Die meisten jungen Menschen, die in der Jugendhilfe Grünau begleitet werden, haben schlimme Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht, wurden geschlagen, missbraucht oder vernachlässigt. Infolge ihrer Traumatisierungen werden nicht wenige selbst gewalttätig oder sexuell übergriffig. Andere ziehen sich komplett zurück. Was es braucht, damit diese jungen Menschen je wieder Vertrauen in andere fassen oder gar dauerhafte Bindungen eingehen können, erklärt Matthias Guder, systemischer Therapeut in Grünau, im Interview mit Roelf Bleeker.

Welche Rolle spielt Einsamkeit bei Kindern mit traumatischen Erfahrungen?

Einsamkeit stellt einen großen Belastungsfaktor dar. Viele Kinder sind so verunsichert durch ihre traumatischen Erlebnisse, dass sie sehr eingeengt sind in ihren sozialen Beziehungen. Ihr Vertrauen in andere wurde in den Grundfesten erschüttert.

Wo setzen Sie an, Vertrauen wiederherzustellen?

Positiver Zuspruch ist heilsam. Der Selbstwert der Kinder ist häufig zerstört durch das Psychotrauma. Ein negatives Selbstbild ist kontraproduktiv, um auf andere offen zugehen zu können. Wir schauen auf die Ressourcen der Kinder, heben hervor, was sie gut können oder schon geschafft haben. Wir orientieren uns am Gelingen, um wieder Vertrauen in andere Menschen aufzubauen.

Also muss das Vertrauen in andere aus den Kindern selbst heraus wieder oder neu entwickelt werden?

Ja. Traumatisierung ist nur ein Wort, aber ich muss dem betroffenen Kind erklären: Was heißt das eigentlich? Wenn zum Beispiel ein Kind so reagiert, dass es in Stresssituationen in den »Freeze-Zustand« geht, also in eine Art Starre verfällt, dann ist das eine wichtige Ressource, die die Psyche entwickelt hat. Unsere Botschaft ist: Was du machst, hat Gründe und ist wichtig, eine völlig normale Reaktion, die dir hilft, zu überleben und durch den Alltag zu kommen. Für uns ist es schön zu sehen, wenn Kinder bei uns in Grünau anderen Kindern das selbst erklären können, wenn sie ihre Wut, Angst oder Traurigkeit benennen können. Das ist die Hauptsache in der therapeutischen Arbeit: Erkenntnis über die eigenen Muster zu gewinnen, im Alltag danach handeln zu können und sie auch anderen zu vermitteln.

Ja. Traumatisierung ist nur ein Wort, aber ich muss dem betroffenen Kind erklären: Was heißt das eigentlich?

Matthias Guder, systemischer Therapeut in Grünau

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Was würden Sie als einen Erfolg Ihrer Arbeit benennen?

Wenn Kinder entdecken: Es gibt Menschen, die an mich glauben und die zu mir stehen, die mich begleiten und mir zeigen, dass sie mich mögen, die sich nicht von mir abwenden, auch wenn ich in bestimmten Situationen überreagiere. Natürlich müssen wir grenzüberschreitendes Verhalten thematisieren und korrigierend eingreifen, aber es zeigt doch, dass hier Bindung stattgefunden hat, wenn diese Kinder sich das erlauben können, ohne Angst haben zu müssen, eingesperrt oder geschlagen zu werden.

Wie greifen Sie korrigierend ein, ohne die Bindung zu gefährden?

Kinder mit Traumata können ihre Probleme oft nur in Extremform lösen – angreifen, flüchten oder erstarren. Das sind uralte Strategien, die wir in uns tragen, aber unsere Aufgabe ist es, gemeinsam andere Konfliktlösungsstrategien zu entwickeln. Wie können diese Menschen in ihrem weiteren Leben Beziehungen gestalten? Wir können schwerste Komplextraumatisierungen nicht in Gänze wegtherapieren, aber wir können Haltungen erarbeiten oder andere Sichtweisen, um das eigene Verhalten zu bewerten und engeren Bezugspersonen näherzubringen – was sind meine Trigger und was meine Bewältigungsstrategien, um damit umzugehen? Es braucht diese Selbstwirksamkeit, mir selber erklären zu können, was mit mir los ist, um es auch anderen erklären zu können. So sind auch engere Freundschaften oder Partnerschaften möglich.

Bleibt das Risiko von Einsamkeit für diese Menschen dennoch ein höheres?

Ja, das tragen sie in sich. »Vertrauen ist die Bereitschaft, das Risiko einzugehen, dem anderen eine gute Absicht zu unterstellen«, hat der Soziologe Niklas Luhmann definiert. Gerade in Gruppen ist das für Menschen mit Bindungsstörung schwierig, da gehen sie lieber auf Distanz. Was aber in der Regel leichter fällt, ist zum Beispiel Gemeinschaft über Musik. Als Teil eines Ensembles Musik sprechen zu lassen ist eine Form, bei der ich in der Gruppe, aber nicht ungefiltert dem Agieren anderer Menschen ausgesetzt bin.

Info

Die Jugendhilfe Grünau ist eine heilpädagogisch-therapeutische Einrichtung der Graf Recke Pädagogik gGmbH in Ostwestfalen-Lippe. Die Einrichtung bietet insgesamt 118 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Unterstützung und Begleitung. Die stationären Wohngruppen und Apartments liegen überwiegend in Bad Salzuflen. Sie werden durch teilstationäre Angebote für junge Menschen mit ihren Bezugssystemen in Bad Salzuflen, Bielefeld und Oerlinghausen ergänzt.

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