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Soziale Arbeit in Zeiten des Coronavirus: "Wir sind ja nicht aus Zucker!"

Keine Langeweile aufkommen lassen in Zeiten des Coronavirus: Unsere Mitarbeitenden machen soziale Arbeit auch unter schwierigen Bedingungen möglich.

"Die Graf Recke Stiftung ist nicht in der Krise", betont Petra Skodzig, Finanzvorstand der Graf Recke Stiftung. "Unsere aktuellen präventiven Maßnahmen dienen dazu, den Alltagsbetrieb in den kritischen Infrastrukturen wie Pflege, Betreuung aber auch in unserer Verwaltung aufrechtzuerhalten und handlungsfähig zu bleiben." Im Unternehmen gibt es bisher keinen bestätigten Corona-Krankheitsfall, aber die gesamte Stiftung leistet ihren Beitrag zur Eindämmung des Coronavirus und rüstet sie sich für jederzeit veränderliche Umstände. Die Begleitung von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren muss dabei natürlich weitergehen. Das Coronavirus und seine Folgen: Für alle neue Erfahrungen, für viele durchaus auch gute.

"Wir tun alles, um den Normalbetrieb aufrechtzuerhalten", so Finanzvorstand Petra Skodzig. Im Vordergrund stehe die Versorgung und Betreuung der Klienten und Bewohner. "Aber wir wollen auch die Verwaltungen schützen und handlungsfähig halten." Um die Infektionsketten zu unterbrechen, arbeiten die Verwaltungsmitarbeitenden verstärkt im Home Office, Kommunikation erfolgt dann telefonisch oder digital in Videokonferenzen.

Der größte Teil der Aufgaben der Graf Recke Stiftung – das Kerngeschäft soziale Arbeit – funktioniert jedoch nicht im Home Office, gibt Markus Eisele, Theologischer Vorstand, zu bedenken. Umso mehr dankt er auch im Namen seiner Kollegin Skodzig allen, die hier „engagiert und unermüdlich“ im Einsatz sind: "Unsere Kolleginnen und Kollegen halten das soziale Leben am Laufen. Sie sind ‚systemrelevant‘. Es steht zu hoffen, dass die Gesellschaft sich auch nach dem Ende von Corona noch daran erinnert!“

Auch dort, wo Einrichtungen geschlossen werden müssen, geht die Arbeit weiter. Die Tagespflege für 18 Gäste musste die Graf Recke Wohnen & Pflege schließen, es werden aber weiterhin Klienten begleitet, die nicht zuhause versorgt werden können. Auch für die jüngsten gibt es Ausnahmen vom Ausnahmezustand, den das Coronavirus ausgelöst hat – alle Kindertageseinrichtungen geschlossen? Nein, längst nicht alle. In sechs von sieben Kindertageseinrichtungen der Graf-Recke-Kindertagesstätten gGmbH werden aufgrund der beruflichen Unabkömmlichkeit ihrer Eltern aktuell bis zu fünf Kinder betreut, berichtet Sylvia Smajgert, die zuständige Bereichsleiterin. "Das ist tageweise aber unterschiedlich. Manchmal ist auch gar kein Kind da, es können aber auch wieder mehr werden. Wir müssen also sehr flexibel bleiben." Nur die Kita Muhrenkamp in Mülheim an der Ruhr ist komplett geschlossen.

"In der stationären Jugendhilfe haben wir noch keine nennenswerten Ausfälle", berichtet Michael Mertens, Leiter der Graf Recke Erziehung & Bildung. "Aber wir sind ohnehin etwas entspannter, seit das Landesjugendamt das Fachkräftegebot aufgehoben hat."

850 Inklusionsbegleiter aus Schulen und Kitas abgezogen

"Im Notfall können wir auch auf unserer Inklusionsbegleiter zurückgreifen", sagt Michael Mertens. Dieser auf den ersten Blick positiven Aussicht liegt eine schlechte Nachricht zugrunde: "Von unseren 1000 Mitarbeitenden sind etwa 850 von der Schließung der Kitas und Schulen betroffen", erklärt Jonny Hoffmann, Leiter des Familien unterstützenden Dienstes (FuD). "Die übrigen Inklusionsbegleiter sind entweder im Notbetrieb in den Schulen und Kitas oder in den Familien tätig oder auch, um gegebenenfalls Ausfälle der familiären Pflegepersonen aufzufangen." Die rund 850 Inklusionsbegleiter, die Kinder, Jugendliche und junge Volljährige mit besonderem Förderbedarf in Schulen, Offenen Ganztagsschulen und Kindertageseinrichtungen betreuen, wurden aus den Einrichtungen abgezogen. "Wir erhalten hierfür zurzeit keine Leistungen der Kostenträger", sagt Hoffmann. "Bis auf die Honorarkräfte, die etwa fünf Prozent unserer Mitarbeitenden ausmachen, werden unsere Inklusionsbegleitungen aber weiter vergütet." Der Familienunterstützende Dienst erwartet demnach erhebliche Einnahmeausfälle im Bereich der Inklusionsbegleitungen in den Schulen und Kitas.

