Singend zum Wir-Gefühl
Einst als Projekt für den Weihnachtsmarkt gedacht, ist der inklusive Chor »Aufwind« längst eine feste Institution. Denn beim Singen erleben insbesondere Menschen mit psychischer Erkrankung ein Gemeinschaftsgefühl. Doch auch Nachbarn, Freunde und Mitarbeitende wollen den Termin nicht missen, Chorleiter Volker Neveling inklusive.
Immer freitags haben Bärbel Grote und Heike Ransome-Jones einen festen Termin. Dann treffen die Mieterin aus dem Service-Wohnen der Graf Recke Stiftung und die Leistungsberechtigte der Sozialpsychiatrie auf dem Areal an der Grafenberger Allee in Düsseldorf aufeinander. Denn die Probe des inklusiven Chors »Aufwind« wollen beide möglichst nicht verpassen. Es geht um weit mehr als die Liebe zur Musik. »Ich freue mich immer auf die Bärbel und auf alle anderen«, sagt Heike Ransome-Jones, die von Anfang an dabei ist. Und das ist kein Zufall.
Der Chor ist für die 68-Jährige zu einem Ort des gemeinschaftlichen Erlebens geworden. Denn sie weiß aus eigener Erfahrung, wie sich Einsamkeit anfühlt: Als Heike Ransome-Jones vor mehr als drei Jahrzehnten nach Düsseldorf gekommen ist, dachte sie nicht, dass sie hier heimisch werden könnte, bekennt sie. Doch es kam anders. Seit 30 Jahren werde sie von der Stiftung begleitet, lebe mittlerweile in einer Wohngemeinschaft auf dem Gelände. Sie habe einige Psychosen hinter sich, sei aber seit Jahren stabil und freue sich über jeden Tag. »Der liebe Gott hat mich davor bewahrt, unterzugehen. Und die Stiftung war mein Glück«, sagt sie feierlich. Der Chor ist für sie ein nicht mehr wegzudenkender Teil davon. »Das Singen ist für mich sehr wichtig geworden.« Sie strahlt.

Was vor 13 Jahren als einmaliges Projekt für den Weihnachtsmarkt gedacht war, hat sich längst zu einer festen Institution entwickelt. Seitdem gab es unzählige Auftritte, sogar eine CD hat man aufgenommen. Zwischen 15 und 20 Sängerinnen und Sänger treffen sich laut Chorleiter Volker Neveling jede Woche zur Probe, freut er sich. Hinzu kommen zuweilen Mitarbeitende sowie seine Frau Caroline, die den Chor am Klavier begleitet. Dieser inklusive Gedanke habe das Projekt von Anfang an geprägt, sagt er. Menschen mit psychischen Erkrankungen, insbesondere mit Depressionen, trauten sich häufig nicht, nach draußen zu gehen. Ihnen Begegnungen möglich zu machen, darin sieht er eine seiner Aufgaben. »Das Singen kommt noch on top und tut der Seele gut. Ich tue das auch für mich«, meint er.
Ein Ort für alle
Denn Volker Neveling ist zwar musikbegeistert, Chorleiter jedoch nur im Nebenberuf. Als »Assistent soziale Teilhabe« im betreuten Wohnen sucht Neveling im Hauptjob Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in deren Zuhause auf und begleitet sie im Alltag, ob beim Einkaufen, beim Arztbesuch oder beim Ausfüllen von Anträgen. Mindestens so bedeutend sind Freizeitaktivitäten, die er organisiert, etwa gemeinsame Ausflüge oder Besuche von kulturellen Veranstaltungen. »Um Barrieren abzubauen und soziale Kontakte möglich zu machen«, wie er erklärt. Dass die Proben von »Aufwind« meist im Nebenraum des Cafés Geistesblitz, der Begegnungsstätte des Sozialpsychiatrischen Zentrums im Stadtteil Düsseltal, stattfinden, passt da ins Konzept. Es soll ein Ort für alle sein.
Um Barrieren abzubauen und soziale Kontakte möglich zu machen.
Auf diese Weise war auch Bärbel Grote einst auf den Chor aufmerksam geworden, dem sie nun seit Jahren die Treue hält. Die 82-Jährige lebt seit dem Tod ihres Mannes zwar alleine in einem der Apartments des Service-Wohnens, Einsamkeit war für sie allerdings nie ein Thema. »Ich lebe jetzt in meiner 16. Wohnung, ich bin es gewohnt, soziale Kontakte zu knüpfen«, sagt sie. Einsamkeit beobachtet Bärbel Grote vielmehr bei ihren Nachbarinnen und Nachbarn, wenn diese im fortgeschrittenen Alter hier einziehen. »Wir haben viele Leute, die von weit her kommen, die fallen aus all ihren sozialen Bezügen«, hat sie festgestellt. Das sei durch Corona noch schlimmer geworden. »Die kommen oft gar nicht aus ihrer Wohnung raus.«

Und so hat Bärbel Grote es sich ein wenig zur Aufgabe gemacht, andere für den Chor zu gewinnen – mit Erfolg. Erst neulich habe sie eine neue Nachbarin angesprochen, »und schon kommt sie mit«, erzählt sie mit einem Lächeln. »Du machst alles, vor allem andere mitreißen und begeistern«, sagt Volker Neveling anerkennend. Ein nicht zu unterschätzender Punkt: Er kenne Chormitglieder, für die der Freitagstermin noch wichtiger sei als für die beiden Anwesenden, die darüber aber nicht sprechen. »Für sie ist jede Probe ein echtes Highlight.«
Ganz zwanglos
Daher ist es für den Chorleiter kein Problem, dass manche nur teilweise mitsingen und eher die vertraute Runde genießen. »Es ist alles ganz zwanglos«, versichert er. Es seien richtige Freundschaften entstanden, allein das sei wertvoll. Sicherlich: Vor wichtigen Auftritten fordere er schon mal mehr, wie Heike Ransome-Jones anmerkt. Doch auch für sie steht der soziale Aspekt im Vordergrund. »Wir sind eine gefestigte Gemeinschaft«, so empfindet sie es. Volker Neveling kann das bestätigen: Man habe bereits Chormitglieder verloren, »dann haben wir auf der Trauerfeier zusammen gesungen, das war tröstlich«. In besonderer Weise hat dieses Gefühl auch Bärbel Grote erlebt. »Mein Mann ist hier gestorben, meine Nachbarn haben mich damals nicht aus der Trauer geholt«, erinnert sie sich. »Aber der Chor, diese Menschen«, sagt sie beim Blick in die Runde. »Das war toll.«
