Weil sie einsam sind
Niclas Ehrenberg ist ein Careleaver. Das bedeutet, dass er den geschützten Raum der Jugendhilfe verlassen hat, um auf eigenen Beinen zu stehen. Das hat er geschafft, schon lange. Doch er weiß sehr genau, wie schwierig das ist und was es bedeutet, plötzlich allein zurechtkommen zu müssen.
Eines ist Niclas Ehrenberg sehr bewusst: »Es ist schwer, Heimkind zu sein.« Er ist immer offen mit seinem langen Weg durch Pflegefamilien und Wohngruppen umgegangen und er setzt sich bis heute aktiv damit auseinander. Niclas Ehrenberg ist ein Careleaver – er hat den geschützten Raum der Jugendhilfe verlassen, schon vor Jahren. Aber er ist seiner Heimat auf Zeit, der Graf Recke Stiftung, bis heute verbunden: Mit anderen Careleavern und der Unterstützung der Stiftung will Niclas Ehrenberg es jungen Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit leichter machen. Der 30-Jährige engagiert sich schon lange – bereits in seiner Zeit in der Graf Recke Stiftung, wo er den Kinder- und Jugendrat vor etwa zehn Jahren mit aufgebaut hat, der bis heute die Interessen der jungen Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe der Stiftung vertritt. Auch politisch hat er sich seitdem an vielen Stellen und in verschiedenen Rollen eingemischt. Und er ist weiterhin mit zahlreichen ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern im Kontakt. Er möchte sie unterstützen, denn er hat festgestellt: »Viele sind einsam.«
Die Gründe sind vielfältig und die meisten kennt Niclas Ehrenberg aus eigener leidvoller Erfahrung. Häufig falle es Careleavern schwer, Bindungen aufzubauen oder gar Beziehungen zu führen. Auch er selbst sei daran immer wieder gescheitert. »Aber ich bin keiner, der zwanghaft danach sucht. Und das gibt es auch bei Careleavern, dass einer alle zwei Wochen eine neue Freundin oder einen neuen Freund mitbringt, nur damit er eine Bindung hat.« Er selbst berichtet vom Verlust seines Partners, der verstorben sei, »ein Mensch, der mir in einer schwierigen Zeit Halt gegeben hatte«. Eine spätere Beziehung scheiterte, aber Niclas Ehrenberg ist stolz darauf, dass er bis heute ein gutes Verhältnis zu seinem Ex-Freund pflegt. Außerdem weiß er zwei gute Freunde an seiner Seite. Damit fühlt er sich im Leben gut aufgestellt, und natürlich auch mit seiner eigenen Wohnung und einem festen Einkommen.

Aber die frühen Brüche in seinem Leben haben Niclas Ehrenberg geprägt. »Ich war in zwei Pflegefamilien und in drei verschiedenen Heimen«, berichtet er. »Dann hast du da eine super Pädagogin, die kümmert sich 24/7 um dich, und dann musst du von einem Tag auf den anderen in ein anderes Heim. Da ist die Bindung plötzlich weg.« Er habe dann für sich »eine Mauer gebaut«, um mit dem Trennungsschmerz umzugehen: »Dann gibt es jetzt halt ’ne neue Welt.«
Frühe Bewältigungsstrategien
Der junge Niclas hat sich solche Bewältigungsstrategien früh aneignen müssen. Seine Mutter sei überfordert und sein Vater gar nicht da gewesen. Erst mit knapp 19 Jahren habe er ihn kennengelernt. Doch auch das verbindet Niclas Ehrenberg mit einer schmerzhaften Erfahrung: Seinem Vater und Teilen der Familie sei es vor allem ums Geld gegangen. »In dem Versuch, endlich eine Familie zu haben, habe ich für sie sogar Schulden gemacht, die ich bis heute abzahle«, erzählt er. »Ich dachte, wenn ich helfe, dann bekomme ich Zuneigung zurück.« Irgendwann zog er die Konsequenz: »Es ist besser, keine Familie zu haben, als eine, die nur an dein Geld will und nie mal fragt, wie es dir geht.«
Es ist besser, keine Familie zu haben, als eine, die nur an dein Geld will und nie mal fragt, wie es dir geht.
