Espresso gegen Einsamkeit
Wie niedrigschwellige Seelsorge-Angebote Vereinzelung überwinden.
»Bekommen Atheisten hier auch einen Cappuccino?« Der langhaarige Mann im schwarzen T-Shirt einer norwegischen Metal-Band schaut mich mit einem herausfordernden Grinsen an. »Na klar!«, antworte ich ihm und füge hinzu: »Sie müssen auch keine Angst haben, der Kaffee in unserer Maschine wird nicht mit Weihwasser gebrüht!« Aus dem Grinsen des jungen Mannes wird ein schüchternes Lächeln. Während der Cappuccino aus dem Vollautomaten fließt, erzählt er mir von seinem Studentenleben und davon, dass die Gemeinschaft mit anderen Metal-Fans für ihn in der Coronazeit eine wichtige Stütze gewesen sei. Viele seiner Mitstudenten seien in der Pandemie ziemlich vereinsamt. »Und genau deshalb stehen wir hier mit unserem Kaffeemobil«, entgegne ich ihm. »Damit man sich bei einem Kaffee mal aussprechen kann, egal, ob man an Gott glaubt oder nicht.«
Seit drei Jahren sind wir mit unserem kirchlich-diakonischen Kaffeemobil »Evie« in Düsseldorf unterwegs. »Wir«, das ist ein Team von Pfarrpersonen und ehrenamtlich Seelsorgenden, die circa 30 Mal im Jahr an den unterschiedlichsten Orten der Stadt mit »Evie« Station machen, um dort mit Menschen bei einem Kaffee ins Gespräch zu kommen. Der Platz vor der Mensa der Düsseldorfer Hochschule liegt uns besonders am Herzen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass junge Studierende in der Coronakrise besonders von Vereinsamung betroffen waren und viele noch immer unter den psychischen Nachwirkungen leiden. Während der Pandemie mit ihren Lockdown-Wochen reifte in mir der Gedanke, dass wir Seelsorgenden jungen und alten Menschen neu und niedrigschwelliger begegnen müssen. »Pop-up-Seelsorge« haben Constanze Jestaedt-Fischer vom Stadtteilladen Flingern und ich dieses Angebot genannt.

Gestartet sind wir im Lockdown-Sommer 2020 mit einem Tisch und zwei Stühlen vor einem Altenheim. Der große Redebedarf der dort lebenden und vorbekommenden Menschen hat unser ehrenamtliches Seelsorgeteam so motiviert, dass Pop-up-Seelsorge seitdem an weiteren Orten angeboten wird, zum Beispiel an der Berger Kirche in der Düsseldorfer Altstadt. Das Elektro-Kaffeemobil »Evie« ist die konsequente Weiterentwicklung dieses Ansatzes. Weil Seelsorge im Gegensatz zur Beratung nicht nur eine »Komm-Struktur«, sondern auch eine »Geh-Struktur« hat, ist es mir wichtig, mit seelsorglichen Angeboten auf Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zuzugehen oder mit dem Kaffeemobil zu ihnen hinzufahren. Am liebsten sind wir mit »Evie« da, wo Kirche und Diakonie sonst nicht so sichtbar sind: in Fußgängerzonen, auf Marktplätzen oder am Hauptbahnhof. Dort ist die Chance groß, auf Menschen zu treffen, die in einer Großstadt unter Einsamkeit leiden.
Dass sie deswegen Hilfe brauchen, würden viele Menschen nicht von sich aus zugeben. Einsamkeit hat eine schambesetzte Seite. Aber sich auf einen Kaffee bei »Evie« einladen und sich nebenbei über Hilfsangebote informieren lassen, das ist für viele Gäste des Kaffeemobils ein erster wichtiger Schritt.
Natürlich sind die Gespräche, die bei einem Espresso zustande kommen, nicht immer lang und tiefgründig. Das müssen sie auch gar nicht sein. Der einfache Kontakt von Mensch zu Mensch trägt seinen Wert in sich und auch Small Talk kann dabei helfen, Vereinzelung zu überwinden beziehungsweise präventiv gegen Vereinsamung zu wirken.

