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„Du bist mein Zufluchtsort“ – den Glauben feiern

|   Stiftungsverbund

Die Pandemie hat mich erschüttert. Wen nicht? Die Bilder aus den Krankenhäusern und aus den Flüchtlingslagern. Die Berichte von Ärzten, Pflegenden und Wissenschaftlern. Das kann niemanden unberührt lassen.

Gestern hat mich eine Kollegin gefragt: „Was macht Corona mit deinem Glauben?“ Ich habe erst eine Weile nachdenken müssen. Denn das Leben hat sich signifikant verändert. Als Kind einer Zeit, die Bedrohung kaum kannte, erlebe ich nun, dass all die Gewissheiten dahin sind. Alles war bisher weithin gesichert: Gesundheit, Versorgung und die persönliche Freiheiten. Das Alles-ist-möglich-Feeling einer Wohlstandsgesellschaft ist verloren. Zumindest vorübergehend. Mal schauen, wie sich diese Zeit in unserem Erleben in der Zukunft auswirkt. Werden wir bewusster leben? Werden wir sensibler sein füreinander? Werden wir einfacher verzichten können?

Aber hat sich mein Glaube verändert? Ja, auch das. Ich weiß noch deutlicher, dass ich nicht alles in der Hand habe. Ich habe noch inständiger beten gelernt. Meine Beunruhigung spreche ich vor Gott aus. Mag sein, dass mein Gebet nicht die Welt von jetzt auf gleich verändert. Aber es verändert mich. Ich werde ruhiger und suche Schutz und Trost bei Gott. Ist mein Vertrauen auf Gott erschüttert? Auch wenn ich jeden verstehe, dem es so geht. Bei mir ist das nicht so. Ich glaube schon lange nicht mehr an den allmächtigen Gott meiner Kindertage, der nur ein Wort spricht und alles wird gut. Ich glaube nicht daran, dass Gott uns Prüfungen auferlegt. Ich glaube nicht daran, dass Krankheiten Strafe sind. Ich glaube stattdessen an den Gott der Liebe, der uns Menschen auf allen Wegen begleitet. Ihm kann ich mich anvertrauen. Es gibt ein Lied, das mir in diesen Tagen wieder eingefallen ist: „Du bist mein Zufluchtsort. Ich berge mich in deiner Hand. Wann immer mich Angst befällt, traue ich auf dich.“

Für viele ist der Karfreitag ein dunkler Feiertag. In seinem Mittelpunkt steht der Mensch Jesus, der sich verlassen fühlt, ausgeliefert und ohnmächtig. Im Leid und im Tod am Kreuz weiß er sich aber begleitet. Es sind wenige, die ihm geblieben sind. Einige sind geflohen vor Schrecken. Wer möchte es ihnen krumm nehmen? Aber einige Menschen weichen nicht von seiner Seite. Sie sind es dann auch, die als erste die Nachricht von der wundersamen Auferstehung Jesu bekommen.

Mir hilft die Karfreitags- und Ostergeschichte, unsere heutige Zeit besser zu verstehen – und auch meinen Glauben. Manchmal regt sich der Gedanke, wie schön es wäre, vor dieser Situation zu fliehen. Oder morgen aufzuwachen und alles ist wie zuvor. Beides ist ausgeschlossen. Dann erkenne ich, dass ich nach innen fliehen kann. Zu Gott, meinem Zufluchtsort. Bei ihm finde ich Halt und Geborgenheit. Er schenkt mir neue Kraft und Zuversicht. So kann ich da bleiben, wo das Leben auf dem Spiel steht. So kann ich darauf warten, dass irgendwann der Schrecken des Todes in neue Freude und Dankbarkeit umgekehrt wird. Wenn wir dann diese dunkle Karfreitagszeit von Corona durchschritten haben und wir ins Leben auferstehen, dann feiere ich nochmals Ostern. Sei es im Sommer, im Herbst oder wann auch immer. Sie auch?

 

Pfarrer Markus Eisele

Theologischer Vorstand der Graf Recke Stiftung

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