Niclas Ehrenbergs Bewältigungsstrategien bestehen heute nicht mehr nur aus Mauern – vielmehr versteht er sich als Vernetzer. Mit seinen eigenen Erfahrungen zu helfen, ist eines seiner großen Anliegen. Und er macht es konkret: Der Schritt in ein eigenes Leben müsse noch viel besser begleitet werden, findet er. In der Jugendhilfe der Graf Recke Stiftung gebe es ja eine Willkommensmappe. »Aber eigentlich müsste es auch eine Aussteiger- oder Abschiedsmappe geben, wo drinsteht, was man wissen muss und an wen man sich bei Fragen wenden kann.« Er kenne viele, die danach den Halt verloren, in die Sucht abglitten. »Weil sie einsam und alleine sind.«
Eine Art Therapie
Die Careleaver, die sich dazu heute in der Graf Recke Stiftung treffen, haben alle ganz unterschiedliche Motive, meint Niclas Ehrenberg. »Es gibt Leute, die sind da zum Vernetzen, es gibt Leute zum Helfen und es gibt andere, die einfach über die Vergangenheit sprechen wollen.« Für sich selbst sieht er die Careleaver-Meetings auch als eine Art Therapiestunde, in der man sich über alles austauschen könne.

Vor allem aber will Niclas Ehrenberg etwas bewegen. Das Thema Abschiedsmappe hat er im Careleaver-Kreis schon platziert. Außerdem würde er gerne Ehemaligen, die einsam sind, am Heiligabend einen Raum in der Stiftung bieten. »Gerade an Weihnachten fühlen sich viele einsam.« Deshalb setzt Niclas Ehrenberg schon seit Jahren ein Herzensprojekt um: In der Vorweihnachtszeit verteilt er Karten für Heimspiele des Eishockeyclubs Düsseldorfer EG an junge Menschen aus der Graf Recke Stiftung. Gemeinsam gehen sie zu den Spielen. Dabei geht es um Eishockey, aber auch »Gespräche und eine Auszeit vom Alltag«, sagt er.
Niclas Ehrenberg bleibt dran, schließlich hat er auch das in der Graf Recke Stiftung gelernt: 2014 stemmte er sich mit anderen Jugendlichen aus Wohngruppen der Kinder- und Jugendhilfe gegen die Schließung eines arbeitspädagogischen Zentrums. Verhindern konnten sie die Schließung nicht, aber das gemeinsame Engagement war eine Art Initialzündung für den Kinder- und Jugendrat, der kurz darauf entstand. Und Niclas Ehrenberg war einer der ersten Sprecher. »Ich wollte nicht, dass alles schöngeredet wird«, sagte er damals. Und er machte die Erfahrung: »Ich kann etwas bewegen.«
In seinem Leben hat Niclas Ehrenberg schon viel bewegt, er ist dabei häufig angeeckt und hat immer wieder Krisen durchlebt. Seine Vergangenheit stand ihm oft im Weg, aber er hat sie immer wieder aufgearbeitet, sich auch professionelle Hilfe geholt, und weitergemacht. Für sich – und andere.
Vor zwölf Jahren haben wir schon einmal mit dem damals 18-jährigen Niclas Ehrenberg gesprochen. Die Geschichte »Niclas nervt. Aus Überzeugung!« können Sie hier nachlesen: Geschichte-niclas
Info
Für die meisten sind familiäre Netzwerke eine Selbstverständlichkeit. Careleaver, also junge Menschen, die aus Jugendhilfe-Maßnahmen in die Selbstständigkeit entlassen werden, haben sehr häufig kein Elternhaus oder überhaupt ein vergleichbares »altes Zuhause«, um dort Unterstützung, Rat oder auch Rückzugsorte bei Krisen zu finden. Der Übergang in die Selbstständigkeit ist häufig von neuen biografischen Brüchen und auch tiefen Krisen geprägt. Und spätestens dann nehmen viele Careleaver ihre ehemaligen Betreuungseinrichtungen als Ersatz für die fehlende Familie wahr. Das Sozialgesetzbuch sieht ausdrücklich die Möglichkeit angemessener Nachbetreuung vor. Die konkrete Umsetzung besteht in der Graf Recke Stiftung zum einen aus einer frühzeitigen Vorbereitung auf den Übergang, später aus Careleaver-Treffen und anderen meist losen Netzwerken. Konkrete Begleitung, Beratung oder gar eine zeitlich begrenzte Wiederaufnahme dagegen bedürfen längerer Vorlaufzeiten und der Zustimmung von Kostenträgern.
