit von Corona“: „Ich würde gerne wieder versuchen ein wenig zu arbeiten. Wieder unter Leute kommen. Im Café „Geistesblitz“ vielleicht, wenn es wieder öffnet“.

Ressourcen entdecken und nutzen

Mein Streifzug über das Stiftungsgelände, und die Gespräche mit den Klienten und Bewohnern der Graf Recke Stiftung haben mir gezeigt, wie unterschiedlich wir aktuell die Zeit und die damit verbundenen Einschränkungen empfinden.

Es zeigt mir aber auch, dass es Hoffnung gibt, und Pläne, an denen man unbedingt festhalten sollte. Auch, dass einem eine psychische Erkrankung manchmal helfen kann: Denn in ihr lernt man eben auch, Geduld zu bewahren, ruhig zu bleiben und sich auf seine Stärken zu konzentrieren.

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