In Gesellschaft
Gerade im Alter sind Menschen von Einsamkeit bedroht. Der regelmäßige Besuch einer Tagespflege kann dabei helfen, Gemeinschaft zu erleben. Aber auch in einer seniorengerechten Wohngemeinschaft oder einer stationären Einrichtung finden Menschen Anschluss. Wer in der vertrauten Wohnung bleiben möchte und kann, darf auf Unterstützung der mobilen Pflege rechnen. Stets gilt es, gewolltes Alleinsein von erzwungener Isolation zu unterscheiden.
Im August 2024 erlebte Gisela Wagner den dramatischsten Einschnitt in ihrem Leben. Nach schwerer Krankheit war ihr Mann gestorben. »Im Dezember wären wir 70 Jahre verheiratet gewesen«, sagt sie leise. »Es sollte nicht sein.« Für die 93-Jährige aber ging das Leben weiter. Nach so vielen gemeinsamen Jahrzehnten sei es »schon ein bisschen einsam gewesen«, erinnert sie sich. »Ich habe mir was gekocht und hatte keine Lust mehr zu essen.« In der Folge reifte in ihr ein Entschluss: Sie wird das ausprobieren, was ihrem Mann einst so gutgetan hatte – der Besuch der Tagespflege im Quartiershaus Am Röttchen.

Dort nämlich, in der Einrichtung der Graf Recke Wohnen & Pflege in Düsseldorf-Unterrath, war ihr Mann jahrelang regelmäßiger Gast. Und er sei ganz begeistert gewesen. »Er wollte immer, dass ich mitkomme«, berichtet Gisela Wagner. Nach seinem Tod erfüllt sich nun dieser Wunsch. »Ich bin hergekommen und sofort geblieben«, sagt sie. Immer dienstags und donnerstags hat die Seniorin nun über den Tag einen feststehenden Termin, auf den sie sich sehr freut.
»Hier kann man sich mit anderen Menschen unterhalten. Das Spielen und Basteln gefällt mir sehr, auch das Singen«, erklärt Gisela Wagner ihre Begeisterung. Es sei nie langweilig und sie sei nicht allein. Fast so wie früher, »als wir uns immer mit den Nachbarn zum Kniffeln getroffen haben, aber die sind ja alle schon gestorben«. Die Seniorin zuckt die Schultern. Indira Rychwalski sitzt daneben und nickt.
Stunden vergehen still
Rychwalski ist Leiterin der Tagespflege im Quartiershaus Am Röttchen – und kennt vergleichbare Situationen aus den Schilderungen ihrer Gäste nur zu gut. »Mit zunehmendem Alter verändert sich das Leben vieler Menschen«, so ihre Erfahrung. Angehörige seien beruflich und familiär stark eingebunden, alte Freunde würden krank oder seien bereits verstorben. »So entsteht im Alltag oft eine spürbare Einsamkeit. Stunden vergehen still, ohne Gespräch, ohne Nähe. Und das Gefühl, vergessen zu sein, wächst.« Dem will sie mit ihrem siebenköpfigen Team etwas entgegensetzen.
18 ältere Menschen kommen in der Regel pro Wochentag zu ihnen in die Tagespflege, insgesamt sind es aktuell 42 Menschen mit Pflegegrad, die an verschiedenen Tagen und unterschiedlich oft zu Gast sind. Bei uns, sagt Indira Rychwalski, »gibt es Begegnungen, Gespräche, Lachen und das Gefühl, wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein«. Die Menschen tauschten Erinnerungen und Erlebnisse aus und entdeckten nicht selten neue Lebensfreude. »Auch wenn die Tagespflege nur einige Stunden oder Tage umfasst, schenkt sie das wohltuende Gefühl: Ich gehöre dazu, ich bin gesehen, ich bin nicht allein«, so bekommen sie und das Team es immer wieder von ihren Gästen erzählt.
