Elternbeteiligung ist im Bereich der Jugendhilfe ein gesetzlich verankertes Recht – und wird dennoch bislang kaum wahrgenommen. Dabei bleiben Eltern für ihre Kinder ein Leben lang wichtig. Das Projekt „ElSe“ der FH Dortmund will Eltern von Kindern in Erziehungshilfen daher vernetzen und stärken. Die Graf Recke Stiftung ist als einer von vier Projektpartnern ausgewählt worden. Partizipationsbeauftrage Marita Nowak hat vor der Auftaktveranstaltung vier Mütter gewonnen, die andere Eltern informieren und sich vernetzen wollen. Ihr aller Wunsch: Ein Elternbeirat, der sich möglichst selbst organisiert.
Dass die rund 500 Kinder und Jugendlichen, die im Rahmen der Jugendhilfe in den Wohngruppen der Graf Recke Stiftung leben, gehört und beteiligt werden, ist längst etabliert. Nicht zuletzt setzen sie sich im Kinder- und Jugendrat für ihre eigenen Belange ein. Doch was ist mit den Eltern? Diese haben ein gesetzlich verankertes Recht zur Beteiligung, nehmen dieses aber – aus unterschiedlichen Gründen – nur selten wahr. Ein vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) gefördertes Projekt soll das nun ändern: „ElSe“ (Eltern-Selbstorganisation) will Eltern von Kindern in Erziehungshilfen vernetzen und stärken, so die Zielsetzung. Und die Graf Recke Stiftung ist als einer von vier Projektstandorten ausgewählt worden.
„Die Graf Recke Stiftung hat sich vergleichsweise früh damit beschäftigt, wie Eltern Heimerziehung und ihre Beteiligung erleben“, erläutert Projektleiterin Nicole Knuth deren Aufnahme in das Projekt, das von der FH Dortmund, an der sie als Professorin lehrt, gemeinsam mit der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) bis Ende 2026 durchgeführt wird. Vor rund zehn Jahren habe die Stiftung bereits bei einem Projekt mitgewirkt, das sich mit der Sicht von Eltern in Wohngruppen beschäftigt habe. „So etwas fand davor kaum statt“, sagt die Forscherin. Nun wolle man mit „ElSe“ einen Schritt weitergehen und an vier Modellstandorten, neben Düsseldorf auch in Berlin, Böblingen und Dresden, Eltern-Selbstorganisationen aufbauen und diese Entwicklung fachlich begleiten. Es gehe sowohl um gegenseitige Stärkung in einer oftmals schwierigen Lebenssituation als auch darum, dass Eltern ihre Rechte kennen sollten und ihre Perspektive einbringen können.

Für Marita Nowak eine große Chance: „Die Bedeutung der Eltern bekommt einen öffentlichen Auftritt, es eröffnen sich mehr Möglichkeiten“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin, seit 30 Jahren in der Stiftung tätig und seit knapp einem Jahr mit halber Stelle Partizipationsbeauftrage der Graf Recke Kinder- & Jugendhilfe. Sie begleitet das Projekt von Seiten der Stiftung und erhofft sich insbesondere Feedback durch die Eltern. „Weil die Eltern für die Kinder wichtig sind. Das werden sie immer bleiben“, macht sie klar. Nicht zuletzt durch einen entsprechenden Fachtag 2024 habe man diese motivieren wollen, sich aktiv an der Erziehung ihrer Kinder zu beteiligen, sagt Nowak. „Aber es kommt noch nicht so gut zusammen. Auch aufgrund ihrer Familienhistorie haben Eltern oft Scheu, von ihrem Recht Gebrauch zu machen.“
Noch nicht alle erreicht
Und deshalb freut sich Marita Nowak sehr darüber, dass das Projekt genau an diesem Punkt ansetzt. „Ich brenne dafür, das ist sehr, sehr wichtig“, sagt sie. Vor der im März geplanten offiziellen Auftaktveranstaltung habe sie bislang vier Mütter gewonnen, die Interesse daran haben, andere Eltern zu informieren und sich zusammenzuschließen. „Eltern helfen Eltern“ sei das Motto, zunächst in formlosen Elterncafés, in denen Ideen und Pläne eingebracht und diskutiert werden. Es könnten grundsätzlich Eltern aus allen Wohn- und Tagesgruppen sowie der ambulanten Jugendhilfe teilnehmen, bislang habe man aber „noch nicht alle erreicht“, wie die Partizipationsbeauftrage einräumt.
Bei Gerlinde Löbardt allerdings hat Marita Nowak quasi offene Türen eingerannt. Löbardt ist Pflegemutter eines inzwischen 20-Jährigen, der neun Jahre lang in ihrer Familie gelebt hatte, bis es einfach nicht mehr ging. Schon mit elf Jahren sei ihr Pflegekind nicht mehr in der Schule geblieben, habe der Junge nur noch gemacht, was er wollte, „außerhalb jedes Regelwerks“. Ihr Mann, ihre leibliche Tochter und sie, „gingen alle auf dem Zahnfleisch“, erinnert sie sich. Nun seien sie als Pflegeeltern auch immer Teil der Jugendhilfe gewesen, „und wir hatten die Hoffnung, dass Profis seine Entwicklung besser in die richtige Richtung lenken können“. 2017 sei ihr Pflegesohn dann in die erste Wohngruppe gezogen. „Der Wunsch ging von uns aus“, macht sie deutlich, „und trotzdem war es für uns ganz schlimm“.
