Allein unter vielen
Auf dem Weg zum Treffen mit dem 18-jährigen Kelvin, der in der Wohngruppe Kompass im Düsseldorfer Norden lebt. Im Radio läuft eine Reportage zu Einsamkeit bei Jugendlichen, jeder zweite in NRW soll betroffen sein. Der Moderator erzählt, er kenne das Gefühl – und gehe unter Leute, um es einzudämmen. Ist es wirklich so einfach? Kelvins Beispiel zeigt: Die Ursachen für Einsamkeit sind ebenso komplex wie die Wege heraus.
Es war im vergangenen Winter. Kelvin ist mit Freunden auf dem Düsseldorfer Weihnachtsmarkt verabredet, doch dann machen die Kumpels einen anderen Treffpunkt aus. Eine Stunde irrt Kelvin durch die Stadt, bis er den anderen schreibt: Macht euer Ding allein, ich gehe nach Hause. »Ich war enttäuscht und spürte ein Loch in mir. Ich lag dann lange auf meinem Bett, war traurig und habe mich gefragt: Was mache ich hier? Was mache ich mit meinem Leben?« So beschreibt Kelvin den Moment, als ihm bewusst wird: Ich bin einsam.
Generation Einsam
Zumindest mit diesem Gefühl ist Kelvin nicht allein: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2024 fühlt sich rund die Hälfte der jungen Menschen in Deutschland einsam, im europäischen Durchschnitt sind es sogar 57 Prozent. Zahlen des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigen, dass bereits Grundschüler unter Einsamkeit leiden, auch deshalb sprechen Fachleute inzwischen von einer »Chronifizierung« der Einsamkeit. Die Ursachen sind vielfältig: Corona spielt eine Rolle, ebenso wie der allgemeine Rückzug in digitale Medien. Bei Jugendlichen, die aus instabilen Familien stammen, steigt das Risiko zusätzlich – das belegen auch die Erfahrungen der Wohngruppe Kompass, in der momentan Jungen zwischen 12 und 18 Jahren leben.

»Einsamkeit ist definitiv ein Thema, das uns hier in den letzten Jahren immer häufiger beschäftigt«, berichtet Erzieher Daniel Brandenburg. Es brauche allerdings Fingerspitzengefühl, um die Anzeichen richtig zu deuten. Manchmal, so wie im Fall von Kelvin, sprechen die Jugendlichen ihre Probleme offen an. »Es gibt aber auch Jungen, auf die wir aufmerksam werden, weil sie sich zurückziehen. Das andere Extrem sind die Lauten, die total viel reden, wenn sie endlich mal die Gelegenheit dazu haben.«
Wenn Hirn und Herz nicht helfen
Kelvin erzählt stockend von seinen Erfahrungen. In seinem schwarzen Hoodie verschmilzt er fast mit dem gleichfarbigen Sessel; er meidet den Blickkontakt, während er über Mobbingerfahrungen, schlechte Noten und Familienkrisen spricht. Er sei einer, der viel über sich selbst nachdenke und sich kritisiere, lautet sein Urteil. »Mein Gehirn funktioniert so, dass ich andere nicht mit meinen Problemen belasten möchte.« Die Angst, andere zu stören, sitzt tief – und führt dazu, dass Kelvin keine Verabredungen initiiert, sondern darauf wartet, gefragt zu werden. Bloß keine Fehler machen, denn: »Jede Freundschaft ist mir so wichtig, als wäre es die letzte. Dann reißt es mir das Herz raus, wenn sie endet.«
Das Team um Daniel Brandenburg unterstützt die Bewohner dabei, ein realistisches Bild von Freundschaften zu bekommen und gesunde Kontakte zu pflegen. Auf dem Campus der Graf Recke Erziehung gibt es einen Sportverein und einen Jugendtreff; die Pädagogen helfen auch dabei, geeignete Angebote in der Umgebung zu finden, und schweißen die Gruppe durch Ausflüge oder Billardabende im Gemeinschaftszimmer der Wohngruppe zusammen. »Oft geht es aber nicht um die Menge der Kontakte, sondern um die gefühlte Qualität«, gibt Brandenburg zu bedenken.
Oft geht es aber nicht um die Menge der Kontakte, sondern um die gefühlte Qualität.
Kelvin besucht alle zwei Wochen seine Mutter und die drei Schwestern, er geht ins Fitnessstudio, macht eine Ausbildung zum Kinderpfleger und ist auch in der Wohngruppe von Menschen umgeben – fühlt sich aber dennoch allein. »Dann ist Einsamkeit ein Symptom für etwas anderes: nicht verarbeitete Erlebnisse, fehlendes Zugehörigkeitsgefühl, depressive Episoden«, erläutert Erzieher Brandenburg. »Da reicht es nicht, sich mit Menschen zu umgeben, sondern es braucht psychologische Hilfe.« Kelvin sieht in einer Therapie die große Chance, seine »Themen«, wie er es nennt, aufzuarbeiten. Daniel Brandenburg unterstützt ihn dabei, einen Platz zu finden, doch das dauert. »Ideal wäre ein Angebot direkt hier auf dem Campus, denn der Bedarf ist groß und während der langen Wartezeiten verschlimmert sich die Lage meist noch.«
Scrollen gegen das Alleinsein
Manchmal gibt es Tage, da wartet Kelvin nur darauf, dass sie endlich zu Ende gehen. Dann hockt er in seinem Zimmer und schaut YouTube-Videos von Menschen, die ihr Leben vermeintlich besser im Griff haben. Für Daniel Brandenburg ist dieses Wegscrollen aus dem Alltag hochproblematisch; in der Gruppe ist es schon häufiger vorgekommen, dass Bewohner rechte Inhalte konsumiert haben. Laut Bertelsmann-Stiftung ist bei einsamen Jugendlichen das Vertrauen in demokratische Strukturen besonders gering – ein Einfallstor für vermeintliche Alternativen. Die Betreuer versuchen, so gut wie möglich gegenzusteuern: Sie suchen das Gespräch, schaffen verlässliche Abläufe und geben den Jungen die Chance, für sich und die Gruppe Verantwortung zu übernehmen.

Zurück ins Wir
Bei Kelvin ist es vor allem die Ausbildung zum Kinderpfleger, die ihm Halt und Hoffnung gibt: Während er davon erzählt, richtet er sich zum ersten Mal im Sessel auf, gestikuliert, die Wangen unter dem Bartflaum röten sich. Zwei Mal hat er bereits ein freiwilliges Praktikum in einem Kindergarten absolviert. »Ich war viel für die Kinder da und habe mich jeden Tag auf die Arbeit gefreut.« Diese positive Stimmung hielt sogar für ein paar Wochen – weswegen sich Kelvin nun besonders auf sein erstes Pflichtpraktikum während der Ausbildung freut. Nach dem Abschluss als Kinderpfleger möchte er auch noch die Ausbildung zum Erzieher anschließen. »Ich will Menschen helfen, so wie mir geholfen wurde«, beschreibt er seine Motivation. Welche Wünsche Kelvin für sich ganz persönlich hat? Auf diese Frage folgt eine lange Pause. Dann die Antwort, zögerlich, als sei er sich nicht sicher, ob ihm dieser Wunsch zusteht: »Ich stelle mir vor, in einer glücklichen Familie zu leben. Mit einer Frau und zwei Kindern. Dann auch noch ein Hund.« Gefährten gegen die Einsamkeit.