Was diese an ihrer Einrichtung besonders schätzen, sei die familiäre Atmosphäre. Dies sei nur möglich durch biografische Arbeit. »Wir kennen die Geschichte eines jeden Menschen«, erklärt Indira Rychwalski. Denn: Sozialisierung, Bildungshintergrund, Gesundheitszustand – dies sei bei allen völlig unterschiedlich. Dass die Tagespflege dennoch als »Harmonie-Oase« wahrgenommen werde, sei ein großes Kompliment an ihr Team. »Weil wir nicht nur liebevoll und respektvoll mit den Gästen umgehen. Wir kennen auch alle Vorlieben und Abneigungen, darauf können wir individuell eingehen.«
Gemeinschaft gestalten in der WG
Individualität ist auch in den oberen Stockwerken des Quartiershauses der Stiftung ein wichtiges Thema. Hier leben seit 2018, verteilt auf zwei Etagen, insgesamt zehn Seniorinnen und Senioren in einer Wohngemeinschaft zusammen. Das Besondere: Die Betreuung erfolgt durch geschultes Personal am Tag und in der Nacht. Selbstständigkeit wird dadurch ebenso gefördert wie Gemeinschaft, je nach Bedarf.
In Gesellschaft zu leben, in einer familiären Situation, sei in der Tat für fast alle die Hauptmotivation für ihren Einzug in die WG gewesen, weiß deren Leiterin Maren Bahrami. »Es ist bei unseren Bewohnern zudem eine gewisse Selbstständigkeit vorhanden, was zugleich Grundvoraussetzung für ein Leben hier ist«, erläutert sie. Ideal für Menschen, die Interesse daran haben, ihren Tag in der Gemeinschaft selbst zu gestalten und Tätigkeiten zu übernehmen. Auf Unterstützung müssen die Senioren aber keinesfalls verzichten. Von den Hauswirtschafts- und Präsenzkräften sei immer jemand ansprechbar, so Bahrami. »Selbst bei Redebedarf in der Nacht, was aber eher selten vorkommt«, meint sie mit einem Schmunzeln.
Die Herausforderung liege im Zusammenleben von zehn Menschen mit unterschiedlichsten Biografien und Charaktereigenschaften, sagt Maren Bahrami. »Wie überall gibt es da auch mal Reibung. Die Nähe erfordert, dass man Rücksicht aufeinander nimmt und sich bei möglichen Konflikten zusammenrauft.« Dadurch allerdings entstehe, wie in einer Studenten-WG, erst »Leben mit all seinen Facetten«. Raum für sich zu haben, gehöre unbedingt dazu. Ihre Aufgabe und die ihres Teams sei es zu ergründen, wer bewusst und gerne Zeit in seinem Zimmer verbringt oder sich eher gezwungen sieht, sich zurückzuziehen – und dann selbst in Gemeinschaft Einsamkeit empfinden kann.
Existenzielle Fragen
Einem weitaus größeren Risiko der ungewollten Isolation sind ältere Menschen ausgesetzt, die alleine leben, nach dem Tod des Partners etwa. Dirk im Brahm, Pflegedienstleiter beim ambulanten Pflegedienst recke:mobil, unterscheidet dabei zwischen emotionaler, sozialer und existenzieller Einsamkeit, denen die Pflegekräfte bei ihren Hausbesuchen begegnen. Fehlende Mobilität und gesundheitliche Einschränkungen seien dabei Risikofaktoren, »aber auch die Sinnhaftigkeit des Lebens ist ein Thema«, sagt er. Gerade im Alter stellten sich oft existenzielle Fragen. »Wenn der Lebenssinn verloren geht, ist Einsamkeit oft die Folge.« Weit weniger gefährdet sind ihm zufolge Menschen, die eine Aufgabe haben, etwa ihren Partner oder die Enkel betreuen. »Oder aber ich bin Schatzmeister im Schützenverein.«
Wenn der Lebenssinn verloren geht, ist Einsamkeit oft die Folge.
Auf derlei Umstände haben die Pflegekräfte von recke:mobil wenig Einfluss, auf andere schon. »Unsere Aufgabe ist es etwa, gesundheitliche Einschränkungen wahrzunehmen. Antriebslosigkeit beispielsweise kann auch ein Symptom einer Schilddrüsenunterfunktion sein«, sagt Dirk im Brahm. Allein durch Beobachtung könne man so auch mal eine ärztliche Diagnose auf den Weg bringen. Idealerweise könne man dann Angebote machen, soziale Einsamkeit abzufedern, wobei auch die Tagespflege ein Baustein sein könne.

