Das wertvollste Geschenk: gemeinsame Zeit

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In der Hildener Wohngruppe Mosaik leben gleich sieben Mädchen zusammen, doch selbst in der Gruppe ist keines vor Einsamkeit gefeit. Für Lena* gilt das insbesondere, hat sie doch seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie. Dafür hat die Elfjährige nun Stephie Menden – eine Wegbegleiterin, die sich Erzieher Tom Jäger für alle Kinder wünschen würde.

Seit fast drei Jahren sind Lena und Stephie Menden ein richtig gutes Team. Seitdem treffen sich die Elfjährige aus der Wohngruppe Mosaik in Hilden und die 35-jährige Kölnerin in der Regel alle zwei Wochen; sie unternehmen Ausflüge, gehen schwimmen oder Trampolin springen. »Ich bin für die schönen Dinge da«, sagt Stephie Menden und lächelt. Das sei mit dem Team so verabredet, Lena bekomme dann ihre ganze Aufmerksamkeit. Diese weiß das zu schätzen. »Ich freue mich auf jedes Treffen mit Stephie. Und sie hat auch immer gute Ideen«, freut sich das Mädchen. Keine Frage: ein Glücksfall für beide.

*Name von der Redaktion geändert

Möglich wurde dieser durch eine Kooperation der Hildener Intensiv-Wohngruppe mit dem »Kölner Kreidekreis e. V.«. »Kein Kind allein« lautet das Motto des Vereins, er vermittelt sogenannte Wegbegleiter-Paten und -Patinnen an Kinder und Jugendliche, die kaum oder keinen Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie haben. Bei Lena ist das der Fall. »Ich habe mich langsam dran gewöhnt. Aber es ist natürlich trotzdem schade«, sagt das Mädchen tapfer. Erzieher Tom Jäger wird deutlicher: »Wenn alle anderen zur Familie fahren, nur ich nicht, ist das für so einen jungen Menschen ein Drama«, meint er. Diesem entgegenzuwirken, sei die Idee hinter den Kreidekreis-Patenschaften. Sie sollen zeigen: Da ist jemand, dem ich etwas bedeute, außerhalb der Wohngruppe. Eine wie Stephie.

Jede hat ihre Geschichte

Seit rund sechs Jahren wohnt Lena auf dem Hildener Campus, derzeit zusammen mit sechs anderen Mädchen zwischen 11 und 14 Jahren. Tom Jäger hat sie von Anfang an begleitet. Nur zu Beginn habe sie sich alleine gefühlt, berichtet die Schülerin. »Aber jetzt nicht mehr, weil ich alle kenne.« Für sie ist es wie ein Zusammenleben mit Freundinnen, wie sie sagt. »Weil immer jemand da ist, wenn ich was machen möchte.« Manchmal sei es aber auch stressig. »Lena stresst vor allem Ordnung halten«, wirft Erzieher Jäger mit einem Lachen ein. »Und wenn alle aufeinanderhocken und sich anmeckern«, entgegnet Lena schlagfertig. Denn in der Tat: »Die Kinder haben alle ihre Geschichte«, sagt Tom Jäger. Zu 80 Prozent der Zeit seien es aber ganz normale Mädchen, vor und in der Pubertät, »doch davon gleich sieben Stück«. Und Lena mittendrin – ein verlässlicher Schutz vor Einsamkeit ist es dennoch nicht.

Laut Tom Jäger geht es in der Wohngruppe, insbesondere bei den Älteren, vor allem darum, wer gerade auf wen steht, wer wen trifft und mit wem schreibt. »Die ganze Bandbreite, alle Dramen.« Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass keines der Mädchen freiwillig hier wohne. »Sie leben mit zunächst wildfremden Menschen zusammen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Weder die Mitbewohnerinnen noch die Erzieherinnen und Erzieher.« Maximal zu zweit in der Gruppe sei es für diese allerdings schwer, stets alle zu sehen, zu erkennen, was jede Einzelne im Moment braucht. Tendenziell nehme man eher die Lauten wahr, sagt er, doch andere äußerten ihr Unwohlsein eher dadurch, dass sie sich aufs Zimmer zurückziehen, schweigen, sich isolieren.

