„Mein Herz schlägt diakonisch“
Vor seinem Ruhestand spricht Stiftungspfarrer Dietmar Redeker über gelingende Begegnungen, das weite Feld des Glaubens und besondere Freiheiten im Pfarrdienst.
Herr Pfarrer Redeker, nach rund einem Vierteljahrhundert als Pfarrer im Dienst für die Graf Recke Stiftung gehen Sie demnächst in den Ruhestand. Wenn Sie auf Ihre Anfänge zurückblicken, was ist der größte Unterschied zu heute?
Dietmar Redeker: Dass sich der Arbeitsbereich enorm vergrößert hat. Als ich die Pfarrstelle hier übernommen habe, gab es noch eine eigene Kirchengemeinde. Zu dieser gehörten die Menschen, die entweder bei der Stiftung arbeiteten oder aber betreut wurden, entweder hier in Einbrungen oder an der Grafenberger Allee, dazu gab es einige, wenige Außenwohngruppen. Da die Stiftung seitdem immens gewachsen ist, heißt das, dass ich heute zwar hauptsächlich in den Düsseldorfer Einrichtungen der Stiftung tätig bin, aber auch öfter mal in Hilden, in Ratingen, in Kaarst und gelegentlich auch in Bad Salzuflen, Leverkusen oder in Neumünster im hohen Norden.
Was sind denn die zentralen Aufgaben eines Stiftungspfarrers?
Zwei Überschriften: Ich habe zum einen klassische Pfarrersaufgaben wie in einer Ortsgemeinde auch: ich bin da für Beerdigungen, für Taufen, für Trauungen, für Seelsorge. Der zweite große Block sind Aufgaben, die speziell in einer großen diakonischen Einrichtung vorkommen. Das heißt zum Beispiel, ich biete Fortbildungen an für Mitarbeitende, begleite Auszubildende zu einem Wochenende zum Thema Diakonie an die Nordsee oder übernehme das Beratungsangebot in unserer Ombudsstelle für Kinder und Jugendliche.
Es ist also eine Mischform: Vieles was ein normaler Ortsgemeindepfarrer macht, mache ich auch, aber immer ein bisschen anders. Ich leite beispielsweise eine Konfirmandengruppe, aber eine inklusive, die aus Jugendlichen aus unseren Wohngruppen besteht, mit gewissen Handicaps, und Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Das sind so Besonderheiten. Diese Freiheiten habe ich sehr genossen. Ich konnte mich ein wenig lösen von den Formen, die wir in der Ausbildung gelernt haben.

Was sind die Voraussetzungen, um so arbeiten zu können? Was sollte man mitbringen?
Ein Kollege aus der Jugendhilfe sagte einmal: „Wenn man hier arbeiten will, dann muss man letztendlich die Menschen gernhaben.“ Das fasst es in aller Kürze gut zusammen. Auch wenn ein Kind Randale macht, mich provoziert oder sich verweigert, muss diese Wertschätzung da sei. Und das merken die Kinder auch. Ich erinnere mich an eine Konfirmandenfreizeit, da habe ich mich das ganze Wochenende mit einem Jungen gezofft. Der hat ständig rebelliert, gegen die Autorität angekämpft. Und ich habe gegengehalten, ihm Grenzen aufgezeigt, aber dabei differenziert zwischen ihm als Menschen und seinem herausfordernden Verhalten. Das hat er anscheinend gespürt. Nach der Rückkehr, alle anderen waren schon weg, kam der Junge auf mich zu, stellte sich vor mich hin und sagte: „Herr Redeker, das war ein schönes Wochenende.“ Da war ich baff.
Kurzum: Die Menschen anzunehmen ist sicher eine wichtige Voraussetzung, und das gilt natürlich über den Kinder- und Jugendbereich hinaus. Wenn ich den unterschiedlichsten Klienten begegne, habe ich eine grundsätzliche Akzeptanz, bin erst einmal neugierig. Und auch meine Sorge wurde immer weniger, dass mir in belastenden Situationen nicht die richtigen Worte einfallen oder ich irgendetwas falsch machen könnte. Über all die Jahre ist da so ein Grundvertrauen gewachsen, dass diese Begegnungen in der Regel gelingen.
Hatten Sie tatsächlich nie Sorge, bei Menschen in Ausnahmesituationen etwa, nicht die richtigen Worte zu finden?
In jungen Jahren schon, natürlich. Aber wie gesagt, man wächst letztlich durch die Erfahrungen. Zusätzlich gibt es entsprechende Fort- und Weiterbildungen. Ich habe mir da auch noch eine ganze Menge an Fachwissen angeeignet. Sehr hilfreich war zum Beispiel eine Fortbildung zum Thema: „Seelsorge zwischen Tür und Angel“. Und weil ich bemerkt habe, dass die Nachfrage nach Trauerbegleitungen bei Kindern und Jugendlichen immer größer wird, habe ich vor einigen Jahren an einer großen Fortbildung zum diesem Thema teilgenommen. Das war noch einmal sehr hilfreich. Seitdem biete ich auch Fortbildungen an für unsere Mitarbeitenden aus der Kinder- und Jugendhilfe an, bei denen ich dieses Wissen weitergebe.
