Raus aus der Abwärtsspirale
Menschen mit psychischer Erkrankung erleben nicht selten Ausgrenzung. Mit einem offenen Treff mitten in Düsseldorf-Bilk will Sozialarbeiter Jörg Brendjes der drohenden Isolation entgegenwirken, indem er Menschen mit und ohne Einschränkungen zusammenbringt. Bei den von Lazer Büchter angebotenen Kunstworkshops funktioniert das zum Beispiel wunderbar.
Einsamkeit kann jeden Menschen treffen, das ist Jörg Brendjes bewusst. Bei Menschen mit psychischer Erkrankung aber sei die Gefahr noch weitaus größer. »Viele Mitmenschen fühlen sich von ihren Verhaltensweisen überfordert, andere haben Ängste«, macht der Sozialarbeiter deutlich. Und so sieht er es als »Assistent soziale Teilhabe« der Graf Recke Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik als eine seiner Aufgaben an, für die Leistungsberechtigten Möglichkeiten zu schaffen, der Einsamkeitsfalle zu entgehen. »Durch Orte, an denen sie in Kontakt kommen, auch außerhalb der Stiftung.« Und an solchen Orten der Begegnung kamen in den vergangenen Jahren einige zusammen.
So hat Jörg Brendjes unter anderem eine Kooperation mit den Tischtennisprofis von Borussia Düsseldorf mitinitiiert oder ein offenes Sportangebot mitten im Düsseldorfer Stadtteil Bilk angestoßen. Dort ist auch sein aktuelles Projekt im Sozialraum West angesiedelt. »An der Talstraße stehen uns zwei Räume zur Verfügung, in denen ich jeden Mittwoch einen offenen Treff ausrichte«, sagt Brendjes. Und an diesem Punkt kommt Lazer Büchter ins Spiel. In diesem Rahmen bietet er seit einiger Zeit einen künstlerischen Workshop an, offen für alle Interessierten, »nicht beschränkt auf Leistungsberechtigte«.

Lazer Büchter ist selbst psychisch erkrankt, seit rund fünf Jahren begleitet ihn Jörg Brendjes, auch dessen Sportangebote nimmt Büchter gerne wahr. Vor allem jedoch begeistert sich der 40-Jährige für die Kunst. Ein Dozent habe es ihm einst ermöglicht, an der Kunstakademie Düsseldorf als Gast unter anderem Aktmalerei zu erlernen, berichtet er. »Und ich habe mir ein paar Techniken abschauen können.« Seine Fertigkeiten gibt er nun immer mittwochs an andere weiter, ob selbst erkrankt oder nicht.
Freundschaften entstanden
Das Schöne sei, »es funktioniert«, sagt Lazer Büchter. »Es ist ein geschützter Raum, ein freier Raum, wo jeder so sein kann, wie er möchte.« Sechs oder sieben Leute kämen in der Regel, am ersten Mittwoch im Monat gehe man zudem gemeinsam in die Kunstmuseen K20 oder K21. »Das war seine Idee und es klappt wunderbar«, freut sich Jörg Brendjes. Dazu habe man nun drei Mal im Jahr eine Ausstellung in der Talstraße, es sei über die Zeit ein richtiges Netzwerk entstanden. Lazer Büchter geht noch einen Schritt weiter: »Ich würde es, zumindest in Teilen, Freundschaften nennen.«
Wie wertvoll diese gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen sind, weiß Jörg Brendjes aus seiner beruflichen Praxis: »Vereinsamung war schon immer ein Thema, weil die Menschen häufig Ausgrenzung erleben«, erklärt der Sozialarbeiter. Oft breche durch die Krankheit der Kontakt zur Familie und zu Freunden ab. »Da fällt man dann in ein tiefes Loch. Unsere Aufgabe ist es, eine mögliche Abwärtsspirale zu verhindern.« Die größte Herausforderung: »Wir müssen den Menschen das Selbstvertrauen zurückgeben.« Am Tag vor den Treffs müsse er nicht selten aufbauende, ermutigende Gespräche führen, so seine Erfahrung. Im Zweifel begleite er die Menschen dann auch dorthin.
Vereinsamung war schon immer ein Thema, weil die Menschen häufig Ausgrenzung erleben.

Bei Lazer Büchter ist das nicht notwendig, auch an Selbstvertrauen mangelt es ihm nicht. »Humor, auch manchmal sarkastischer, war immer mein Werkzeug, um mit Menschen in Kontakt zu treten«, sagt er. Dass dies nicht bei allen gut ankommt, nimmt er in Kauf. Auch er hat schon Zurückweisung erlebt. »Aber es ist ein kleiner Prozentsatz«, beschwichtigt er. Was er nämlich auf keinen Fall brauche, seien Mitleidsfreundschaften. »Was ich mir wünsche, sind Menschen, die meine Krankheit nicht als Schwäche sehen, sondern als Stärke.« Er sammelt kurz seine Gedanken: »Entstigmatisierung, das mag ich sehr«, sagt er dann.
Andere Lebenswelten
Jörg Brendjes nickt zustimmend – und wünscht sich von der Gesellschaft ebenfalls mehr Offenheit. »Und auch mehr Neugier. Es kann ein großer Mehrwert sein, weil man Einblicke in andere Lebenswelten bekommt.« Etwa in die von Lazer Büchter, dem Künstler. Wenngleich er sich im Leben selten einsam gefühlt habe, wie er sagt, hat sich der 40-Jährige im Vorfeld des Interviews Gedanken über das Thema gemacht und zum Zeichenstift gegriffen.
»Lonely Birdie«, ein einsames Vöglein also, sucht in Büchters Cartoon nach Mitteln gegen die Isolation. Ein neues Hobby wie Schachspielen könnte eine Lösung sein. Man könnte einen Trip nach Spanien unternehmen oder, mutig, anderen Gratis Umarmungen anbieten, um nicht mehr einsam zu sein. Was zumindest in der Bildergeschichte funktioniert: Am Ende benötigt Lonely Birdie einen neuen Namen.
