Wegbegleiter seit Jahrzehnten
Es ist gute Tradition in der Graf Recke Stiftung, langjährige Treue von Mitarbeitenden in einer kleinen Feierstunde zu würdigen. Auch 2025 galt es, Kolleginnen und Kollegen zu ehren: 13 feierten ihr 25. Dienstjubiläum, 12 Personen wurden für 30, 35, 40 oder gar 45 Jahre Mitarbeit in der Stiftung ausgezeichnet, 17 erhielten überdies das Kronenkreuz, da sie 25 Jahre in diakonischen Einrichtungen gearbeitet haben. Zwei von ihnen, Erik Altenweg und Tim van Bilsen, berichten über ihren Weg, ihre derzeitige Aufgabe – und woraus sie seit einem Vierteljahrhundert ihre Motivation ziehen.
Dass Erik Altenweg einmal im sozialen Bereich landen wird, war nicht abzusehen. „Das war Zufall“, wie der 55-Jährige berichtet. Denn der gebürtige Duisburger ist Schlossermeister, arbeitete auch zunächst in seinem Fachgebiet. Doch dann sei um die Jahrtausendwende seine damalige Firma geschlossen worden – und er sei über eine Stellenausschreibung der Graf Recke Stiftung gestolpert. Für das damalige Berufsbildungszentrum (BBZ) auf dem Campus in Düsseldorf-Wittlaer, das 2007 in Arbeitspädagogisches Zentrum (APZ) umbenannt wurde, sei ein Ausbilder im Metallbereich gesucht worden und er habe sich beworben.

Das eigentliche Vorstellungsgespräch mit dem damaligen Ausbildungsleiter habe vielleicht eine Stunde gedauert, „danach haben wir noch zwei Stunden über unser Hobby Fußball und den MSV geplaudert“, erinnert sich Erik Altenweg und lacht. Die Chemie stimmte, seine Expertise ebenfalls. Und so bereitete er von da an junge Menschen, insbesondere aus den Wohngruppen in Wittlaer, im so genannten Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) auf das spätere Berufsleben vor. „Ich fand das total gut, die hatten ja keinerlei Vorstellung. Das war ein Jahr, in dem sie sich finden konnten.“ Nach vier Jahren übernahm Altenweg dann die Betriebsleitung der Schlosserei, arbeitete jedoch weiterhin auch mit Jugendlichen. Das sei ihm sehr wichtig gewesen, weil ihn der Kontakt zu jungen Leuten sehr erfüllt habe.
„Wir fangen sie auf“
Umso mehr bedauerte Erik Altenweg, dass das APZ einige Jahre später geschlossen wurde. Doch allen Kollegen seien Stellen angeboten worden, „und ich wollte wieder Action haben“, sagt er. Diese hat er seitdem, Altenweg übernahm an der Schulstelle Heckenwinkel, die die Sekundarstufe I sowie die Berufspraxisstufe umfasst, den Werk- und Sportunterricht. Für ihn, verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter, eine wunderbare Aufgabe: „Es geht um Jugendliche, die überall auf der Strecke bleiben. Und wir fangen sie auf.“ Mit maximal sieben Schülern, zumeist Jungen, könne man individuell auf jeden Einzelnen eingehen, was sehr helfe. Und auch das Handyverbot, das seit Sommer 2025 im Unterricht gilt, habe die Arbeit sehr erleichtert, meint er.
Es geht um Jugendliche, die überall auf der Strecke bleiben. Und wir fangen sie auf.
