Nur niemandem zur Last fallen
Einsamkeitsforscher Janosch Schobin spricht mit Roelf Bleeker über die kulturellen Unterschiede von Einsamkeit und was Sozialunternehmen bei der Begleitung von einsamen Menschen leisten können.
Herr Schobin, wie würden Sie Einsamkeit in einem Satz definieren?
Als das unangenehme Gefühl, dass in meinen Beziehungen etwas nicht stimmt
Das Thema findet zunehmend Beachtung in der Wissenschaft. Auf der anderen Seite wird es gesellschaftlich tabuisiert. Woran liegt das?
Einsamkeit ist nicht kulturuniversell tabuisiert. Ich habe Studien in Lateinamerika gemacht, wo Leute von ihren Nachbarn wissen, wenn diese einsam sind, oder einem das auf der Straße sagen, was in Deutschland sehr selten passieren würde. Selbst in Deutschland ist das nicht überall gleich: Es ist zum Beispiel bei jüngeren Menschen tabuisierter als bei Älteren. Auch die Wahrnehmung des Tabus ist stark abhängig vom eigenen Einsamkeitsgefühl.
In der Soziologie werden sogenannte diskreditierte von sogenannten diskreditierbaren Merkmalen unterschieden. Diskreditierte Merkmale sind solche, die man von außen gut erkennen kann und mit denen Personen abgewertet werden können. Das kann in bestimmten Kontexten so etwas wie die Hautfarbe sein. Die Einsamkeit gehört eher zu den diskreditierbaren Merkmalen. Das heißt, nur wenn man das von jemandem weiß, dann kann man es nutzen, um die Person abzuwerten. Das sorgt dafür, dass es eine stärkere Neigung gibt, das Gefühl der Einsamkeit zurückzuhalten, wenn man es empfindet.

Wenn das in anderen Kulturen anders ist, könnte man annehmen, dass damit das Problem dort auch weniger groß ist. Es ist ja bearbeitbar, wenn es nicht tabuisiert ist. Oder im Umkehrschluss: Ist dann das Tabu ein Faktor, der das Problem Einsamkeit noch potenziert?
Ich weiß nicht, ob die Einsamkeit verschwindet, weil man sie bearbeiten kann, aber es verändert natürlich die sozialen Funktionen von Einsamkeitsklagen ziemlich deutlich. Das ist gerade in christlichen Kontexten in Lateinamerika ein stark christologisches Motiv: eine Prüfung auf dem Lebensweg.
Ist das dann nicht eine selbst gewählte Einsamkeit?
Nein. Ein Beispiel aus meiner Forschung ist eine Witwe, die das Bild ihres verstorbenen Mannes vor die Tür stellte, wenn es ihr besonders schlecht ging, als Zeichen an die Nachbarn: Sie ist einsam. Das wertet erst mal auf, weil es ein Zeichen ihrer Treue ist, ein Teil des Lebenskampfes, der ihr Ansehen verleiht, wenn sie ihn würdig durchsteht. Und es führt natürlich auch dazu, dass die Nachbarn mehr affektive Unterstützung anbieten.
Die Einsamkeitsklage führt in der Konsequenz zu sozialer Unterstützung, weil sie positiv gedeutet wird. Ob die Witwe dadurch weniger einsam ist, ist eine komplizierte Frage. Aber der Verlust wird wahrscheinlich besser zu ertragen sein. Unsere Situation hier ist anders. Man versteckt Einsamkeit. Das führt natürlich dazu, dass einem keiner helfen kann. Man muss es mit sich ausmachen. Häufig ist einer der Gründe, die Leute angeben, dass sie damit niemandem zur Last fallen wollen.
Versteckte Einsamkeit führt natürlich dazu, dass einem keiner helfen kann.
Also ist es ein Phänomen westlicher, individualisierter Gesellschaften?
Hilfsbedürftigkeit zu kommunizieren, ist bei uns in vielen Sektoren schwierig. Wir haben viele Unterstützungsnetzwerke in Nachbarschaften. Typisch ist, dass es total leicht ist, Leute zu finden, die Hilfen anbieten. Aber es ist ziemlich schwierig, Leute zu finden, die diese Hilfen annehmen. In individualistischeren Gesellschaften ist die knappere Ressource das »Gebrauchtwerden«.