"Alles steht unter dem Thema Coronavirus, alles andere wird nach hinten verschoben", berichtet auch Martina Wagner, Leiterin der Jugendhilfe Grünau der Tochtergesellschaft Graf Recke Pädagogik gGmbH, Region Westfalen-Lippe. "Veranstaltungen werden flächendecken abgesagt, so auch kürzlich unsere Mitarbeitervollversammlung." Nicht einfach abgesagt werden kann aber die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. "Unsere therapeutischen Angebote werden fortgeführt", berichtet Wagner aus Bad Salzuflen. "Aber natürlich müssen wir abwägen, was machbar ist, vielleicht auch in einer anderen Form. Gesprächs- und Spieltherapien geben ja gerade in dieser Zeit der Unsicherheit Halt und Orientierung – nicht nur den Kindern und Jugendlichen, sondern auch den Mitarbeitenden." Es sei gerade jetzt ein Vorteil, dass in Grünau keine externen Therapeuten benötigt würden und alles auf dem Hauptgelände angeboten werden könne. Etwas anders stellt sich die Situation im benachbarten Bielefeld da, wo die Graf Recke Pädagogik gGmbH Tagesgruppen betreibt. Dort wird aktuell noch geklärt, ob diese schließen müssen. "Wir sind in Abstimmung mit den Jugendämtern und prüfen, wo es vertretbar ist, Kinder nach Hause zu beurlauben und die Familien gegebenenfalls telefonisch zu begleiten", sagt Martina Wagner. "Es sind immer Einzelfallentscheidungen, gemeinsam mit den Jugendämtern und mit dem Ziel, die Sozialkontakte zu reduzieren."

Familiengespräche auf dem Sportplatz

Eine Lösung, die in Westfalen wie auch im Rheinland greift, um therapeutische Angebote aufrechtzuerhalten: rausgehen. "Ich arbeite ich gegenwärtig ausschließlich an der frischen Luft und mit Sicherheitsabstand", berichtet Familientherapeutin Ursula Jäger aus Düsseldorf. Gruppentherapie im Park, therapeutische Aktionen mit Kleinstgruppen auf Feldwegen, Familiengespräche auf dem Sportplatz – der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. "Ob wir das bei Regen auch durchhalten werden?", fragt sich die Familientherapeutin. "Ich bin zuversichtlich. Wir sind ja nicht aus Zucker!"

Arbeiten in Zeiten des Coronavirus – die Pflege trifft es ganz besonders, ist körperliche Nähe doch die Voraussetzung für den Dienst am Bewohner. Dieser Bereich ist aufgrund des sensiblen Aufgabenfeldes aber auch besonders gut auf notwendige Maßnahmen vorbereitet und verfügte sogar schon zuvor über einen Pandemie-Plan, auf den aufgebaut werden konnte. Auch deshalb wurde Marek Leczycki, Leiter des Seniorenzentrums Zum Königshof und langjähriger Qualitätsbeauftragter der Graf Recke Wohnen & Pflege vom Vorstand zum Pandemie-Koordinator berufen. Er leitet den zuständigen Pandemie-Stab mit Vertretern aller Bereiche, der laufend die notwendigen Maßnahmen definiert, die in den Geschäftsbereichen den je individuellen Erfordernissen angepasst werden. "Natürlich ist nicht auszuschließen, dass sich Mitarbeitende in häusliche Quarantäne begeben müssen oder auch Systeme oder Einrichtungsteile betroffen sind." Im Falle eines Verdachts wird entlang der Handlungsempfehlungen der Behörden und des Robert Koch-Institutes auf die jeweils neue Situation reagiert, erklärt Marek Leczycki: "Schnell, klar und eindeutig." Die Graf Recke Stiftung sei gut aufgestellt.

Eine Flut von Vorgaben

Michael Mertens und seine Mitarbeitenden der Graf Recke Erziehung & Bildung mussten sich an die "Flut von Erlassen und Vorgaben" noch gewöhnen: "Wir überhäufen uns ja im Moment mit der Verbreitung von Regularien und Vorschriften, Zugangsverboten und Besuchseinschränkungen… Aber gleichzeitig ist mein Eindruck, dass wir anderen Trägern voraus sind." Pandemie-Koordinator Leczycki hat Verständnis dafür, dass es manchem Mitarbeitenden zu viel wurde: „Ich weiß, dass eine Menge auf die Kolleginnen und Kollegen zugekommen ist, aber wir sind in der Breite jetzt erst einmal damit zu Ende. Wir haben das in eineinhalb Wochen hinbekommen, wichtige Verfahren und den Plan aufzustellen. Das gibt Mitarbeitenden und auch dem Stab Sicherheit, um handeln zu können."  Aus der ganzen Stiftung erhielt der Pandemie-Stab und alle, die ihm zuarbeiten, großes Lob für ihre unermüdliche Arbeit.