Zum Arzt und zum Schulgespräch
Was für Gerlinde Löbardt und ihren Mann jedoch immer klar gewesen sei: „Wir wollten immer Eltern und Familie bleiben, auch mit Blick auf unsere vier Jahre ältere Tochter. Die beiden haben ein sehr herzliches, geschwisterliches Verhältnis“, sagt sie. Ihr Sohn lebe nur sechs Kilometer entfernt, aus Altersgründen in seiner inzwischen dritten Wohngruppe der Stiftung. „Bei allen war es sehr willkommen, dass ich ihn zum Beispiel zum Arzt begleite oder Termine in der Schule wahrgenommen habe“, sagt sie. Marita Nowak hört so etwas gerne. „Das ist Elternbeteiligung“, bringt sie es auf den Punkt. Doch Gerlinde Löbardt hat so ihre Zweifel, ob das in allen Gruppen möglich gewesen wäre. Nicht immer sei der Wunsch der Eltern aus pädagogischer Sicht hilfreich. Dennoch: „Es braucht eine Offenheit aller Beteiligten“, fordert sie.
Dass Eltern sich vernetzen und sich gegenseitig Orientierung geben, sei ein wichtiger Aspekt. „Da geht es zum Teil um ganz banale Dinge: Von der Erklärung eines Hilfeplangesprächs bis zum Erfahrungsaustauch“, sagt die Pflegemutter. Daher sei sie auch sofort bereit gewesen, sich bei „ElSe“ einzubringen. Dass die Stiftung sich am Projekt beteiligt, und eigens eine Partizipationsbeauftrage finanziere, bezeichnet die Bankfachwirtin „als eine Investition in die Zukunft“. Allein weil Eltern befähigt werden, „dass die Kinder perspektivisch vielleicht wieder zurückkönnen“.
Das wäre zweifellos auch der Wunsch von Mia Meo. Ihr 13-Jähriger Sohn verbringt seit 2021 lediglich die Wochenenden bei seiner alleinerziehenden Mutter, wochentags lebt er in einer 5-Tage-Gruppe in Düsseldorf-Wittlaer. „Ich hatte einen Herzinfarkt, als er knapp vier war“, berichtet sie. Ihr Sohn sei dann zeitweise bei Freunden untergekommen, habe danach viel zu früh Verantwortung für sie übernommen, sei traumatisiert gewesen. „Er wurde danach immer schwieriger im Verhalten, mit Zündeln, Klauen, das volle Programm. Ich war allein nicht mehr in der Lage, dem Herr zu werden.“
In ihrer Verzweiflung hatte die Mutter damals „alle ins Boot geholt“, wie sie sagt: psychologische Beratung, Schulsozialarbeit, Jugendamt. Vom Vorschlag der Unterbringung ihres Sohnes in einer Wohngruppe sei sie nicht begeistert gewesen, sagt Mia Meo. „Aber ich habe immer gesagt: Ich versuche alles, zum Wohle meines Kindes.“ Heute gehe es ihr mit ihrer Entscheidung gut, und, noch wichtiger, auch ihrem Sohn. „Weil ich mich entwickeln konnte – und er sich entwickeln durfte“, wie sie es formuliert. Er habe sich stabilisiert, weil auch seine Themen bearbeitet werden. Damit könne er jetzt umgehen. Zugleich sei sie gewachsen in ihrer Rolle als Mutter, „auch als Mensch“.
„Weil ich mich entwickeln konnte – und er sich entwickeln durfte“
Im Austausch Barrieren abbauen
Diese positive Erfahrung ist jetzt ihr Antrieb, sich beim Projekt „ElSe“ zu engagieren. „Viele Eltern haben Ängste gegenüber Pädagogen, den Einrichtungen, den Gruppen“, so ihre Erfahrung. „Aber ich habe gemerkt: Wenn Eltern sich miteinander unterhalten, können ganz viele Barrieren abgebaut werden.“ Sie wolle, dass Eltern eine Anlaufstelle unter sich haben, wo sie Fragen stellen und Bedenken äußern können, sich verstanden fühlen. Andere Eltern hätten auch Tipps und Tricks parat, aus eigener Erfahrung. „Ich glaube, dass man aus jedem Kontakt lernen kann, das gilt auch für mich.“
Und so wäre es der Wunsch der Mutter, dass aus dem Projekt ein Elternbeirat entstehen würde, ähnlich dem Kinder- und Jugendrat. „Wir sind die Fachleute und Experten von der anderen Seite“, davon ist Mia Meo überzeugt. Das sieht Marita Nowak genauso. „Das ist Hauptbestandteil des Projekts“, sagt die Sozialpädagogin. „Dass ich mich überflüssig mache.“ Ziel sei es, dass sich die Eltern selbst vernetzen, sich gegenseitig anschreiben, Infos teilen. Zumindest perspektivisch. „Meine Aufgabe ist es eher, die Mitarbeitenden in den Wohngruppen einzubinden. Und im besten Falle auch das Jugendamt Düsseldorf“, sagt Nowak.

Für Nicole Knuth von der FH Dortmund wird „spannend zu sehen sein, was sich beim Aufbau einer Selbstorganisation als hilfreich erweisen wird – und was nicht“. Ihr Team von der Fachhochschule werde die Prozesse dokumentieren, begleiten und auswerten. „Was aus meiner Sicht eine Hürde sein könnte, ist, überhaupt Eltern zu gewinnen“, da macht sie sich nichts vor. In einem Vorprojekt hatte nur rund die Hälfte der Eltern Kontakt zu anderen Eltern, „und die Verantwortung dafür oft bei sich selbst gesehen“, sagt die Professorin. Bis zum Projektende von „ElSe“ im Dezember 2026 soll sich bei den beteiligten Einrichtungen zumindest an dieser Quote etwas zum Positiven verändert haben.