Die schwierigste Komponente hingegen sei die emotionale Einsamkeit, betont der Pflegedienstleiter. Zum einen gelte es zu erkennen, wer sich bewusst fürs Alleinsein entschieden habe und damit zufrieden sei. Noch anspruchsvoller aber sei es, fehlende emotionale Nähe aufzufangen, so Dirk im Brahm. »Das kann ich nur in die Hände unserer Pflegekräfte legen, die sich für einen Menschen im Zweifel Zeit nehmen, die sie im Arbeitsalltag eigentlich gar nicht haben.«
Wichtige Einzugsphase
Und so ist der Verbleib in der eigenen Wohnung, für viele im Alter das oberste Ziel, nicht immer die richtige Entscheidung. Der Umzug in eine stationäre Einrichtung kann zuweilen die weitaus bessere sein. »Das gemeinschaftliche Leben ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Beitrag, um Einsamkeit im Alter vorzubeugen«, sagt Andreas Becker, Leiter des Pflegezentrums Walter-Kobold-Haus in Düsseldorf-Wittlaer. Dabei ist es für ihn ebenfalls wichtig, zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu unterscheiden: »Viele Menschen genießen es, auch einmal Zeit für sich zu haben«, sagt er. Einsamkeit dagegen sei ein Gefühl, das entstehe, wenn soziale Kontakte oder emotionale Nähe fehlen: »Selbst dann, wenn man von anderen umgeben ist. Das ist der Punkt, wo wir dann auch tätig werden.«

Bereits in der Einzugsphase legen Andreas Becker und sein Team daher großen Wert darauf, neuen Bewohnerinnen und Bewohnern den Start zu erleichtern. »In den ersten sechs Wochen arbeiten wir viele Dinge gezielt ab, um den Menschen gut kennenzulernen – etwa durch die Erhebung biografischer Daten, Gespräche über Gewohnheiten, Interessen und Bedürfnisse«, macht er deutlich. Ebenso wichtig sei die konkrete Begleitung in dieser Anfangszeit: »Wir zeigen das Haus, stellen die verschiedenen Angebote vor und unterstützen aktiv dabei, erste Kontakte zu anderen Bewohnerinnen und Bewohnern zu knüpfen.«
Diese ersten Wochen seien besonders wichtig, um Orientierung zu geben und Vertrauen aufzubauen, so der Einrichtungsleiter. Man wolle damit »bewusst das ehrliche Gefühl vermitteln, willkommen und eingebunden zu sein«. Dies bildet letztlich die Grundlage für die Menschen, das umfangreiche Angebot im Walter-Kobold-Haus auch annehmen zu können – vom gemeinsamen Spazieren übers Basteln bis zum Singen.
Auf- und angenommen
Es ist im Grunde das, was Gisela Wagner auch an der Tagespflege im Quartiershaus Am Röttchen so schätzt. Die Betreuung sei wunderbar, »man fühlt sich hier auf- und angenommen«, sagt die 93-Jährige. Dass Simone Golenz im sogenannten Presseclub an diesem Vormittag einen Artikel über die zunehmende Vereinsamung in der Gesellschaft vorgelesen hat, sei allerdings Zufall, wie diese beteuert. »Thema war, dass die Jungen die Älteren bei dieser Problematik langsam überholen«, berichtet die Betreuungskraft. Die Jugend, so der Bericht, bevorzuge statt Social Media daher wieder mehr und mehr die altmodische persönliche Kontaktpflege, um der Einsamkeitsfalle zu entkommen.
Gisela Wagner kann das gut verstehen. »Das Schöne ist: Wir haben hier Gesellschaft«, sagt sie und strahlt. Für sie ein unschätzbarer Wert. Die Seniorin denkt bereits darüber nach, künftig an einem weiteren Tag in der Woche ins Quartiershaus zu kommen.
Info
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