Von der profitiert auch das Seniorenheim Haus Berlin in Neumünster: "Der Pandemieplan ist allen Mitarbeitenden bekannt ", so Jürgen Büstrin, Geschäftsführer der Graf Recke-Tochtergesellschaft im hohen Norden. "Auch unser Bewohnerbeirat wurde in alle Aktionen involviert." Büstrins Hauptsorge ist aktuell "die Beschaffung der Dinge, die wir für den Gesundheitsschutz unserer Bewohner benötigen. Der Markt ist weitgehend leer, mir wurden aktuell 20 Liter Desinfektionsmittel zu 505 Euro angeboten…"

Den Blick auf die Bewohnerinnen und Bewohner lenkt zwischen den vielen administrativen Fragen noch einmal der Theologische Vorstand Markus Eisele: „Wie geht es unseren alten Menschen, die nur noch einen Besuch pro Tag bekommen dürfen? Wie werden Klienten und Mitarbeitende Zeiten der Quarantäne gut überstehen?“ Stiftungspfarrer Dietmar Redeker plane dazu eine Reihe von Aktionen, die den Betroffenen ein wenig Freude in den Alltag bringen sollen. "Dazu bedarf es noch nicht einmal der direkten Begegnung", so Eisele. Er denkt an Briefe mit stärkenden Impulsen und Gesprächsangebote per Telefon und Mail. „Wo wir bemerken, dass seelischer Beistand dringend nötig ist, da wird aber auch Seelsorge auch face-to-face möglich sein“, unterstreicht der Theologische Vorstand. "Denn Seelsorge steht – unter den gebotenen Sicherheitsmaßnahmen – einem ärztlichen Hausbesuch in nichts nach.“

Soziale Arbeit basiert immer auf Nähe. Zum Beispiel in der Sozialpsychiatrie: Begleitung in einer psychischen Krise funktioniert in der Regel face to face. Dennoch müssen auch hier die persönlichen Kontakte aufs allernotwendigste beschränkt werden. Tagesstrukturierende Maßnahmen sind unter den aktuellen Ausgangsbeschränkungen nicht mehr umsetzbar, die ie Praxis für Ergotherapie des Sozialpsychiatrischen Verbunds in Düsseldorf wurde ebenso geschlossen wie alle Einrichtungen mit Publikumsverkehr – die Tagesstätte, das Café Geistesblitz und der Spielwarenladen Mathildes Spielekiste und die gesamte Arbeitstherapie.

Ein Virus, eine Vielzahl von Herausforderungen: Jeder Aufgabenbereich ist anders und ebenso individuell ist auch der Umgang mit der unsichtbaren Gefahr. "Der Kita-Alltag hat sich natürlich verändert", sagt Bereichsleiterin Sylvia Smajgert. "Nicht nur, weil wir noch einmal verstärkt die Hygieneregeln einüben. Die Kleinen sind verunsichert, weil es so anders ist, wenn so wenige Kinder da sind. Es ist für uns alle eine extreme Umstellung in kürzester Zeit, bei der wir auch die Eltern mitnehmen müssen."

Zusammenhalten gegen das "blöde Virus"

"Es ist alles etwas ungewiss", gibt auch der Leiter der Graf Recke Erziehung & Bildung zu. "Aber", sagt Michael Mertens, "es ist auch ein Teamgeist bei den Mitarbeitenden spürbar: Jetzt müssen wir Recken uns beweisen." Die Haltung seiner Mitarbeitenden bestätigt das eindrucksvoll: Aus einer Wohngruppe schrieb ein Teamleiter in einer Mail: "Sollte sich die Lage weiter zuspitzen würde ich mich in jeden Fall dazu bereit erklären, eine eventuelle Quarantäne gemeinsam mit den Bewohnern durchzustehen, sprich für einen gewissen Zeitraum hier einzuziehen." Und eine Kollegin aus einer anderen Wohngruppe meint: "Wenn wir einigermaßen zusammenhalten und gemeinsam nach Lösungen suchen, wird sich ein Weg finden und die Ausbreitung des blöden Virus verlangsamt werden. Bestimmt nicht nach dem Motto: Alles wird gut. Aber auch nicht nach dem Motto: Die Einrichtung hat die alleinige Verantwortung.“

"Ich bin ziemlich geschafft, wenn ich ehrlich bin", sagt Kita-Bereichsleiterin Sylvia Smajgert einige Tage nach Schließung der Kitas. " Es hat mich sehr beschäftigt, die Eltern zu informieren und dann alles so zu organisieren, dass alle mit einem möglichst sicheren Gefühl in die Kitas oder die Freistellung gehen. Aber es fühlt sich jetzt gut an, weil ich viel Zusammenhalt gespürt habe. Da kann ich die ganze Stiftung einbeziehen."

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