Der Erziehungswissenschaftler Remi Stork über die Herausforderungen der Elternbeteiligung in der Jugendhilfe, über Barrieren auf Seiten der Fachkräfte, über Hemmnisse bei den Eltern – und wie eine Zusammenarbeit dennoch gelingen kann. Am besten von Anfang an.
Welche Rahmenbedingungen sind notwendig für Partizipation in der Kinder- & Jugendhilfe?
Es braucht absolut den Willen des Teams, der Leitung und der Institution. Und die totale Unterstützung derjenigen, die das ebenfalls wollen. Das können ja die unterschiedlichsten Menschen sein: Fachkräfte aus den Wohngruppen, Kräfte aus der mittleren Leitung, das können auch Jugendliche sein. Das kann beispielsweise durch Stellen oder Projektmittel geschehen, gerade wenn man so eine motivierende Phase in der Einrichtung einleiten will, muss man sich schon seine Ressourcen zusammenkratzen. Dann erleben wir aber schon, dass das funktioniert.

Wie steht es eigentlich um die Beteiligung der Eltern?
Die Eltern befinden sich am Anfang in der gleichen, schwierigen Situation wie die Kinder bei der Fremdunterbringung: Sie haben das nicht gewollt und sind irgendwo hineingeraten. Bei den Eltern kommt am Anfang häufig hinzu, dass sie entweder wütend sind oder tieftraurig, dass sie sich schämen oder sich schuldig fühlen. Das sind alles keine guten Gefühlslagen, um selbstbewusst in die Kooperation mit Professionellen zu gehen. Ich bin dann möglicherweise in einem Loch: Das Kind ist weg, ich bin zu Hause. Aber die Rechte der Eltern sind ebenfalls stark. Auch wenn das Kind in der Wohngruppe lebt, behalten die Eltern viele Rechte, vor allem, wenn sie das Sorgerecht behalten haben, was bei vielen der Fall ist. Und ich muss leider sagen, dass selbst ich und wir, die sich schon lange für die Partizipation der Kinder einsetzen, dass wir lange gebraucht haben, bis wir die Eltern als ebenfalls berechtigte Menschen in den Blick genommen haben. Das hat bei mir erst angefangen, als ich selber Kinder hatte.
Worin liegen dann jetzt noch die Schwierigkeiten?
Das hat auch damit zu tun, dass Wohngruppen und früher die großen Heime aufgebaut worden waren, um Kinder zu retten. Das heißt, da gab es auch Menschen, die eine Gefahr waren: die Eltern. Und viele von uns sind in die Soziale Arbeit gegangen, um etwas Gutes zu tun, das motiviert uns. So ist es leider immer noch so, in vielen Kulturen der Jugendhilfeeinrichtungen, dass die alte Botschaft in den Köpfen der Fachkräfte ist: Was haben die Eltern den Kindern angetan, dass die jetzt in der Wohngruppe, im Heim leben müssen? Und das ist kein guter Anfang.
Gibt es denn Beispiele, wie eine gute Beteiligung aussehen sollte?
Noch gibt es sehr viel weniger gute Beispiele als bei der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Aber, wir sehen: Es kann gelingen. Und am besten gelingt es dann, wenn man schon im Prozess der Trennung von Eltern und Kindern, eng an der Seite von den Eltern ist. Und das müssten eigentlich andere Fachkräfte sein, gar nicht aus der Wohngruppe, sondern aus dem Jugendamt beispielsweise oder einer eigenständigen Unterstützung, die vom Gesetz ja sogar vorgesehen ist. Damit sie für sich klären können: Was ist uns passiert? Wie wollen wir damit umgehen? Wie wollen wir uns neu aufstellen und entwickeln?
Wir müssen uns überlegen, wie wir diese Eltern gewinnen, damit sie mit uns in Kontakt kommen und dann auch mit uns zusammenarbeiten.
Wenn das gut gemacht wird, entsteht bei den Eltern häufig die Bereitschaft, das Selbstbewusstsein und auch die Offenheit, zu sagen: Eigentlich möchte ich mitkriegen, wie es meinem Kind in der Wohngruppe geht; und ich möchte Kontakt haben und auch meine eigenen Vorschläge machen, was mir wichtig ist und wovon ich glaube, dass meinem Kind das guttut, weil ich es ja sehr gut kenne. Dafür sollten wir kreativ werden, gerade bei Eltern, die uns vielleicht nicht gerade die Tür einrennen, weil sie mitwirken wollen. Wir müssen uns überlegen, wie wir diese Eltern gewinnen, damit sie mit uns in Kontakt kommen und dann auch mit uns zusammenarbeiten.
Die Fragen stellte Anke Bruns
Info
Dr. Remi Stork ist Erziehungswissenschaftler und Professor für Kinder- & Jugendhilfe mit Schwerpunkt „Hilfen zur Erziehung“ an der Fachhochschule Münster. Kinderrechte und Partizipation sind ein Schwerpunkt seiner Arbeit, die er zwischen Theorie und Praxis verortet. Stork ist Mitglied der IGfH-Delegiertenversammlung (IGfH steht für Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen) und fungierte unter anderem 2024 als Experte und Moderator beim Fachtag der Graf Recke Stiftung über die „Herausforderungen und Chancen zur Eltern-Beteiligung in der Jugendhilfe“. Remi Stork gehört zum wissenschaftlichen Begleitteam des Projekts „ElSE“.