„Wir fangen in der Regel bei null an, die Jungs können einen Hammer kaum von einem Schraubenschlüssel unterscheiden“, meint der Schlossermeister. Und so mähe man in der Schulzeit auch mal den Rasen, damit Erfolge sichtbar werden. Das wirkt über die Schule hinaus. Gleich mehrere seiner Schüler seien in die stiftungseigene DiFS GmbH im Bereich Gartenservice gewechselt. „Das sind handwerklich geprägte Arbeitsplätze. Die Jungs haben ihren Spaß und verdienen ihr eigenes Geld“, macht er deutlich. Solche Entwicklungen zu erleben, sei sein Antrieb. Dass es gelingt, sei das Verdienst des gesamten Schulteams, glaubt er. Die Voraussetzung: „Man muss positiv rangehen – und hundert Prozent geben.“
Er ist der Brückenbauer
Tim van Bilsen gibt in seinem Job ebenfalls hundert Prozent, denn auch er weiß, wofür er es tut. Für die Wohngruppen der Fachbereiche II und III der Graf Recke Kinder- & Jugendhilfe ist er seit 15 Jahren in der Familienberatung tätig – „als Brückenbauer“, wie er es nennt. Dass Kinder und Eltern wieder zueinanderfinden, das sei die wichtigste Aufgabe, sagt der 55-Jährige. Nicht immer sei das möglich, räumt er ein. Aber wenn es passiert, wenn Kinder irgendwann den Wunsch äußerten, wieder gerne Kontakt zur Familie zu haben, „zeigt mir das, dass meine Aufgabe sinnvoll ist“. Und das war von Anfang an seine Motivation, sich im sozialen Bereich einzubringen.

In Düsseldorf geboren und in direkter Nachbarschaft zum Haus Michael, einem Wohnhaus für Menschen mit geistiger Behinderung, aufgewachsen, hat Tim van Bilsen dort bereits nach dem Abitur ein Praktikum gemacht. Er studierte in Düsseldorf und Duisburg Pädagogik auf Diplom und sammelte erste Erfahrungen in einer Kinderfreizeiteinrichtung. Vor 25 Jahren wechselte er dann als Mitarbeiter im Gruppendienst in die Villa Regenbogen, ein Haus der Stiftung in Angermund für Mädchen und Jungen im Grenzbereich zur geistigen Behinderung. Zehn Jahre lang hat er dort gearbeitet. „Es war eine gute Zeit. Man hat dort gelernt, wie Pädagogik funktioniert. Oder auch nur, für acht Personen zu kochen.“ Er lacht.
Es war eine gute Zeit. Man hat dort gelernt, wie Pädagogik funktioniert. Oder auch nur, für acht Personen zu kochen.
Eltern bleiben Eltern
Missen möchte Tim van Bilsen diese Erfahrung nicht. Sie hilft ihm bei seiner heutigen Tätigkeit genauso wie seine berufsbegleitende Ausbildung zum systemischen Familientherapeut. Er sei jetzt immer dann gefragt, wenn es in der Beziehung zwischen den Kindern und ihren Eltern etwas zu klären gibt. „Zum Beispiel vor Besuchen oder bei geplanten Rückführungen.“ Auch bei unterschiedlichen Vorstellungen der Teams aus den Wohngruppen und der Eltern versuche er zu vermitteln. Denn auch wenn die Kinder nicht bei ihren Herkunftsfamilien lebten, Partizipation sei wichtig. „Eltern bleiben immer Eltern“, macht er klar.
Dass die Problemlagen über die Jahrzehnte herausfordernder geworden sind, das verschweigt Tim van Bilsen allerdings nicht. „Eltern sind heute belasteter“, so seine Erfahrung. Es gebe „eine Tendenz zu psychischen Problemen“. Und doch würde er, der mit Frau und Sohn in Stockum lebt und jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit kommt, seinen Beruf immer wieder wählen. Anderen Menschen zu helfen, „deshalb bin ich Pädagoge geworden“, sagt Tim van Bilsen. Aus Kinder würden Jugendliche, dann junge Erwachsene, erklärt er. Diesen Weg zu begleiten, empfinde er als sehr beglückend. Loslassen zu können gehört für ihn unbedingt dazu. Sein übergeordnetes Ziel sei es, „überflüssig zu werden.“