Und, das finde ich auch noch klasse an meiner Stelle hier: Ich habe ungefähr 4.000 Fortbildner um mich herum – nämlich die Kolleginnen und Kollegen in den Einrichtungen der Stiftung! In der Zusammenarbeit mit ihnen habe ich immer Augen und Ohren aufgemacht und geschaut, was imponiert mir, was kann ich lernen? Ich habe das dann teilweise übernommen und quasi mit dem Blick auf christliche Werte entsprechend für mich angewendet.
Hat sich ihre Arbeit auch in anderer Form verändert über die Jahrzehnte?
Das eine ist, dass die Stiftung immer größer geworden ist, sowohl quantitativ, als auch qualitativ, weil immer neue Arbeitsfelder dazugekommen sind. Was sich noch verändert hat: Zu Beginn gab es noch eine große Anzahl von klassischen Ehrenamtlichen, die meine Arbeit begleitet haben. Im Laufe der Zeit sind die Unterstützerbereiche eher im professionellen Bereich gewachsen.
Es gibt seit mittlerweile sieben Jahren in der Jugendhilfe das Projekt „Religions- und kultursensibles Arbeiten“, in dem zehn RKS-Paten diese Arbeit mittragen. Das ist ein großer Schritt gewesen, um die Arbeit nochmal auf andere Füße zu stellen. Und aus diesen Paten sind dann, zumindest teilweise, wiederum fünf Diakonie-Guides entstanden. An jedem der großen Standorte der Stiftung ist je einer Gesicht und Motor für die diakonische Kultur in der Graf Recke Stiftung. Das sind Entwicklungen, die ich sehr begrüße, über die ich mich sehr freue.
Ist es auch die Antwort der Stiftung auf die zunehmende Abkehr der Menschen von der Kirche?
In der Tat, auch bei unseren Klienten und Mitarbeitenden ist das zu spüren. Es erfordert andere, neue, kreative Formen, um der Seele derer etwas Gutes tun zu können, die sagen: Lass mich bloß mit verfasster Kirche in Ruhe. Über die religions- und kultursensible Arbeit haben wir gute Zugänge gefunden: Bevor wir in die Tiefe gehen, machen wir deutlich, dass wir nicht missionieren wollen. Glaube kann schlicht auch sein: Ich habe irgendwie eine Hoffnung in mir, auch wenn ich nicht weiß, wieso und warum und woher. Aber ich glaube dran. Wenn wir diese Tür öffnen, dann spüren wir in unserer Arbeit ganz viele Möglichkeiten. Das ist immer die Verbindung von sozialer Arbeit und Theologie. Für mich gehört das ganz eng zusammen, mein Herz schlägt diakonisch. Und ich fand es schön, dass ich hier den Schwerpunkt auf das Diakonische, das Miteinander legen konnte.
Das ist immer die Verbindung von sozialer Arbeit und Theologie. Für mich gehört das ganz eng zusammen, mein Herz schlägt diakonisch.

Wird Ihnen das am meisten fehlen, wenn Sie ab Frühsommer im Ruhestand sein werden?
Ganz sicher. Ich habe den RKS-Paten und den Diakonie-Guides auch schon so gesagt, dass ich gerne noch zehn Jahre mit ihnen weiterarbeiten würde. Das werde ich schon vermissen. Und natürlich die Begegnungen mit unseren Senioren, den Menschen aus der Sozialpsychiatrie, mit den Kindern. Aber ich gönne meinem Nachfolger Peter Krogull von Herzen, dass er jetzt diese Begegnungen haben wird.
Auf was hingegen werden Sie sich, nach so vielen Jahren im Pfarrdienst, ab dem Sommer freuen?
Ein Stück weit die Verantwortung abzugeben – das finde ich erleichternd. Und mehr Zeit zu haben. Ich lerne derzeit niederländisch, fahre Fahrrad und buddle gerne im Garten. Ich freue mich auch darauf, mehr Zeit für Freunde und Familie zu haben. Aber ich arbeite auch noch ein bisschen bei der Stiftung weiter, etwa in der Ombudsstelle, so ist der Plan.
*Achim Graf führte das Interview
Pfarrer Dietmar Redeker
Dietmar Redeker, 64, geboren und aufgewachsen in Goch am Niederrhein, war bereits früh in der kirchlichen Jugendarbeit und der Friedensbewegung engagiert. Nach seinem Zivildienst, je zur Hälfte in einer Jugendherberge und einem Kurheim für Mütter von Kindern mit Behinderung, studierte er in Bonn und Marburg evangelische Theologie. Nach dem Vikariat, der praktischen Ausbildung für Pfarrerinnen und Pfarrer, schloss sich ein zweijähriges, von der Kirche initiiertes journalistisches Volontariat an, unter anderem beim WDR Köln und in diversen Redaktionen in Düsseldorf.
Im Oktober 1994 kam Redeker zur Graf Recke Stiftung, verantwortete zunächst die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Nach rund fünf Jahren wurde dann die Pfarrstelle in der Stiftung frei, für die er angefragt wurde. Nachfolgend teilte er sich diese mit seinem Freund und Studienkollegen Wilfried Diesterheft-Brehme, während er die andere Hälfte seiner Arbeitszeit weiter als Pressesprecher fungierte. Ab November 2004 übernahm er die ganze Pfarrstelle. Dietmar Redeker ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes.