»Diese selbst gewählte Isolation kann letztlich zur Einsamkeit führen«, macht der 34-Jährige deutlich. Und so suche man aktiv den Kontakt, biete das Gespräch an – und zeige Wege auf, raus aus dem geschützten Campus, der nicht nur Vorteile biete. Es fehle der Kontakt zu anderen Kindern, erklärt Tom Jäger. Was Abhilfe schafft? Der Klassiker sei Vereinsanbindung, ob Sport, Musik oder die Jugendfeuerwehr. Auch die Hildener Stadtbibliothek biete ein buntes Programm. Die besten Angebote drucke man aus und hänge sie gut sichtbar ans Whiteboard in der Gruppe, sagt Jäger. »Das hat dann eine ganz andere Wertigkeit. Digital guckt sich das keiner an.« Was überrascht, sind Smartphones bei den Mädchen doch, wie überall, ein nicht mehr wegzudenkender Teil ihres Lebens geworden. 

Diese selbst gewählte Isolation kann letztlich zur Einsamkeit führen.

Tom Jäger, Erzieher

Mit Folgen: Trotz festgelegter Medienzeiten sei es »schon so, dass einige in Reels und Streams regelrecht versinken, bei TikTok, YouTube oder Instagram«, sagt Tom Jäger. Auch Mediensucht sei ein Thema, das in die Isolation führen könne, macht er deutlich. Die Gefahr steige mit zunehmendem Alter. Bei Lena, als einer der beiden Jüngsten in der Wohngruppe, soll es gar nicht erst dazu kommen. »Ich fühle mich überhaupt nicht einsam«, sagt die Elfjährige mit Überzeugung. Tom Jäger glaubt ihr das gerne. »Aber es ist wichtig, dafür zu sorgen, dass das so bleibt«, sagt er dann. »Da ist es in jedem Fall wichtig, jemanden zu haben, der mit dem ganzen Laden hier nichts zu tun hat.«

Sie will etwas zurückgeben

Das ist für Lena seit knapp drei Jahren Stephie Menden, die damals eine Dokumentation über den Kölner Kreidekreis sah und Kontakt zum Verein aufnahm. »Weil ich selbst eine tolle Kindheit hatte, wollte ich das einem Kind ebenfalls ermöglichen, etwas zurückgeben«, beschreibt sie ihre Motivation. Glücklicherweise hatten beide zu der Zeit beim Verein einen Steckbrief hinterlassen mit Angaben dazu, was sie sich wünschen, gerne machen und ihnen wichtig ist. Es war kein Zufall, dass Stephie Menden beim ersten Treffen ein Spielzeug-Pferd mitbrachte. »Weil ich wusste, dass Lena Pferde mag und gerne reitet«, verrät sie. Bei der damals Achtjährigen sei das gut angekommen. »Das Eis war schnell gebrochen.«

Wie viele Besuche auf Kölner Spielplätzen hinter ihnen liegen, können beide gar nicht sagen. An den Besuch im Zoo und vor allem der Cavalluna-Pferdeshow erinnert sich Lena aber noch genau. »Das war was Besonderes«, meint auch ihre Patin. Doch so spektakulär muss es gar nicht sein. »Manchmal übernachtet Lena bei mir und wir machen einfach einen Filmabend. Wir finden immer was.« Noch wichtiger ist es für Lena, dass Stephie sie immer frage, wie es ihr geht und wie die Schule war. »Mit ihr kann ich auch über Dinge sprechen, die mir in der Gruppe schwerfallen. Wenn ich mich zum Beispiel über die anderen Kinder ärgere«, sagt Lena. »Unser Top-Thema Nummer eins«, bestätigt Stephie Menden mit einem Lachen.

Eine Beziehung fürs Leben

Ihrer Verantwortung ist sich Stephie Menden dabei bewusst. Die Beziehung zu Lena sei etwas fürs Leben, »sich wieder rausziehen geht nicht«. Doch sie mache es gerne, es sei auch eine Bereicherung für ihr eigenes Leben, zeige ihr eine andere Perspektive. »Lena ist auch so bescheiden und mit dem glücklich, was wir gerade machen.« Diese freut sich ohne Frage auch über die Geschenke ihrer Patin zu Weihnachten und zum Geburtstag. Noch mehr aber mag sie, dass diese so nett sei und so fürsorglich. »Und dass wir miteinander lachen können.« Das ist das wahre Geschenk, wie Erzieher Tom Jäger findet. »So was wünscht man sich für alle Kinder«, sagt er. Stephie Menden würde den Kreis gerne noch weiten. »Es gibt viele Menschen, nicht nur Kinder, die sich freuen, wenn man Zeit mit ihnen verbringt.«

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