Sozialer Status hängt häufig davon ab, gebraucht zu werden: Um Anerkennung zu erfahren, ist es in unserem Typus Gesellschaft eigentlich immer besser, man ist derjenige, der hilft, als derjenige zu sein, dem geholfen wird. Das ist tendenziell mit Statusverlusten und mit Herabwürdigung verbunden. Wenn das alle verinnerlichen, wird es problematisch. Es muss ja auch welche geben, die Hilfe akzeptieren können.
Das ist ein guter Anknüpfungspunkt. Die Graf Recke Stiftung begleitet und unterstützt als Sozialunternehmen Menschen mit Teilhabeeinschränkungen, die durch ihre Einschränkungen oft ein erhöhtes Einsamkeitsrisiko haben. Wie sehen Sie die Rolle eines Sozialunternehmens beim Thema Einsamkeit?
Einmal spielen solche sozialen Dienstleistungen eine wichtige Rolle als Brücke ins Soziale. Bei den Leistungen zur Teilhabe ist ja häufig klar, dass Assistenzen notwendig sind, damit Menschen mit bestimmten Einschränkungen ihre Beziehungen so pflegen können, wie sie das wollen. Der Vorteil einer professionellen Dienstleistung ist, dass ich mir diese selber zurechnen kann, als etwas, das mir rechtmäßig oder durch Bezahlung zusteht und ich als eigene Leistung darstellen kann. Wenn der Freund das macht, kann ich bestimmte Autonomiefiktionen nach außen schlecht aufrechterhalten.
Soziale Dienstleistungen können aber auch die Weiterleitung relevanter Informationen an andere Akteure sein. Das können Familienangehörige, Nachbarschaft oder Freundeskreis sein. In dem Moment, in dem sich jemand immer weiter zurückzieht, kann beispielsweise eine Mitarbeiterin eines ambulanten Pflegedienstes das erkennen und ein Unterstützungsnetzwerk für diese Person mobilisieren. Das ist eine wichtige Scharnierfunktion. Und dann ist es natürlich so, dass die Betreuungspersonen schnell einen ganz hohen Stellenwert im Leben dieser Person bekommen, vor allem wenn Betreuungsverhältnisse über viele Jahre bestehen. Menschen mit psychischen Erkrankungen zum Beispiel sind häufig sehr einsam, und dann sind die Betreuungspersonen häufig die einzigen Menschen, mit denen sie richtige Gespräche haben.

Da gibt es bei uns ja die sogenannten Careleaver, die aus der Jugendhilfe kommen und häufig keine familiären Netzwerke haben und die tatsächlich eine Rückkehrmöglichkeit haben, um dort anzudocken, wo sie ihre Bezugspersonen hatten.
Ja, und das ist total wichtig, denn sie brauchen ja auch primäre Bindungspersonen. Und die suchen sie sich und erwarten auch später, dass sie diese in den Institutionen immer wieder vorfinden.
Was würden Sie sich wünschen für unsere Gesellschaft beim Umgang mit Einsamkeit?
Ich gehe davon aus, dass wir ziemlich viel unnötige Einsamkeit haben, also Einsamkeit, die in ihrer Intensität, aber vielleicht auch in ihrer Dauer vermeidbar wäre. Der Best Case wäre aus meiner Sicht, dass Einsamkeit ein ganz normales Unglück wird, dass man damit würdig leben kann.
Vom Freundschafts- zum Einsamkeitsforscher
Janosch Schobin ist einer der wenigen Freundschaftssoziologen Deutschlands und über dieses Thema zur Einsamkeitsforschung gekommen. Er lehrt an den Universitäten Göttingen und Kassel und ist Mitglied des Kompetenznetzes Einsamkeit am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt am Main. Außerdem verantwortet er dort die wissenschaftliche Begleitung des Projekts »Inspire YOUth« zur Prävention von Einsamkeit bei Kindern.
